Mittwoch 22. November 2017
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Mag. Elisabeth Mayr

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Was ich nicht vergessen kann…
Leitartikel November/Dezember 2017
von Chefredakteur Henning Klingen
Was ich nicht vergessen kann…
Leitartikel November/Dezember 2017

von Chefredakteur Henning Klingen

 

Jeden Morgen gehe ich auf dem Weg zum Bahnhof über unseren örtlichen Friedhof. Auf einer leeren Grasfläche steht ein kleines, verwittertes Holzkreuz. Kein Geburts-, kein Sterbedatum. Nur ein Name: Leo Pivec. Mich hat das nicht losgelassen. Und so habe ich einer Kollegin davon erzählt, die sich mit Ahnenforschung befasst. Leo Pivec war ein Kind. Gestorben am 28. März 1924 im Alter von nur zwei Monaten an „Lebensschwäche“. Auch weitere Details über die Lebensumstände gab die Recherche her. Und plötzlich steht das kurze, tragische Leben eines Menschen vor Augen, den ich nie kennengelernt habe und der mich doch tagtäglich in Form des kleinen Kreuzes begleitet – und bewegt.

 

Ein anderes Schlaglicht: Neulich hat meine Tochter eine alte, rot schillernde Parfumflasche aus dem Schrank gefischt. „Was ist das?“, wollte sie wissen. Wir haben den Deckel geöffnet und ihr ein wenig auf die Finger geträufelt. Einmal tief eingeatmet – und schwups war ich 22 Jahre zurück katapultiert, an jenen Bauernhof in Kärnten 1995, wo ich meine Frau kennengelernt habe. Sie trug damals diesen Duft. Wohlige Wärme und Tränen stiegen gleichzeitig in mir auf. Kein Foto, kein Text kann Erinnerungen wach küssen, wie es Sinneseindrücke vermögen.

 

Und zuletzt: Google, die größte Datenmaschinerie der Welt. 100 Millionen Gigabyte an Daten sind dort gesammelt. Das wäre ausgedruckt ein Papierberg von 50 Billionen DIN-A4-Seiten. Ein unvorstellbar großer Speicher, dem Menschen Intimstes wie Belangloses anvertrauen. Und das Netz vergisst nicht. Aber es kann sich auch nicht erinnern. Es sind tote Erinnerungen, codiert in Zahlen- und Zeichenfolgen. Kein Holzkreuz, kein Tropfen Parfum kann „das Netz“ bewegen. Es braucht Menschen, die sich bewegen und ergreifen lassen.

 

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil hinter jedem Namen immer mehr steht als bloß ein Name. Weil es Orte braucht, an denen solche Namen und ihre Geschichten erinnert werden können. Und weil Erinnerungen nichts Lineares sind: sie lassen sich nicht verordnen oder gar einer ganzen Kultur injizieren, wenn sie nicht mit Emotionen gefüllt sind. Es muss die Leerstelle gespürt werden, die ein Mensch hinterlässt. Es braucht den Schmerz des Vermissens. Dann sind Erinnerungen nicht von gestern, sondern weisen ins Heute ein. Dann spenden sie nicht nur Wärme, sondern orientieren uns, machen uns erst zu Menschen.

 

Nicht vergessen darf ich im Übrigen auch, Ihnen eine besinnliche Vorweihnachtszeit und ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Bleiben Sie uns und unserem Anliegen, Berufungen in diesem Land zu fördern, gewogen!

An ihren Worten erkennt man sie
Eine "miteinander"-Kolumne von Ingeborg Schödl
Kolumne von Ingeborg Schödl
An ihren Worten erkennt man sie
Eine "miteinander"-Kolumne von Ingeborg Schödl

Kolumne von Ingeborg Schödl

 

Das „Seitenschiff“ bietet sich für mich nicht nur als gute Position für Beobachtungen an, sondern auch als Raum, wo ich so vor mich hin sinnieren kann. Derzeit beschäftigen mich der heute praktizierte Umgang mit der Sprache, der Verlust des Sprachgefühls und damit verbunden auch das Verschwinden von Wörtern aus unserem Sprachschatz.

 

Sprache ist immer ein Ausdruck der jeweiligen Zeit, in ihr spiegelt sich das gesellschaftliche und zwischenmenschliche Klima wider. Und da sind wir derzeit bereits auf der unteren Ebene angelangt. Ob in der Politik, in den Medien, im Kulturbereich: Die Verwendung von Kraftausdrücken, auch Obszönitäten, ist „in“ geworden. Die feine Klinge scheint heute niemand mehr führen zu können. Für Zwischentöne dürfte das Ohr der Zeit seine Hörfunktion verloren haben. Die Beiträge in Sozialen Medien scheinen sich sogar bewusst in brutalen und vulgären Formulierungen überbieten zu wollen. Und wir? Verwenden wir nicht auch oft Worte, die wir früher nie auszusprechen gewagt hätten?

 

Parallel dazu werden Worte aus unserem Sprachschatz sozusagen als überholt geltend entsorgt. Zum Beispiel Respekt, Anstand, Ehrfurcht ... Begriffe, mit denen man nichts mehr anzufangen weiß. Würden sie uns noch etwas bedeuten, dann wären wir gegenüber der Wortwahl so mancher angeblicher Prominenter sicherlich kritischer. Wie immer findet sich auch dafür in der Bibel eine Anleitung: „Die Pflege eines Baumes erkennt man an seinen Früchten und die Gesinnung eines Menschen an seinen Worten“ (Sirach 27,6).

 

 Ingeborg Schödl

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe November/Dezember 2017

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Themen & Schwerpunkte

Morgen könnte es zu spät sein ...

Was bedeutet die biblische Rede von der nahenden Gottesherrschaft? Es steht nicht in unserer Macht, das Reich Gottes herbeizuführen – und doch fordert es uns zum Handeln heraus – hier und heute.

 Morgen könnte es zu spät sein

 

Der Rhythmus der Natur prägt uns. Unser Leben ist selbst ein Teil des Rhythmus der Natur mit ihrem Kreislauf von Werden und Vergehen. Dieser Kreislauf, wie er sich insbesondere in den Jahreszeiten abbildet, war und ist auch für Religionen prägend. Es ist kein Zufall, dass wir Weihnachten feiern, wenn nach dem dunkelsten Tag des Jahres die Tage gerade eben wieder länger werden, und Ostern im Frühling. Und doch: Würden wir Weihnachten ausschließlich als Geschenk wiederkehrenden Lichtes und Ostern als Feier des frühlingshaften neuen Lebens begreifen, wäre das viel zu wenig.

 

Bei aller Anbindung an die natürlichen Abläufe des Lebens ist die entscheidende Kategorie im Christlichen das Wirken Gottes in der Geschichte. Dieses Wirken ist einmalig und endgültig in dem Sinne, dass es keine Wiederholung, Fortsetzung oder Ergänzung benötigt.  Unter diesem Zeichen des „Ein für alle Mal“ steht unsere Erlösung. Diese Linearität ablaufender Zeit, die jedes Geschehen unwiederholbar macht, kennzeichnet noch in einer zweiten Weise unser Leben und unser Handeln: Für niemanden von uns gibt es ein zweites Leben. Auch das „ewige Leben“ ist nicht die Gelegenheit, alles Mögliche „nachzuholen“. Ebenso kann niemand von uns ungeschehen machen, was geschehen ist. Man kann Schuld aufarbeiten und vergeben, möglicherweise gibt es eine „zweite Chance“, aber der eine Augenblick, die Gelegenheit für ein bestimmtes Wort oder eine bestimmte Tat kommt nicht wieder.

 

Die Nähe des Reiches Gottes

Das Neue Testament spricht vom kairos: der passenden, geeigneten Zeit. Damit ist erheblich mehr gemeint als das beliebte „carpe diem“ („Pflücke den Tag“): Jesus hat die Gottesherrschaft, das Reich Gottes, nicht nur als etwas verkündet, das kommen soll, sondern als etwas, das mit ihm, Jesus, bereits anbricht. Das Reich Gottes ist nicht der „Himmel“, in den wir „nach dem Tod kommen“, sondern es ist mit Jesus bereits gegenwärtige Wirklichkeit geworden. Die Wunder Jesu, insbesondere Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, sind erste greifbare Zeichen, dass die Macht des Bösen gebrochen ist: „Die Zeit (kairos) ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15).

 

Freilich: Die Gottesherrschaft scheint alles andere als voll entfaltet – wie wir schmerzlich erleben angesichts des Zustands unserer Welt. Wann wird sie sich vollenden? Sowohl Jesus als auch die ersten Christen gingen wohl davon aus, dass die Vollendung unmittelbar bevorstand. Auf diese Vollendung, die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, warten wir jetzt seit zwei Jahrtausenden – bzw. meistens warten wir eben nicht mehr. Es hat immer wieder extreme apokalyptische Strömungen im Christentum gegeben: Endzeitpropheten, die meinten, demnächst komme mit der Auferstehung der Toten und dem Gericht zugleich das Ende der Welt. Die Folgen solcher Prophezeiungen waren oft fragwürdig, manchmal katastrophal, bewahrheitet haben sie sich aber nie.

 

 

Vollendung im eigenen Tod?

Ein häufigerer Umgang mit der ausbleibenden Vollendung war die Umwandlung in eine Art Fortschrittsidee. Jesus selbst spricht in Gleichnissen vom „Wachsen“ des Reiches Gottes       (z. B. im Senfkorngleichnis Mt 13,31f). Liegt es da nicht nahe, sich vorzustellen, dass sich Gottes Herrschaft nach und nach ausbreitet, z. B. indem das Evangelium immer mehr Menschen und schließlich alle erreicht, indem die Kirche sich auf der ganzen Welt ausbreitet? So naheliegend die Vorstellung ist, so schwierig (und missbrauchbar!) ist sie auch: Sollten wir wirklich davon ausgehen, dass das Reich Gottes uns näher ist als z.B. Paulus oder Franz von Assisi? Vor allem aber wird angesichts der jüngsten Geschichte heute wohl niemand mehr von einem solchen linearen Wachstum sprechen wollen.

 

So hat sich eine dritte Umgangsmöglichkeit durchgesetzt: Die Vollendung des Reiches Gottes geschieht für jeden Einzelnen im je eigenen Tod. So wurde die Frage des individuellen Lebens und Sterbens zur existenziell drängenden Frage, eine allgemeine „Wiederkunft Christi“ hingegen zu einem blassen und angesichts unserer naturwissenschaftlichen Weltperspektive aus der Zeit gefallenen theologischen Lehrstück.

 

Damit stecken wir aber in einem Dilemma. Denn eine solche „Verkleinerung“ des Kommens des Gottesreiches und eine Verschiebung ans Lebensende steht im Kontrast zum Drängen Jesu und des Neuen Testaments: „Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Mt 24,44) Auf der anderen Seite tun wir uns heute nicht nur mit den Höllendrohungen der Gerichtsreden und ihrer Gewalttätigkeit schwer. Mehr noch ist die Naherwartung einer kosmischen Wiederkunft Christi eine Vorstellung, die sich tatsächlich so heute einfach nicht mehr wiederbeleben lässt. Wie würden Sie auf eine Sonntagspredigt reagieren, die Sie dazu aufforderte, mit einem möglichen Ende der Welt im Lauf der kommenden Woche zu rechnen?

 

Die „rechte Zeit“: heute

Einen Ausweg bietet vielleicht die Rede vom kairos. Das Drängende der kommenden Gottesherrschaft liegt dann nicht im angenommenen baldigen Weltende, sondern in der Einmaligkeit des kairos und die Mahnungen der Weltgerichtsreden lassen sich auf die Gefahr hin lesen, die „rechte Zeit“ zu verpassen.

 

Das gilt für unser je persönliches Leben: Dieser konkrete Mensch braucht jetzt meine Hilfe, meine Aufmerksamkeit. Ich kann nicht einfach morgen an irgendjemandem anderen eine gute Tat tun, wenn mir heute nicht so recht danach ist. Und es gilt für den größeren Rahmen der kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Verantwortung von Christen dafür, dass sich Gottes Herrschaft durchsetzt. Reden und schweigen, zögern und handeln, Frieden stiften oder Spaltungen vergrößern: All das geschieht nicht irgendwann und irgendwo, sondern zu konkreten Zeiten, in konkreten Situationen, mit konkreten, einmaligen Folgen. Und morgen könnte es zu spät sein.Dr. Veronika Hoffmann ist Professorin für Systematische Theologie an der Universität Siegen.

 

Veronika Hoffmann

 

Dr. Veronika Hoffmann ist Professorin für Systematische Theologie an der Universität Siegen.

 

 

 

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Juli/August 2017

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