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Moderne Propheten

Literarische Alltagsprophetie

Viele Menschen erhoffen sich von Horoskopen einen Blick in die Zukunft. Manche nehmen sie gar für bare Münze. Doch was ist dran, an diesen kleinen Prophezeiungen für jeden Tag? Und was lässt sich aus christlicher Sicht dazu sagen?

 

The sun sets over Lake Constance in Germany and lit by a crystal ball.

In der U-Bahn, beim Friseur oder im Wartezimmer des Zahnarztes: Beim Blättern durch die Gratiszeitung oder das Frauenmagazin werfen viele Menschen auch einen Blick ins Horoskop. Wie stehen Merkur, Saturn oder Venus? Eignet sich der Tag, um in der Arbeit voll durchzustarten, oder sollte man einen Gang zurückschalten? Muss man mit Konflikten rechnen oder wird alles harmonisch laufen? Frauen lesen Horoskope statistisch gesehen häufiger als Männer und glauben auch eher, dass an Astrologie etwas dran ist. Wirklich überzeugt davon, dass die Sterne verlässliche Informationen über das eigene Leben geben können, sind Umfragen zufolge allerdings die wenigstens. Zeitungshoroskope haben vor allem Unterhaltungswert. Und trotzdem – so der Eindruck vieler Leser – passen sie häufig wirklich, zumindest irgendwie, zur eigenen Lebenssituation.

 

Damit die kleinen Texte sowohl die Masse als auch jeden Leser persönlich ansprechen, müssen sie sorgfältig durchkomponiert werden. Die deutsche Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin Katja Furthmann hat Zeitungshoroskope analysiert und weiß: „Die unscheinbaren Kurztexte stecken voller kleiner thematischer und sprachlicher Tricks. Das garantiert, dass die Ratschläge immer und auf jeden Leser irgendwie zu passen scheinen.“

 

Autorennotiz:

Sandra Lobnig ist Stammautorin des "miteinander". Die ausgebildete Theologin ist Mutter von vier Kindern und beschäftigt sich - wenn sie nicht gerade über Horoskope schreibt - als Expertin mit Familienthemen. Nachzulesen auf:

www.meinefamilie.at/autor/sandra-lobnig

 

 

Leser müssen mitarbeiten

Horoskope würden sowohl sprachlich als auch inhaltlich auf die Zielgruppe der Zeitschrift, auf gesellschaftliche Trends und jahreszeitliche Faktoren abgestimmt, sagt Furthmann. „Im Frühjahr rät das Horoskop oft zu einer Entschlackungskur. Im Herbst und Winter sollte man sich vor Erkältungen hüten und in der Vorweihnachtszeit Stress vermeiden.“ Extreme werden stets vermieden. „Allen Horoskopen liegt eine Art Topos zugrunde: Das Prinzip der Mäßigung.“ Man solle also sowohl dem Verstand als auch dem Gefühl vertrauen, sparen, sich zugleich aber auch etwas Schönes gönnen.

 

Die verwendete Sprache ist dabei allumfassend und für jeden gültig: Wenn von „Entscheidungen“, „Konflikten“ oder „Herausforderungen“ die Rede ist, könne jeder Leser diese Begriffe aus seinem eigenen Kontext heraus deuten. Überhaupt: Die Mitarbeit des Lesers ist ein wesentlicher Faktor, warum Horoskope „funktionieren“. Katja Furthmann drückt es so aus: „Es ist nicht das Horoskop, das zutrifft oder nicht. Erst der Leser entscheidet, ob er sich mit dem Text identifizieren kann.“ Der Leser selektiert unbewusst. „Wir lesen, was wir lesen wollen“, sagt Furthmann. Negatives klammern wir häufig aus, Komplimente nehmen wir gerne an.

 

Menschen suchen Sicherheit

Ob Menschen sich beim Lesen des Horoskops bloß unterhaltsame Momente oder doch einen, wenn auch vagen, Blick in die Zukunft erhoffen: Pater Clemens Pilar, Generalsuperior der Kalasantiner und für viele Katholiken Ansprechpartner in Sachen Esoterik, sieht Horoskope kritisch und hält sie aus christlicher Sicht schlicht für überflüssig: „Als gläubiger Christ braucht man das nicht.“ Die Suche nach Wissen über die Zukunft komme aus einer Angst heraus. Menschen würden Sicherheit suchen, Gewissheit in einer komplizierten Welt. „Das Problem ist, dass man sich dabei festlegt. Unser Leben ist aber nicht

vorherbestimmt.“ Christen sind vielmehr zur Freiheit berufen, betont der Priester. Eine Gewissheit, dass immer alles gut geht, könne zwar auch der Glaube nicht bieten. „Unsere Sicherheit ist aber, dass wir von Gott geliebt sind, dass er auf unser Leben schaut. Und dass auch Situationen, die schwierig sind, einmal erlöst werden.“

 

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