Donnerstag 19. Juli 2018
Wofür lebst du?
Klaus Schwertner; Caritas Wien 2014
Klaus Schwertner
Für ein besseres Miteinander, für mehr Verständnis und Aufmerksamkeit gerade für Menschen, die unsere Hilfe...
Wofür lebst du?
Klaus Schwertner; Caritas Wien 2014
Klaus Schwertner

Für ein besseres Miteinander, für mehr Verständnis und Aufmerksamkeit gerade für Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“ Klaus Schwertner Generalsekretär Caritas Wien

Für ein besseres Miteinander, für mehr Verständnis und Aufmerksamkeit gerade für Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“

Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Fremde Heimat

 

Seit 15 Jahren lebe ich nun in Österreich. Und noch immer sind Erdäpfel bei mir Kartoffel und Paradeiser Tomaten. Das Herz schlägt niederrheinisch, Erinnerungen, Freundschaften und Familie lenken meine Gedanken weiterhin häufig weg von hier – und auch mein Blick auf Österreich bleibt wohl immer ein Blick „von außen“. Bin ich damit schon ein Integrationsverweigerer? Nein, ich würde eher sagen: Ich ringe mit Heimat – mit der vergangenen wie mit der gegenwärtigen. Sie ist mir oft mehr Erinnerung, der Geschmack von Kindheit und Sorglosigkeit, vom klar umrissenen Planquadrat jugendlicher Bewegungsfreiheit zu Rad und zu Fuß. Wenn ich heute in Österreich neue Heimat gefunden habe, bedeutet das immer auch, sie ein stückweit für mich zu er-finden. Immer bleibt das Neue ein wenig fremd, nur Näherungswert.

 

Ein weiteres Schlaglicht: Zu den schwierigsten Aufgaben im redaktionellen Alltag zählt es, ein passendes Bild für das Cover einer Zeitschrift – etwa das „miteinander“ – zu finden. Es soll neugierig machen, das Thema bereits verraten und im Idealfall eine kleine Irritation oder Brechung beinhalten. Wenn man dazu in professionellen Bildergalerien nach dem Stichwort „Heimat“ sucht, wird man rasch fündig – und staunt: Seitenweise werden Fotos von Häusern am Land angeboten. Heimat, verkitscht nicht zur Bergidylle, sondern zum Traum vom Eigenheim. Dazwischen lächelnde Zwei-Kind-Familien. Klein ist er geworden, unser zu Bildern geronnener Traum von Heimat. Und wohl auch entsprechend anfällig für den (politischen) Missbrauch.

 

Und zuletzt: Religion. Es gehört zum Standard-Repertoire kirchlicher Sonntagsreden, Religion in den Kontext von Heimat zu stellen. Nicht selten verbandelt mit dem unseligen Begriff einer (von einigen wohl mehr herbeigesehnten denn tatsächlich vorhandenen) „Leitkultur“. Doch bietet Religion Heimat? Taugt sie – konkret: das Christentum in seiner jeweiligen volkskulturellen Ausprägung – als Bollwerk gegen die kalten Zeitläufte, die uns Heimat zwischen den Fingern zerrinnen lassen? Ich zweifle. Denn theologisch ist gerade das Christentum die Religion der Heimatlosigkeit: das Wüstenvolk auf permanenter Wanderschaft – Heimat einzig als Vision vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Rastlos, ständig herausgefordert, Heimat neu zu finden und zu erfinden – dabei jedoch stets im Bewusstsein, dass Heimat nicht von Haben kommt, sondern von einer Vision, die – einem Wort Ernst Blochs zufolge – jedem in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war …

 

 

Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

 

Weiden am Leiden

 

Manchmal frage ich mich, was in jenen Leuten vorgeht, die Hilfseinsätze behindern, um nur möglichst nahe das Leiden oder gar den Tod eines Menschen mitverfolgen zu können. Rettung, Feuerwehr und Polizei sind zunehmend mit dieser Sensationslust konfrontiert, wodurch ihr Arbeitseinsatz oft wesentlich verzögert wird. Um ein Leben zu retten, zählt aber jede Minute.

 

Was treibt die Menschen zu diesem Verhalten an? Ist in der zwischenmenschlichen Beziehung wirklich jedes Mitgefühl, jeder Respekt vor der Privatsphäre verloren gegangen? Manche meinen, der von den Medien geförderte Voyeurismus ist schuld daran. Stimmt sicher, aber gehörte dieses Weiden am Leiden anderer nicht immer schon zu den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur?

 

Unter der Menge, die am Weg hinauf nach Golgotha stand, herrschte sicher nicht nur Mitgefühl. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter arteten zu wahren Volksfesten aus und die unter der Französischen Revolution erfolgten Hinrichtungen wurden auch vom Jubel der Zuschauer begleitet. Und was war vor achtzig Jahren? Als 1938 die Hitler-Schergen die Juden zwangen, auf den Knien die Gehsteige zu säubern, drängten sich auch ihre Mitbürger um die beste Sicht.

 

Das menschliche Verhalten gegenüber dem Leiden anderer scheint sich nicht zu ändern. In einem aber schon: Heute stellt man per Handy das Gesehene ins Netz, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Unlängst fiel mir ein Zitat in die Hände: Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde. Scham? Ist das nicht heute ein Fremdwort?

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Wofür lebst du?

Der große Aufschluss

Von Andreas Knapp

 

Schlüsselklirren auf einem kalten leeren Flur. Dazu eine laute Stimme: „Aufschluss!“ Ein erlösendes Wort, ersehnt von Menschen, die hinter den Metalltüren warten. Endlich dürfen die Gefangenen für eine oder zwei Stunden aus ihren Zellen. Endlich können sie auf dem Flur auf- und abgehen oder sich in den Hafträumen zusammensetzen, zum Kartenspiel oder Kaffeetrinken. Falls einer von ihnen Kaffee hat.

 

Seit Jahren erlebe ich als Gefängnisseelsorger dieses Ritual. Eine tägliche Szene, die mich immer noch berührt. Beim Gottesdienst zu Ostern projiziere ich für die Gefangenen ein Bild auf die Leinwand. Ein eigenartiges Gemälde, das von den meist nicht-getauften Insassen noch nie jemand gesehen hat: Türen sind aus den Angeln gerissen und liegen auf dem Boden. Dazwischen sieht man große und kleine Schlüssel, die überall zerstreut herum liegen. Dazwischen ein Gefesselter. Was ist da los: Ein gewaltsamer Einbruch? Oder ein Ausbruch?

 

Es ist das Osterbild der orthodoxen Kirche. Die meisten Leute verbinden Ostern mit Darstellungen von Osterhasen oder blühenden Zweigen. Nach der Kälte und Härte des Winters grünt es wieder: Ostern ist des Fest des Lebens. Christen feiern zu Ostern noch mehr als den wunderbaren Frühling. Sie feiern, dass das Leben nicht nur zu einer bestimmten Jahreszeit, sondern für immer siegen wird.

 

Unsere Welt sieht oft anders aus: Es scheint, dass der Tod das letzte Wort hat. Menschen werden verurteilt und weggeschlossen. Sie werden das, was man ihnen anhängt, nicht mehr los. Sie bleiben eingesperrt in die Bilder, die sich andere von ihnen machen. Und unsere Fehler trägt man uns ewig nach. Das Gute dagegen, das jemand getan hat, ist schnell vergessen. Gibt es keine bessere Gerechtigkeit?

 

Die Bibel erzählt von Jesus, der sich für andere eingesetzt und viel Gutes getan hat. Doch dann wird er ungerecht verurteilt und hingerichtet. Seine Freunde, die ihm Treue bis in den Tod versprochen hatten, laufen davon und verkriechen sich. Sie haben ihre Hoffnungen begraben. Ähnlich machen sich die Frauen, die zu Jesus gehörten, am frühen Morgen auf den Weg, um einen Leichnam einzubalsamieren und den Tod zu konservieren. Wir Menschen kennen diese Tendenz, Vergangenes festzuschreiben: Man besorgt sich ein Souvenir, das man verehren kann. Man hält sich an Erinnerungen fest und schaut nach nicht mehr nach vorn.

This is an Xlarge sized file of a first century ancient tomb with the stone rolled aside in Israel. This is similar to the type Jesus would have been buried in .

Doch Jesus bleibt nicht im Grab. Der Stein, den Menschen vor sein Grab gerollt hatten, um ihn zu fixieren, kommt wieder ins Rollen. Jesus hält sich nicht an die vorgeschriebene Friedhofsordnung. Gott hat ihn aus dem Tod herausgerufen, und das Leben geht, wandert und läuft weiter, ungeahnt, völlig überraschend, grenzenlos. Es gibt einen Neuanfang, selbst jenseits des Todes. Die Türen, hinter denen sich Menschen gegenseitig einsperren, sind durchbrochen. Der falsche Ankläger liegt gefesselt am Boden: Die Angst hat keine Macht mehr.

 

Die Gefangenen konnten auf dem Osterbild ihre eigenen Hoffnungen wiedererkennen: dass verschlossene Türen wieder aufgehen. Dass eine durch Schuld verbaute Situation überwunden wird und sich eine Zukunft öffnet. Dass die Schlüssel, mit denen man andere in Vorurteile und Urteile einsperrt, weggeworfen werden und sich ihnen eine neue Chance auftut.

 

Auf dem Bild sieht man, wie Jesus einen Mann und eine Frau aus dem Grab herauszieht. Das ist Ostern: wenn wir herausgeholt werden aus dem Grab der Verzweiflung und der Angst. Wenn uns jemand die Hand reicht, damit wir nicht in d

er Einsamkeit gefangen bleiben. Ostern bedeutet: Es gibt eine Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit. Alles Gute, das ein Mensch gelebt hat, fällt nicht ins Leere, sondern bleibt für immer. Und die Wunden, die wir einander zugefügt haben, können heil werden. Das ist mein Glaube: Gott behält das letzte Wort über das Leben eines Menschen.

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe März/April 2018

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