Mag. Lukas Cioni
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miteinander-Magazin
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miteinander 7-8/2026

„Heiland, das ist mein liebster Name für Jesus“, erzählte mir vor vielen Jahren Sr. Agnella. Heute scheint es mir kein passenderes Wort zu geben, das die Sehnsucht unserer Tage erfasst. Wir suchen nach Heil im Angesicht der Dynamiken der Vernichtung, der apokalyptischen Zuspitzungen.
Biblische Ängste und Hoffnungen
Kein neues Phänomen, nur neue Ruinen, in denen wir uns bewegen. Um die Zeit Jesu erwarteten Menschen den Zusammenbruch der Welt. Die Offenbarung des Johannes ist eines der dramatischsten Zeugnisse für die Angst und Verzweiflung von Menschen im Angesicht der Katastrophen, die die imperialen Herrscher über sie werfen. Feuer, Krieg, Krankheit, Gewalt – die Herrscher der Welt schrecken vor nichts zurück, um ihre Reiche zu errichten. Aus der Perspektive der Leidenden schreibt der Seher Johannes, inmitten der Ruinen seiner Zeit will er Hoffnung geben, dass Leben möglich ist – auch jetzt, dass gerade die Leidenden und Verachteten auf ein Leben in Fülle hoffen dürfen.
Was unsere Zeit von der Welt des Sehers unterscheidet: Heute sind es die Mächtigen dieser Welt, die auf die Apokalypse setzen und sich als Leidende und Allwissende präsentieren, während sie die Welt mit Ruinen überziehen. In der Antichrist-Propaganda aus dem Silicon Valley ist keine Rede von einem Leben in Fülle für alle, sondern es wird eine esoterische Lehre über erwählte Genies verlautbart, die nur wenige verstehen würden. Diese aber seien dazu berufen, die Welt zu retten. Zumindest für eine Weile, solange der „Katechon“, der Aufhalter, wirkt.
Wider die elitären Heilsbringer
Eine scheinbar attraktive Botschaft. Wer möchte nicht zu den hochbegabten, vielleicht göttlich berufenen Genies gehören, die zur Herrschaft erwählt sind und das Böse aufhalten werden? Im Technofaschismus als „Heilsbotschaft der Erwählten“ finden sich religiöse, politische, technologische und ökonomische Kräfte zusammen, weil sie sich im Grunde aus derselben Wurzel speisen: Verachtung für die Leidenden, deren Leid sie oft selbst verursacht haben, und maßlose Selbsterhöhung zum absoluten Heilsbringer für die Wenigen.
Den elitären katholischen Neo-Integralismus, die Prophetenideologie der „Neuen Apostel“ um Paula White, christliche Nationalisten, politische Autokraten und die Techno-Propagandisten aus dem Silicon Valley einen die Verachtung der anderen und die Vergöttlichung ihrer selbst.
„Meine Kinder, es ist die letzte Stunde. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste gekommen. Daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist“, ermahnt der 1. Johannesbrief. Die Antichriste sind jene, die nicht aus der Kraft Gottes reden, leben, handeln, sondern ihr eigenes „Evangelium“ der Macht schreiben.
Für ein Leben in Fülle
Wer in der Offenbarung Christi lebt, kann keine Machtideologie unterstützen. Offenbaren heißt, eine neue Welt mit-gebären, in der das Heil allen offen steht, die bereit sind, den Anruf des Wortes zu hören und danach zu leben. Die Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ zitiert bereits im Vorwort den 1. Johannesbrief: „Wir künden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist. Was wir gesehen und gehört haben, künden wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt und unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus sei.“ Michael Seewald spricht von Offenbarung als heilsamer Kraft Gottes, einer „manifestatio virtutis Dei“. Die Kraft Gottes holt den Menschen in eine universal offene Gemeinschaft herein. Hier bricht eine neue Welt an, eine Hoffnung, die zum Handeln ermächtigt aus der Kraft der Offenbarung.
Christliche Hoffnung ist aufgeklärte Apokalyptik. Pessimismus lähmt, Naivität betrügt, aufgeklärte Apokalyptik eröffnet einen Raum des Handelns im Angesicht der Katastrophe. Sie konfrontiert mit dem Übel, dem vom Menschen provozierten Leid und Unrecht in dieser Welt, den Strukturen der Sünde. Die aufgeklärte Apokalyptikerin kann noch weinen mit den Leidenden und daraus entschlossen handeln.
Neugeburt der Welt
Handeln aber ist nur möglich, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Im Herz der Offenbarung des Johannes (Offb 12) steht die Vision der gebärenden Frau. Der Drache stürzt sie, will das Kind verschlingen. Lange wird erzählt, es sei der Geburtsschmerz, der sie quält. Luzia Sutter Rehmann aber eröffnet eine genauere Deutung. Die Frau wird vom Drachen gefoltert, damit er das Kind, den Neubeginn der Welt, verschlingen kann. Der Seher von Patmos weiß: Frauen und Kinder sind die schlimmsten Opfer der Gewalt, aber sie stehen auch für das Neue. Der berüchtigte NS-Jurist und Begründer der „politischen Theologie“, Carl Schmitt, schlägt sich im letzten Satz seines Tagebuchs (1958) auf die Seite des Drachen: „Mit jedem neugeborenen Kind wird eine neue Welt geboren. Um Gottes Willen, dann ist ja jedes neugeborene Kind ein Aggressor! Ist es auch, und darum haben die Herodesse Recht und organisieren den Frieden. Und so schließt denn dieses Buch mit dem schönen Worte: Frieden!“
Kein Zufall ist also das Revival Carl Schmitts unter den selbst ernannten Erwählten in Politik, Religion, Wirtschaft. Aber wer in der Offenbarung lebt, wirkt mit an der Neugeburt der Welt. Für Hannah Arendt ist die weihnachtliche Botschaft „Uns ist ein Kind geboren“ das höchste Wort des Vertrauens und der Hoffnung. Sie ist Hoffnung im Angesicht der möglichen Katastrophe, die nun zur Krise, zur Zeit der Entscheidung werden kann – hören wir den Schrei? Sind wir bereit, aus der heilenden Kraft Gottes zu leben?

Dr. Michaela Quast-Neulinger
ist Assistenz-Professorin am Institut für Systematische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.