Wofür lebst du?
Elisabeth Langer
Meine Berufung scheint es zu sein, den Menschen zur Einheit, zum Frieden aufzurufen. Schwächere zu beschützen, ihnen...
Wofür lebst du?
Elisabeth Langer

Meine Berufung scheint es zu sein, den Menschen zur Einheit, zum Frieden aufzurufen. Schwächere zu beschützen, ihnen eine Stimme zu geben. Widerstand zu leisten wo Unrecht passiert. Elisabeth Langer selbstständig, Wien

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Mag. Elisabeth Mayr

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Von Widerstand & Ergebung
Leitartikel
Von Chefredakteur Henning Klingen
Von Widerstand & Ergebung
Leitartikel

Von Chefredakteur Henning Klingen

 

 

Vor fast fünf Jahren habe ich in einem Editorial schon einmal von meinem Großvater berichtet. Damals war er Anfang 90. Sein Leben war rhythmisiert von der Arbeit im Garten, vom Wechsel der Jahreszeiten, den Urlauben mit uns Enkeln, den Skat-Runden und häufiger werdenden Arztbesuchen. Vor zwei Jahren ist mein Großvater gestorben – mit 97 Jahren. Anm.: Dann kann etwas nicht stimmen ...

 

Warum erzähle ich Ihnen das zu Beginn einer Ausgabe zum Thema Zeit? Weil meine Großeltern ein biblisches Alter erreicht haben, meine Großmutter noch immer lebt, gewiss. Aber auch, weil die Besuche bei Ihnen, das Betreten Ihres Universums einem Akt des Aufstands gegen die verrinnende Zeit glichen: Denn meine Großeltern schienen nicht zu altern. Die Zeit verstrich zäh, gebannt in täglicher Routine und Tagebucheinträgen. Und selbst im Sterben rang mein Großvater dem Leben noch Tage, Stunden ab. Der Tod, so schien es, war für ihn nie eine Option. Er wählte stets das Leben – und die Zeit meinte es tatsächlich gut mit ihm, sie hat sich an ihn verschenkt.  

Die Zeit verstrich zäh, gebannt in täglicher Routine und Tagebucheinträgen.

 

Mich beeindruckt dieser Aufstand gegen die Zeit nach wie vor sehr. Denn es steckt nicht nur viel geerdete Lebenskraft darin, sondern auch ein ganz und gar unsentimentales Gottvertrauen: Gott wird das Seine dazu tun, es zum Guten wenden, wenn wir nur unseren Teil in der uns geschenkten Zeit vollbringen. Im Kleinen – der Familie, dem Garten, der Ehe – ebenso wie im Großen. Widerstand und Ergebung – auch hier gehen sie Hand in Hand.

 

Und noch etwas lehrten mich die Besuche bei meinen Großeltern: die Zeit als Geschenk zu begreifen, das man nicht ungenutzt verstreichen lassen darf, sondern welches man dankbar annimmt. Entsprechend blieb mir oft mein Klagen über einen vollen Terminkalender, über den gefühlten Zeitmangel im Hals stecken, sobald ich die Türschwelle zu meinen Großeltern überschritt. Beschämt darüber, dass ich offensichtlich noch nicht begriffen hatte, wie man sich der Zeit angemessen und stets mit einer Prise Humor widersetzt, wie man ihr Sinn und durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch Leben abtrotzt.

Und so möchte ich – ganz Niederrheiner wie meine Großeltern – Ihnen mit ein paar Zeilen des niederrheinischen Dichters und Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch einen zeitsatten Advent und ein frohes Weihnachtsfest im Horizont der uns geschenkten Zeit wünschen:

 

Ich bin vergnügt erlöst befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.


Henning Klingen

 

Was ist schon endgültig?
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Was ist schon endgültig?
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

Was ist schon endgültig?

 

Wieder einmal sinniere ich in meinem „Seitenschiff“ so vor mich hin: Was ist eigentlich im menschlichen Dasein endgültig? Eigentlich nur der Tod, mit dem jedes Leben auf Erden einmal endet. Daran können auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, Entdeckungen etc. etwas ändern. Sonst sind dem menschlichen Forschungsdrang keine Grenzen gesetzt. Ohne diesen würde sich unser Leben noch in der Steinzeit abspielen.

Wir sind dankbar für die Entwicklungen im Bereich der Naturwissenschaften, der Medizin, der Technik. Nur die Kirche tut sich – meist aus Machtgründen – bei neuen Sichtweisen immer schwer. Strafmaßnahmen sollen diese ver- oder behindern. Beispiele dafür gibt es genug – vom Mittelalter bis heute. Nur die Methoden änderten sich. Galileo Galilei drohte man noch mit der Inquisition und Hans Küng entzog man die kirchliche Lehrbefugnis.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich aber auch die Kirche für neue Sichtweisen geöffnet. Sie hat begonnen, sich mit den geänderten Lebensumständen der Menschen und deren gesellschaftlichem Umfeld auseinanderzusetzen. Neu zu überdenken erscheinen etwa das Amtsverständnis und die Stellung der Frau in der Kirche. Vieles ist noch immer ungelöst bzw. es zeichnen sich sogar wieder Rückschritte ab. Durch Nachdenk- und Redeverbot wird man aber die notwendigen Änderungen nicht verhindern können. Es ist nur zu hoffen, dass deren Akzeptanz durch die Kirche nicht so lange dauert wie die Rehabilitation von Galileo Galilei. Sie erfolgte 1992 nach fast 400 Jahren.

 

 

Prof. Ingeborg Schödl

 

(K)ein Zweifel!

Ich zweifle, also bin ich

Gegen den Zweifel machen gerade religiöse Menschen immer wieder die Gewissheit des Glaubens geltend. Doch wie gewiss ist diese Gewissheit eigentlich?

 

Leitartikel März/April 2017Der Zweifel hat Konjunktur in diesen Tagen. Ob Syrien, Trump oder IS-Terror: Die Welt scheint aus den Fugen. Wer hätte das gedacht nach all den hoffnungsvollen Aufstiegs-Jahrzehnten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, dass die Welt wieder an den Abgrund geführt wird? Soll der Mensch tatsächlich nichts aus der Geschichte gelernt haben? Der Weg vom Zweifel zum Verzweifeln – er ist ein denkbar kurzer.

 

Gegen diesen Zweifel bieten so schillernde Begriffe wie Heimat, Identität und Glaube neue, gleichwohl zweifelhafte Gewissheiten an: Die kleine, verkitschte Heimat gegen die anonymen Kräfte der Globalisierung; eine polternde Mir-san-mir-Identität gegen den mitreißenden Strudel steter gesellschaftlicher Beschleunigung und Verunsicherung. Tja, und natürlich ein Glaube – gemeint ist der christliche – als Bollwerk gegen alles Fremde, vornehmlich das Muslimische. Erstaunlich, wie hoch trotz leerer Gotteshäuser die Zahl der selbsternannten Verteidiger eines "christlichen Abendlandes" ist; erstaunlich auch, mit welcher Inbrunst das Christentum wie eine europäische Erbpacht betrachtet wird. Als läge die pulsierende Lebendigkeit dieses Kontinents nicht in seiner multireligiösen Offenheit!

 

Doch die Verlockung ist einfach zu groß, auf der "richtigen Seite" zu stehen. Dabei übersehen die Anti-Zweifler allzuoft, indirekt zu Komplizen der Zündler zu werden. Wer "Wahrheit" und "Gewissheit" im Munde führt, steht stets in der Gefahr, damit zugleich andere abzuwerten. Und von der Abwertung zur offenen Gewalt ist es nur ein kurzer Weg. Religiös zugespitzt wurde dies vom deutschen Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Jan Assmann. Vor Jahren behauptete er in seiner vieldiskutierten These, es sei gar der Monotheismus, das heißt der Glaube an den einen Gott, der per se den Samen der Gewalt in die Welt eingesenkt hat. Wo kein anderer Gott neben meinem Platz hat, hat auch der andere neben mir keinen Platz.

 

Zweifel ist also geboten. Nicht nur an dieser These, sondern umfassend. Denn Zweifel wirkt welterschließend, er weitet den Blick. Gewiss, man kann am Glauben auch ver-zweifeln. Zahlreiche biblische Geschichten geben davon Auskunft. Die Frage nach dem Leiden in der Welt ist der nie erlahmende Motor dieses tiefen und wichtigen theologischen Zweifels. Aber sie führt – einer alten jüdischen Weisheit zufolge – auch zu Gott zurück. Denn wie, wenn nicht auf Gott hoffend, sollte man die Leere und Dunkelheit ertragen, die der existenzielle Zweifel in die Seele frisst?

 

Henning Klingen

Chefredakteur

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe März/April

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