Montag 1. Mai 2017
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Angst essen Seele auf
Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: Nähe
Leitartikel Mai/Juni 2017
von Chefredakteur Henning Klingen
Angst essen Seele auf
Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: Nähe
Leitartikel Mai/Juni 2017

von Chefredakteur Henning Klingen

In unserem Kleiderschrank versteckt sich ein Wolf. Zumindest abends, wenn es dunkel wird. Davon ist meine Tochter überzeugt. Kein gemeinsames Schrank-Öffnen, keine Beteuerung, dass darin nur Wäsche hängt, kann ihr in den Momenten die Angst nehmen. Denn Angst ist fast immer irrational – und eine gewaltige Kraft, die unser sonst so auf Sicherheit bedachtes Leben aus den Fugen geraten lässt. Angst essen Seele auf. Appelle, Erklärungen, Versprechen – all das bringt nichts, wenn sich einmal die Angst hineingefressen hat in unser Herz. Das gilt im Kinderzimmer, aber auch im öffentlichen Leben.

Tatsächlich scheint das zeitdiganostische Zentralmotiv der letzten Jahre – das Wort "Krise" – inzwischen ein Geschwisterchen bekommen zu haben – die Angst: Wir fürchten uns vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Abstieg, vor dem Krieg, manch einer fürchtet sich vor dem Fremden – sei es in Gestalt des Flüchtlings oder in Gestalt des Islam. Wo diese Angst keine Ausdrucksform findet, da sucht sie nicht selten ein Ventil in Form von Gewalt.

Es ist das Wesen dieser Angst, gegen Vernunft und Argumente immun zu sein. Ich kann mir noch so oft sagen, dass Darth Vader eine Fantasiegestalt in einem absurden Science-Fiction-Film ist – wenn düstere Musik und seine tiefschwarze Maske zusammenkommen, schaudert’s mich jedes Mal. Solche Urängste schlummern in uns allen – und sie haben auch ihr Gutes, denn sie raten zur Vorsicht, zur Flucht statt zu einem vielleicht aussichtslosen Kampf. Letztlich kann Angst somit auch der doppelte Boden der Vernunft sein: die Stimme der Vernunft jenseits unseres Verstandes.

Und die Bibel? Die Kirche? Der Papst? Sie alle appellieren in unterschiedlichen Schattierungen, mutig zu sein, nicht zu verzagen. Aber machen Appelle dieser Art Sinn, wenn die Angst sich bereits tief in unsere Herzen und Seelen gegraben hat? Ja, es macht Sinn. Denn die biblische Religion bleibt nicht beim bloßen Appell stehen. Sie weist einen Weg aus der Angst, der gleichsam ein Weg mitten ins Leben hinein ist: Es sind dies Nähe, Zärtlichkeit, Liebe.

"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott", heißt es beim Propheten Jesaja. Angst wird nicht bagatellisiert, sie wird geteilt! "Ich bin mit dir" – ein revolutionäres Sozialprogramm gegen Angst und Aggression. Gewiss, das macht Angst nicht wett, aber es hilft, sie zu ertragen, sie gemeinsam zu schultern. Nichts anderes fordert meine Tochter ein, wenn wieder mal der Wolf an der Schranktür kratzt: "Papa, bleib bei mir."

 

Eine Flamme für die Werte
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Ingeborg Schödl
Eine Flamme für die Werte
Aus dem Seitenschiff
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Ingeborg Schödl

Die Erwähnung des Wortes "Werte" in medialen Diskursen oder bei parteipolitischen Aktionen ist heute modern geworden. Vom Möchtegern-Politiker bis zum selbsternannten Gesellschaftskritiker wird ein Verlust der Werte beklagt und wortreich der persönliche Einsatz für die Rückholung derselben bekundet. Nur, kaum jemand definiert was er/sie unter dem Begriff Werte versteht.

Ein vorgegebener Wert muss nicht immer wert sein, danach sein Leben auszurichten. Von politischen Diktaturen wie von ökonomischen Interessen wurde der Wertebegriff immer wieder missbraucht. Sicher sind Werte auch wandelbar. Was vor 100 Jahren als Werthaltung angesehen wurde, muss es nicht heute noch sein. Doch es gibt auch unwandelbare Werte wie Verantwortung, Treue, Achtung vor dem Leben, Wahrung der Menschenwürde ... – Werthaltungen, die in der heutigen Gesellschaft bald nur mehr mit der Lupe zu finden sind. Und handelt es sich dabei nicht auch um Werte, welche die selbsternannten Werte-Bewahrer selbst nicht immer vorleben?

Jetzt ein Gedankensprung von mir: Mangelt es uns heute nicht deshalb an Werten, weil uns das Gefühl für Tradition verloren gegangen ist? Ein Begriff, der heute überwiegend mit Rückständigkeit verbunden wird. Doch Tradition bedeutet ja nicht nur bewahren, sondern vor allem weitergeben. Vom Humanisten Thomas Morus stammt der Ausspruch: "Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme." Unsere gesellschaftliche Werthaltung würde eine Flamme dringend benötigen.

Vom Loslassen

Zauber des Anfangs

Ist das Kommende besser als das Alte? Weihnachten sagt "Ja", es lohnt sich, sich auf das Neue, das Unbekannte einzulassen.

 

Leitartikel von Chefredakteur Henning Klingen"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne / der uns beschützt und der uns hilft, zu leben" – Diese Zeilen aus dem Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse zählen zu den am häufigsten zitierten Lyrik-Passagen. Sie strahlen Zuversicht aus, sprechen Mut zu, wo ein Neuanfang noch die Bedrohlichkeit des Ungewissen in sich trägt. Damit der Neuanfang diesen Zauber entfalten kann, muss zuvor Abschied genommen werden. Das wusste Hesse, als er im selben Gedicht formulierte: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne."

 

Doch möchte man Hesse zurufen: Das Loslassen fällt so schwer! Es gibt keine beharrendere Kraft als das Bestehende. "Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön!" lässt Goethe seinen Faust sagen – hoffend auf Beständigkeit und wohl wissend, dass der Augenblick verrinnt wie der Sand im Stundglas. Zum Jahresende feiern wir dieses Verrinnen der Zeit mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Es wird bilanziert: Was wurde erreicht, was ist schief gelaufen, was soll im neuen Jahr anders werden? Silvester. Ganz unprosaisch ohne Hesse und Goethe, dafür mit Sekt und Raketen.

 

Ist das Kommende tatsächlich besser als das Alte? Lange galt es als ausgemacht, dass es nachfolgende Generationen besser haben sollten als ihre Eltern. Dieses Versprechen ist hohl geworden. Besser wird’s nicht mehr, sagen die Zukunftsforscher. Im Gegenteil. Wir werden wieder länger arbeiten, weniger verdienen, mehr teilen, unseren Lebensstandard senken müssen… Ist der Zauber verflogen? Lohnt es sich noch, loszulassen und sich auf das Unbekannte, das Neue zu freuen?

 

Weihnachten sagt: Ja, es lohnt sich. Dabei ist Weihnachten eine Gratwanderung. Ein Fest, bei dem Altbewährtes gefeiert und Neues gewagt wird. Für beides steht das Kind in der Krippe. Für die Verwurzelung in der Prophetie, die den Messias herbeisehnte, und den Neuanfang, den jedes Neugeborene symbolisiert. Es muss noch etwas hinzukommen, um diesem Zauber des Weihnachtsfestes auf die Spur zu kommen: Vertrauen. Auch dafür steht das Bild des Neugeborenen. Radikale Verwiesenheit auf Liebe, Zuneigung – Vertrauen darauf, dass gut wird, was wird.

 

So wünscht Ihnen das gesamte "miteinander"-Team ein frohes, von Hoffnung bewegtes Weihnachten. Lassen Sie los – zumindest das alte Jahr – und vertrauen Sie darauf, dass das Neue gut wird. Oder um es mit Hesse zu sagen: "Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde / Uns neuen Räumen jung entgegen senden / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... / Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"

 

Henning Klingen

Chefredakteur

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Dezember

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