Mag. Lukas Cioni
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miteinander 9-10/2026

Wer bei Berufung in den Religionen zuerst an Rabbiner, Priester oder Imame denkt, wird von den vier Gesprächspartnern überrascht. Denn bevor sie über religiöse Ämter sprechen, reden sie über etwas anderes: über den Menschen und seine Bestimmung in der Welt. „Jeder Mensch hat eine Aufgabe im Leben.“ Mit diesem Gedanken eröffnet Rabbiner Schlomo Hofmeister die Diskussion über Berufung. Dass die drei anderen Gesprächspartner – die evangelische Pfarrerin Mónika Solymár, der katholische Diakon Philipp Rogner und der Imam Ramazan Demir – dem grundsätzlich zustimmen würden, wird im Verlauf des Gesprächs rasch deutlich. Doch was genau Berufung bedeutet und welche Rolle religiöse Ämter dabei spielen, darauf geben Judentum, Christentum und Islam unterschiedliche Antworten.
Für Hofmeister beginnt Berufung nicht bei religiösen Würdenträgern, sondern beim Menschen selbst. Jeder habe eine Aufgabe im Leben, sagt er, und Gott gibt jedem die Fähigkeit, diese zu erfüllen. Ob Arzt, Straßenkehrer oder Rabbiner – einen qualitativen Unterschied sieht er nicht: „Bei uns ist jeder gleich.“
Berufen zum Dienen
Hier tun sich erste Unterschiede auf: Wenn Rabbiner, Priester und Imame zwar oft miteinander verglichen werden, so sind sie doch nicht das Gleiche. Ein Rabbiner nimmt im Judentum keine mit einem katholischen Priester vergleichbare sakramentale Sonderstellung ein. Seine besondere Aufgabe liege vor allem in der Lehre, Auslegung und Begleitung der Gemeinde. Es gibt zwar Überschneidungen, aber: „Ein Rabbiner zieht sich nicht anders an als jeder andere, hat im Gottesdienst keine andere Funktion als jedes andere Gemeindemitglied auch“, so Hofmeister.
Daran knüpft die evangelische Pfarrerin Mónika Solymár an, wenn sie zuerst auf das allgemeine Priestertum aller Gläubigen verweist, das im evangelischen Verständnis jeder Differenzierung von Aufgaben und Ämtern in der Gemeinde vorausgeht. Daraus leitet sie ab, dass, auch wenn Berufung für jeden Menschen unterschiedlich ist, es dabei um die Aufgabe geht, die dem Nächsten dient: egal ob in der Familie, in Beruf, Schule oder der Kirche. „Entscheidend ist nicht Art der Tätigkeit, sondern die Haltung, mit der sie ausgeübt wird, und ob sie dem Mitmenschen dient“, erläutert die evangelische Pfarrerin
Ihre Ordination zur Pfarrerin erklärt sie als öffentliche Beauftragung im Unterschied zur sakramentalen Weihe wie etwa in der katholischen Kirche. Während Rabbiner, Pfarrer, Diakone und Imame häufig als religiöse Autoritäten wahrgenommen werden, beruhen ihre Aufgaben und ihre Legitimation in den jeweiligen Traditionen auf unterschiedlichen theologischen Vorstellungen.
Der katholische Diakon Philipp Rogner setzt einen anderen Akzent. Seine Berufung verbindet er ausdrücklich mit seinem kirchlichen Dienst. Seit 2018 ist er ständiger Diakon. Das griechische Wort „Diakon“ bedeutet Diener – und genau darin sieht er den Kern seiner Aufgabe: Menschen und Gott zu dienen, besonders jenen am Rand der Gesellschaft. „Da merke ich: Da hat Gott mich hingestellt. Ich vertraue darauf, dass das meine Berufung ist.“, sagt Rogner. Als verheirateter Diakon bewegt er sich sowohl in der Lebenswelt vieler Familien als auch innerhalb des kirchlichen Dienstes. Gerade darin sieht er auch eine besondere Brückenfunktion.
Vorbilder
Hier hakt Ramazan Demir ein: Für ihn ist Berufung zunächst, ein nützlicher Mensch für die Gesellschaft zu sein. Ob als Lehrer, Bäcker oder Imam – letztlich komme es darauf an, Gottes Wohlgefallen durch gute Taten zu suchen. Die besondere Aufgabe des Imams bestehe darin, Menschen immer wieder daran zu erinnern und Vorbild zu sein. Hier sieht er eine Parallele zu Rabbinern und Priestern: „Sie sind besonders, weil sie in Bezug auf ihre Religion mehr Kenntnisse haben.“
So bleibt am Ende nicht nur die Erkenntnis, dass Berufung in Judentum, Christentum und Islam unterschiedlich gedacht wird, sondern auch, dass sie überall dort Gestalt annimmt, wo Menschen ihre Fähigkeiten in den Dienst anderer stellen.
Vorschau: Im nächsten miteinander widmet sich die Serie dem Thema „Bildung“.

Ramazan Demir
ist Imam und Religionspädagoge an der der KPH Wien/Krems sowie Fortbildungsleiter muslimischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer.
Mónika Solymár
ist evangelische Pfarrerin und Professorin an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie Privatdozentin an der Universität Wien.

Philipp Rogner
ist seit 2018 katholischer Diakon sowie Lehrender und Zentrumsleiter im Bereich Weiterbildung an der KPH Wien/Krems

Schlomo Hofmeister
ist Gemeinderabbiner von Wien, Autor und Landesrabbiner von Niederösterreich, Burgenland, Kärnten und der Steiermark, sowie Oberrabbiner vom österreichischen Bundesheer und von Graz und Baden bei Wien.