Donnerstag 29. Juni 2017
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

Mag. Elisabeth Mayr

Ihre Ansprechpartnerin:

Mag. Elisabeth Mayr

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 512 51 07

 

» Mail   |   Redaktion & Impressum

 


Angst essen Seele auf
Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: Nähe
Leitartikel Mai/Juni 2017
von Chefredakteur Henning Klingen
Angst essen Seele auf
Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: Nähe
Leitartikel Mai/Juni 2017

von Chefredakteur Henning Klingen

In unserem Kleiderschrank versteckt sich ein Wolf. Zumindest abends, wenn es dunkel wird. Davon ist meine Tochter überzeugt. Kein gemeinsames Schrank-Öffnen, keine Beteuerung, dass darin nur Wäsche hängt, kann ihr in den Momenten die Angst nehmen. Denn Angst ist fast immer irrational – und eine gewaltige Kraft, die unser sonst so auf Sicherheit bedachtes Leben aus den Fugen geraten lässt. Angst essen Seele auf. Appelle, Erklärungen, Versprechen – all das bringt nichts, wenn sich einmal die Angst hineingefressen hat in unser Herz. Das gilt im Kinderzimmer, aber auch im öffentlichen Leben.

Tatsächlich scheint das zeitdiganostische Zentralmotiv der letzten Jahre – das Wort "Krise" – inzwischen ein Geschwisterchen bekommen zu haben – die Angst: Wir fürchten uns vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Abstieg, vor dem Krieg, manch einer fürchtet sich vor dem Fremden – sei es in Gestalt des Flüchtlings oder in Gestalt des Islam. Wo diese Angst keine Ausdrucksform findet, da sucht sie nicht selten ein Ventil in Form von Gewalt.

Es ist das Wesen dieser Angst, gegen Vernunft und Argumente immun zu sein. Ich kann mir noch so oft sagen, dass Darth Vader eine Fantasiegestalt in einem absurden Science-Fiction-Film ist – wenn düstere Musik und seine tiefschwarze Maske zusammenkommen, schaudert’s mich jedes Mal. Solche Urängste schlummern in uns allen – und sie haben auch ihr Gutes, denn sie raten zur Vorsicht, zur Flucht statt zu einem vielleicht aussichtslosen Kampf. Letztlich kann Angst somit auch der doppelte Boden der Vernunft sein: die Stimme der Vernunft jenseits unseres Verstandes.

Und die Bibel? Die Kirche? Der Papst? Sie alle appellieren in unterschiedlichen Schattierungen, mutig zu sein, nicht zu verzagen. Aber machen Appelle dieser Art Sinn, wenn die Angst sich bereits tief in unsere Herzen und Seelen gegraben hat? Ja, es macht Sinn. Denn die biblische Religion bleibt nicht beim bloßen Appell stehen. Sie weist einen Weg aus der Angst, der gleichsam ein Weg mitten ins Leben hinein ist: Es sind dies Nähe, Zärtlichkeit, Liebe.

"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott", heißt es beim Propheten Jesaja. Angst wird nicht bagatellisiert, sie wird geteilt! "Ich bin mit dir" – ein revolutionäres Sozialprogramm gegen Angst und Aggression. Gewiss, das macht Angst nicht wett, aber es hilft, sie zu ertragen, sie gemeinsam zu schultern. Nichts anderes fordert meine Tochter ein, wenn wieder mal der Wolf an der Schranktür kratzt: "Papa, bleib bei mir."

 

100:1 ist deprimierend
Aus dem Seitenschiff - von Georg Plank
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Georg Plank
100:1 ist deprimierend
Aus dem Seitenschiff - von Georg Plank
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Georg Plank

Angeblich braucht man im Schnitt zehn gute Ideen, damit eine davon schlussendlich umgesetzt wird. Das wissen nicht nur Unternehmer, sondern auch viele Kirchenengagierte. Was vielen nicht bewusst ist: Von zehn umgesetzten Ideen scheitern noch einmal 90 Prozent! Obwohl bereits Arbeitszeit, Mittel und Energie eingesetzt werden, kommt es nicht zu den angestrebten Wirkungen.

Während die einen ob solcher Statistiken resigniert meinen: "100:1 ist deprimierend!", lassen sich andere nicht unterkriegen. Sie lassen sich von der Natur inspirieren. Jeder Löwenzahn verbreitet Millionen von Fallschirmchen, in jedem Bienenstock braucht es ein Vielfaches an Eiern für ausreichenden Nachwuchs, und Millionen von Spermien kämpfen um den einen Platz im Ei.

Im allerersten Gleichnis Jesu geht es um einen ähnlich verschwenderischen Sämann (Markus 4,1-9). In den Augen damaliger Landarbeiter war dieser Sämann verrückt. Kein vernünftiger Mensch würde bei einem damals realistischen Ernteertrag von 4-6 Körnern pro Ähre mit dem kostbaren Samen so verschwenderisch umgehen und ihn einfach überallhin werfen! Und um das Fass voll zu machen, verheißt dieser crazy Jesus auch noch 30-, 60-, ja 100fache Frucht!

Innovative Teams sind genauso verrückt. Sie schmeißen mit Ideen verschwenderisch um sich, es macht ihnen nichts aus, wenn aus den meisten nichts wird, der oder die einzelne ist nicht beleidigt, wenn seine oder ihre Idee es nicht schafft. Hauptsache, es gibt Frucht: konkrete Lösungen, Wachstum und Leben. Wer Ohren hat zum Hören, der höre!

(K)ein Zweifel!

Ich zweifle, also bin ich

Gegen den Zweifel machen gerade religiöse Menschen immer wieder die Gewissheit des Glaubens geltend. Doch wie gewiss ist diese Gewissheit eigentlich?

 

Leitartikel März/April 2017Der Zweifel hat Konjunktur in diesen Tagen. Ob Syrien, Trump oder IS-Terror: Die Welt scheint aus den Fugen. Wer hätte das gedacht nach all den hoffnungsvollen Aufstiegs-Jahrzehnten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, dass die Welt wieder an den Abgrund geführt wird? Soll der Mensch tatsächlich nichts aus der Geschichte gelernt haben? Der Weg vom Zweifel zum Verzweifeln – er ist ein denkbar kurzer.

 

Gegen diesen Zweifel bieten so schillernde Begriffe wie Heimat, Identität und Glaube neue, gleichwohl zweifelhafte Gewissheiten an: Die kleine, verkitschte Heimat gegen die anonymen Kräfte der Globalisierung; eine polternde Mir-san-mir-Identität gegen den mitreißenden Strudel steter gesellschaftlicher Beschleunigung und Verunsicherung. Tja, und natürlich ein Glaube – gemeint ist der christliche – als Bollwerk gegen alles Fremde, vornehmlich das Muslimische. Erstaunlich, wie hoch trotz leerer Gotteshäuser die Zahl der selbsternannten Verteidiger eines "christlichen Abendlandes" ist; erstaunlich auch, mit welcher Inbrunst das Christentum wie eine europäische Erbpacht betrachtet wird. Als läge die pulsierende Lebendigkeit dieses Kontinents nicht in seiner multireligiösen Offenheit!

 

Doch die Verlockung ist einfach zu groß, auf der "richtigen Seite" zu stehen. Dabei übersehen die Anti-Zweifler allzuoft, indirekt zu Komplizen der Zündler zu werden. Wer "Wahrheit" und "Gewissheit" im Munde führt, steht stets in der Gefahr, damit zugleich andere abzuwerten. Und von der Abwertung zur offenen Gewalt ist es nur ein kurzer Weg. Religiös zugespitzt wurde dies vom deutschen Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Jan Assmann. Vor Jahren behauptete er in seiner vieldiskutierten These, es sei gar der Monotheismus, das heißt der Glaube an den einen Gott, der per se den Samen der Gewalt in die Welt eingesenkt hat. Wo kein anderer Gott neben meinem Platz hat, hat auch der andere neben mir keinen Platz.

 

Zweifel ist also geboten. Nicht nur an dieser These, sondern umfassend. Denn Zweifel wirkt welterschließend, er weitet den Blick. Gewiss, man kann am Glauben auch ver-zweifeln. Zahlreiche biblische Geschichten geben davon Auskunft. Die Frage nach dem Leiden in der Welt ist der nie erlahmende Motor dieses tiefen und wichtigen theologischen Zweifels. Aber sie führt – einer alten jüdischen Weisheit zufolge – auch zu Gott zurück. Denn wie, wenn nicht auf Gott hoffend, sollte man die Leere und Dunkelheit ertragen, die der existenzielle Zweifel in die Seele frisst?

 

Henning Klingen

Chefredakteur

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe März/April

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

CANISIUSWERK

Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 512 51 07
Fax: +43 1 512 51 07 - 12
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung:
http://www.miteinander.at/