Freitag 18. August 2017
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Heilende Unruhe
Leitartikel Juli/August
Leitartikel Juli/August 2017
von Chefredakteur Henning Klingen
Heilende Unruhe
Leitartikel Juli/August
Leitartikel Juli/August 2017

von Chefredakteur Henning Klingen

Ich bin ein Getriebener. Immer wieder schreibe ich zwar über Ruhe, Muße und Bedacht, empfehle Entschleunigung als Lebenseinstellung – selber aber lebe ich dies nur selten. Kaum logge ich mich auf einem Computer ein, verfolgen mich die digitalen „To do“-Listen: „Editorial für’s ‚miteinander‘ schreiben!“, mahnt mich einer der Punkte etwa seit Wochen. Ein anderer erinnert mich an einen Vortrag im Sommer, den es vorzubereiten gilt. Sinnvolle Maßnahmen zur Strukturierung des Alltags, könnte man meinen. Tatsächlich aber haben diese „To do“-Listen ein erstaunliches, ja pathologisches Eigenleben entwickelt – denn mich stresst inzwischen nicht mehr die Fülle an zu erledigenden Dingen, sondern das Gegenteil: eine leere Liste. Ruhe. Stillstand. Und das macht mir Sorge.

Vor gut einem Jahr habe ich im „miteinander“ ein für mich persönlich sehr aufschlussreiches Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa geführt (nachzulesen unter www.miteinander.at/resonanz). Es ging dabei genau um dieses Gefühl, nicht mehr Herr jener Beschleunigungsdynamik zu sein, die bis ins persönliche Lebensumfeld alles durchdringt. Und Rosa stellte einen ernüchternden Befund aus: Entschleunigung bringt nichts. Denn sie ist selbst nur Mittel zum Zweck einer weiteren Effizienzsteigerung. Slow down – um dann umso rasanter durchzustarten.

Was Rosa als Gegenmittel empfiehlt, ist nicht etwa ein Aussteiger-Dasein, kein Griff in die Speichen, der das Rad der Alltagsrasanz zum Stehen bringt. Nein, er rät jene Oasen zu stärken, in denen man eine Antwort erhält auf die Frage nach dem Warum. Räume der „Resonanz“, in denen die Welt plötzlich zu einem „spricht“, wo man auf einmal feststellt, dass man nicht bloß ein Spritzer Gischt im Ozean der Zeit ist, sondern dass das eigene Leben und Handeln wertvoll und wichtig ist. Manche mögen eine Antwort in der Natur finden, andere im Sport, wieder andere in Familie oder Religion. Orte der Erfahrung von etwas anderem, Anders-Orte sozusagen.

Unruhe darf also sein. Mehr noch, sie ist nötig. Denn sie treibt das Rad der Geschichte voran – solange sie nicht zum Selbstzweck wird. Wenn nämlich Gott, wie es in einem bekannten Gebet sinngemäß heißt, keine anderen Hände hat als unsere, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als diese Hände zur rühren. Tag für Tag. Im Vertrauen darauf, dass das, was wir tun, bei Ihm Widerhall findet, dass es auf Resonanz trifft. Das wusste im Übrigen schon der Kirchenvater Augustinus, als er in einer berühmten Sentenz in seinen „Bekenntnissen“ an Gott gewandt schrieb: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“

Streitfall Kopftuch
Kolumne von Ingeborg Schödl
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Ingeborg Schödl
Streitfall Kopftuch
Kolumne von Ingeborg Schödl
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Ingeborg Schödl

 

Ich bin überzeugt, wenn meine Zeilen in Druck gehen, ist die Diskussion „Kopftuch Ja/Nein“ noch immer brandaktuell. In der Sache selbst bin ich etwas verunsichert. Jedes Argument – ob pro oder kontra – hat etwas für sich. Sicher trugen die Frauen bei uns am Land auch ein Kopftuch. Der Vergleich hinkt aber, da sie dieses nicht aus religiösen Gründen trugen, sondern als Schutz bei der Arbeit, gegen die Sonne und vor der Kälte.

 

Juden tragen ihre Kippa, auch einen Schtreimel, katholische Priester ein Kollar oder ein Kreuz am Revers, Ordensfrauen den ordenseigenen Habit oder ein Zeichen ihrer Gemeinschaft. Männer aus dem Orient einen Turban oder einen Fez. Vor Jahrzehnten wurde dass Kopftuch des Palästinenserführers Jassir Arafat zu einem politischen Symbol. Sogar bei der Jugend Westeuropas war es modern, ein solches zu tragen, und niemand fand etwas dabei. Die Aufzählung aller aus religiösen, kulturellen oder politischen Gründen getragenen Kopfbedeckungen bei Mann und Frau würde mein „Seitenschiff“ überfordern.

 

Warum, frage ich mich daher, sollen muslimische Frauen kein Kopftuch tragen? Egal, ob aus religiösen Gründen oder einfach als Bekenntnis zu ihrer Herkunft. Ob sie es nur tragen, weil es die Männer einfordern, ist schwer nachzuweisen bzw. zu unterbinden. Da hilft nur, unser gleichberechtigtes Frauenbild glaubwürdig (auch von den Männern) vorzuleben. Wer hier leben will – ob mit oder ohne Kopftuch oder sonstiger Kopfbedeckung –, hat dieses und unsere demokratischen Grundwerte zu akzeptieren.

 

 

 

 

 

 

Ingeborg Schödl

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Juli/August2017

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Ehrensache Ehrenamt

Gute Vorsätze

Rund 3,3 Millionen Österreicherinnen und Österreicher engagieren sich ehrenamtlich - und sie leisten damit letztlich einen wertvollen Dienst an der Demokratie selbst.

 

Leitartikel von Chefredakteur Henning KlingenWissen Sie noch, was Sie am 5. Dezember getan haben? Waren Sie bei der Arbeit, haben sich um die Familie, die Kinder gekümmert. Oder haben Sie sich ehrenamtlich für Flüchtlinge, Obdachlose oder kranke Menschen engagiert? Dann jedenfalls war dieser 5. Dezember ein Feiertag nur für Sie – und für stolze 3,3 Millionen Menschen in Österreich. Denn es war der "Internationale Tag des Ehrenamtes". Seit 1986 dient er dazu, für das Ehrenamt zu werben. Und dies offenbar mit Erfolg, denn laut Freiwilligenbericht leisten 46 Prozent der Bevölkerung Freiwilligenarbeit. Woche für Woche im Ausmaß von 8 Millionen Stunden.

 

Ich bin an jenem 5. Dezember wie jeden Morgen ins Büro gefahren. Am Wiener Westbahnhof steige ich dazu um. Es sind noch keine eineinhalb Jahre her, da wurde genau dieser Bahnhof zu einer Drehscheibe der österreichischen Flüchtlingshilfe. Zigtausende Flüchtlinge kamen dort an, suchten nach Familienangehörigen, nach Ladestationen für ihre Handys, nach Auskunft und Hilfe. All dies bekamen sie aus den Händen von freiwilligen Helfern, viele davon Helfer der Caritas. Es wurden Wochen der Gnade, wurde in ihnen doch ein Geist der Solidarität spürbar, der sich dem schlichten Bedürfnis verdankte, anderen Menschen helfen zu wollen. Die vielbesungene Willkommenskultur – sie war und ist eine Kultur des Ehrenamtes. Wer diese jetzt diskreditiert, der diskreditiert damit auch all jene, die sich freiwillig für andere Menschen einsetzen.

 

Gewiss, man sollte das Loblied auf das freiwillige Engagement nicht blauäugig anstimmen. Denn tatsächlich wird dem Ehrenamt gerade dort hofiert, wo sich der Staat aus der Verantwortung stehlen möchte. Flüchtlingshilfe etwa sollte nicht von Ehrenamtlichen erledigt werden müssen – schließlich ist sie eine vorrangige Aufgabe humanitärer Hilfe, zu der sich die Republik international verpflichtet hat. Auf der anderen Seite braucht der Staat Motoren des Gemeinwohls und Oasen der Nächstenliebe als Korrektiv – eben Ehrenamtliche –, ohne die er zu einem seelenlosen Instrument der Polit-Pragmatiker werden würde.

 

Wenn Sie also noch nach einem Vorsatz für's neue Jahr suchen, dann werden Sie doch Teil jener großen Bewegung, die aus der freiwilligen Arbeit auch ein hohes Maß an Glück und persönlicher Zufriedenheit schöpft! Die Kirche bietet eine breite Palette an Möglichkeiten des Engagements – von der Caritas bis hin zur Pflege, von der Pfarre bis zum Ordensbereich. Denn für Christen sollte das Ehrenamt Ehrensache sein.

 

Henning Klingen

Chefredakteur

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Jänner/Februar

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