Dienstag 12. Dezember 2017
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

Mag. Elisabeth Mayr

Ihre Ansprechpartnerin:

Mag. Elisabeth Mayr

Stephansplatz 6

1010 Wien

Tel.: +43 1 512 51 07

 

» Mail   |   Redaktion & Impressum

 


Was ich nicht vergessen kann…
Leitartikel November/Dezember 2017
von Chefredakteur Henning Klingen
Was ich nicht vergessen kann…
Leitartikel November/Dezember 2017

von Chefredakteur Henning Klingen

 

Jeden Morgen gehe ich auf dem Weg zum Bahnhof über unseren örtlichen Friedhof. Auf einer leeren Grasfläche steht ein kleines, verwittertes Holzkreuz. Kein Geburts-, kein Sterbedatum. Nur ein Name: Leo Pivec. Mich hat das nicht losgelassen. Und so habe ich einer Kollegin davon erzählt, die sich mit Ahnenforschung befasst. Leo Pivec war ein Kind. Gestorben am 28. März 1924 im Alter von nur zwei Monaten an „Lebensschwäche“. Auch weitere Details über die Lebensumstände gab die Recherche her. Und plötzlich steht das kurze, tragische Leben eines Menschen vor Augen, den ich nie kennengelernt habe und der mich doch tagtäglich in Form des kleinen Kreuzes begleitet – und bewegt.

 

Ein anderes Schlaglicht: Neulich hat meine Tochter eine alte, rot schillernde Parfumflasche aus dem Schrank gefischt. „Was ist das?“, wollte sie wissen. Wir haben den Deckel geöffnet und ihr ein wenig auf die Finger geträufelt. Einmal tief eingeatmet – und schwups war ich 22 Jahre zurück katapultiert, an jenen Bauernhof in Kärnten 1995, wo ich meine Frau kennengelernt habe. Sie trug damals diesen Duft. Wohlige Wärme und Tränen stiegen gleichzeitig in mir auf. Kein Foto, kein Text kann Erinnerungen wach küssen, wie es Sinneseindrücke vermögen.

 

Und zuletzt: Google, die größte Datenmaschinerie der Welt. 100 Millionen Gigabyte an Daten sind dort gesammelt. Das wäre ausgedruckt ein Papierberg von 50 Billionen DIN-A4-Seiten. Ein unvorstellbar großer Speicher, dem Menschen Intimstes wie Belangloses anvertrauen. Und das Netz vergisst nicht. Aber es kann sich auch nicht erinnern. Es sind tote Erinnerungen, codiert in Zahlen- und Zeichenfolgen. Kein Holzkreuz, kein Tropfen Parfum kann „das Netz“ bewegen. Es braucht Menschen, die sich bewegen und ergreifen lassen.

 

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil hinter jedem Namen immer mehr steht als bloß ein Name. Weil es Orte braucht, an denen solche Namen und ihre Geschichten erinnert werden können. Und weil Erinnerungen nichts Lineares sind: sie lassen sich nicht verordnen oder gar einer ganzen Kultur injizieren, wenn sie nicht mit Emotionen gefüllt sind. Es muss die Leerstelle gespürt werden, die ein Mensch hinterlässt. Es braucht den Schmerz des Vermissens. Dann sind Erinnerungen nicht von gestern, sondern weisen ins Heute ein. Dann spenden sie nicht nur Wärme, sondern orientieren uns, machen uns erst zu Menschen.

 

Nicht vergessen darf ich im Übrigen auch, Ihnen eine besinnliche Vorweihnachtszeit und ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Bleiben Sie uns und unserem Anliegen, Berufungen in diesem Land zu fördern, gewogen!

An ihren Worten erkennt man sie
Eine "miteinander"-Kolumne von Ingeborg Schödl
Kolumne von Ingeborg Schödl
An ihren Worten erkennt man sie
Eine "miteinander"-Kolumne von Ingeborg Schödl

Kolumne von Ingeborg Schödl

 

Das „Seitenschiff“ bietet sich für mich nicht nur als gute Position für Beobachtungen an, sondern auch als Raum, wo ich so vor mich hin sinnieren kann. Derzeit beschäftigen mich der heute praktizierte Umgang mit der Sprache, der Verlust des Sprachgefühls und damit verbunden auch das Verschwinden von Wörtern aus unserem Sprachschatz.

 

Sprache ist immer ein Ausdruck der jeweiligen Zeit, in ihr spiegelt sich das gesellschaftliche und zwischenmenschliche Klima wider. Und da sind wir derzeit bereits auf der unteren Ebene angelangt. Ob in der Politik, in den Medien, im Kulturbereich: Die Verwendung von Kraftausdrücken, auch Obszönitäten, ist „in“ geworden. Die feine Klinge scheint heute niemand mehr führen zu können. Für Zwischentöne dürfte das Ohr der Zeit seine Hörfunktion verloren haben. Die Beiträge in Sozialen Medien scheinen sich sogar bewusst in brutalen und vulgären Formulierungen überbieten zu wollen. Und wir? Verwenden wir nicht auch oft Worte, die wir früher nie auszusprechen gewagt hätten?

 

Parallel dazu werden Worte aus unserem Sprachschatz sozusagen als überholt geltend entsorgt. Zum Beispiel Respekt, Anstand, Ehrfurcht ... Begriffe, mit denen man nichts mehr anzufangen weiß. Würden sie uns noch etwas bedeuten, dann wären wir gegenüber der Wortwahl so mancher angeblicher Prominenter sicherlich kritischer. Wie immer findet sich auch dafür in der Bibel eine Anleitung: „Die Pflege eines Baumes erkennt man an seinen Früchten und die Gesinnung eines Menschen an seinen Worten“ (Sirach 27,6).

 

 Ingeborg Schödl

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe November/Dezember 2017

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

Sei mutig!

Angst essen Seele auf

Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: Nähe

 

Das Wesen der Angst ist es, gegen Vernunft und Argumente weitgehend immun zu sein. Daher empfiehlt die biblische Religion auch einen Alternativen Weg aus der Angst: NäheIn unserem Kleiderschrank versteckt sich ein Wolf. Zumindest abends, wenn es dunkel wird. Davon ist meine Tochter überzeugt. Kein gemeinsames Schrank-Öffnen, keine Beteuerung, dass darin nur Wäsche hängt, kann ihr in den Momenten die Angst nehmen. Denn Angst ist fast immer irrational – und eine gewaltige Kraft, die unser sonst so auf Sicherheit bedachtes Leben aus den Fugen geraten lässt. Angst essen Seele auf. Appelle, Erklärungen, Versprechen – all das bringt nichts, wenn sich einmal die Angst hineingefressen hat in unser Herz. Das gilt im Kinderzimmer, aber auch im öffentlichen Leben.

 

Tatsächlich scheint das zeitdiganostische Zentralmotiv der letzten Jahre – das Wort "Krise" – inzwischen ein Geschwisterchen bekommen zu haben – die Angst: Wir fürchten uns vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Abstieg, vor dem Krieg, manch einer fürchtet sich vor dem Fremden – sei es in Gestalt des Flüchtlings oder in Gestalt des Islam. Wo diese Angst keine Ausdrucksform findet, da sucht sie nicht selten ein Ventil in Form von Gewalt.

 

Es ist das Wesen dieser Angst, gegen Vernunft und Argumente immun zu sein. Ich kann mir noch so oft sagen, dass Darth Vader eine Fantasiegestalt in einem absurden Science-Fiction-Film ist – wenn düstere Musik und seine tiefschwarze Maske zusammenkommen, schaudert’s mich jedes Mal. Solche Urängste schlummern in uns allen – und sie haben auch ihr Gutes, denn sie raten zur Vorsicht, zur Flucht statt zu einem vielleicht aussichtslosen Kampf. Letztlich kann Angst somit auch der doppelte Boden der Vernunft sein: die Stimme der Vernunft jenseits unseres Verstandes.

 

Und die Bibel? Die Kirche? Der Papst? Sie alle appellieren in unterschiedlichen Schattierungen, mutig zu sein, nicht zu verzagen. Aber machen Appelle dieser Art Sinn, wenn die Angst sich bereits tief in unsere Herzen und Seelen gegraben hat? Ja, es macht Sinn. Denn die biblische Religion bleibt nicht beim bloßen Appell stehen. Sie weist einen Weg aus der Angst, der gleichsam ein Weg mitten ins Leben hinein ist: Es sind dies Nähe, Zärtlichkeit, Liebe.

 

"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott", heißt es beim Propheten Jesaja. Angst wird nicht bagatellisiert, sie wird geteilt! "Ich bin mit dir" – ein revolutionäres Sozialprogramm gegen Angst und Aggression. Gewiss, das macht Angst nicht wett, aber es hilft, sie zu ertragen, sie gemeinsam zu schultern. Nichts anderes fordert meine Tochter ein, wenn wieder mal der Wolf an der Schranktür kratzt: "Papa, bleib bei mir."

 

Henning Klingen

Chefredakteur

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Mai/Juni 2017

Jetzt kostenloses Probeabo bestellen!

 

CANISIUSWERK

Zentrum für geistliche Berufe

Stephansplatz 6
1010 Wien

Telefon: +43 1 512 51 07
Fax: +43 1 512 51 07 - 12
E-Mail: office@canisius.at
Darstellung:
http://www.miteinander.at/