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Das Problem ist die Einsamkeit

Interview mit Langlebigkeitsforscher Slaven Stekovic

Wie viel bestimmen unsere Gene, wie viel unser Lebensstil? Warum leben wir heute zwar länger, sind aber oft länger krank? Und was hat Sinnfindung mit Gesundheit zu tun? Slaven Stekovic, Molekularbiologe und Langlebigkeitsforscher, erforscht, was uns wirklich gesund alt werden lässt. Das Interview führte Elisabeth GRABER

miteinander 9-10/2026

miteinander 9-10/26

Herr Dr. Stekovic, was ist Ihre persönliche Vision für ein langes und erfülltes Leben?

In erster Linie geht es mir um ein erfülltes Leben. Lang bedeutet dabei weniger die Anzahl der Jahre als die Qualität der Gesundheit, die man innerhalb dieser Jahre erfahren kann. Ein langes Leben – ja, gerne, aber nicht um jeden Preis. Was ich sowohl in der Praxis als auch für mich selbst als gültig erachte: Man nimmt sich die Werkzeuge der Langlebigkeit, die zum eigenen Lebensstil passen und sich wirklich umsetzen lassen. Wer gerne Sport macht, intensiviert das. Man kann Intensität und Art der Bewegung selbst wählen. Dasselbe gilt für die Ernährung: Maßvolles Optimieren – das ist mein Ansatz.

 

Warum ist es wichtig, zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne zu unterscheiden?

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist es uns gelungen, die Lebenserwartung der Menschen nahezu zu verdoppeln. Im Mittelalter betrug die durchschnittliche Lebenserwartung etwa 35 bis 40 Jahre. Was sich verändert hat, sind neue Entdeckungen und Technologien, die wir heute kaum noch als solche betrachten: Zugang zu sauberem Wasser, Kanalisationssysteme, Antibiotika, generelle Hygiene und deutlich besserer Zugang zu Nahrung. Die Kehrseite: Früher lebte man gesund, wurde dann irgendwann krank und starb innerhalb von ein bis zwei Jahren. Heute sind wir oft zehn oder zwanzig Jahre krank, bevor wir sterben. Dieser Anteil an kranken Lebensjahren ist überproportional stark gestiegen – stärker als die gesunden Jahre, die wir dazugewonnen haben.

 

Die zentrale Frage ist: Können wir etwas gegen diese Disproportionalität tun?

Es wäre schön, mit sechzig oder siebzig noch vollständig mobil, geistig fit und ein aktives Mitglied seiner Familie und Community zu sein. Was wir jedenfalls nicht wollen, ist, dass Menschen noch länger krank sind, denn das kostet Kraft. Nicht nur die Betroffenen leiden darunter, sondern auch ihre Familien, ihr Umfeld und unser Sozialsystem.

 

Welche Rolle spielen genetische Faktoren bei der Langlebigkeit und was kann ich selbst beeinflussen?

Slaven Stekovic: Seit über zwei Jahrzehnten sprechen wir von 25 Prozent Genetik, 75 Prozent Lebensstil. Vor etwa zehn Jahren kam eine Studie heraus, die behauptete, es seien sogar nur 4 bis 9 Prozent Genetik. Und erst kürzlich wurde eine neue Arbeit veröffentlicht, die zu einer Verteilung von ungefähr 50 zu 50 Prozent kommt. So wie es in der Wissenschaft eben oft ist: Neue Ergebnisse bedeuten nicht automatisch bessere Ergebnisse. Was wir sagen können: Entweder sind Genetik und Lebensstil als gleichwertige Faktoren zu betrachten oder der Lebensstil ist der Genetik überlegen.

Was aber eine sehr spannende Studie aus dem Jahr 2025 zeigt: Selbst wenn jemand die denkbar schlechteste Genetik hat, kann man durch einen angepassten Lebensstil diese genetische Hürde überwinden. Die Genetik können wir nicht verändern. Aber wir können dort eingreifen, wo wir tatsächlich Einfluss haben – und das ist unser Lebensstil. Auch wer genetische Risikofaktoren mitbringt, kann durch angepasste Bewegung, Ernährung, psychosoziale Kontakte und Schlafhygiene ein gesundes, gutes Leben führen.

 

Wie sieht gesunde Ernährung konkret aus?

Was wir wissen: Der durchschnittliche europäische Einkaufskorb hat sich von den 1980er-Jahren bis 2000 drastisch verändert. In den Achtzigern waren rund 60 Prozent des Einkaufskorbs Rohlebensmittel. Bis zum Jahr 2000 sank dieser Anteil auf etwa 30 bis 34 Prozent. Stattdessen wurden vermehrt prozessierte Lebensmittel gekauft. Das ist nicht per se schlecht, aber die Daten zeigen sehr klar: Ultra-prozessierte Lebensmittel hängen stark mit chronischen Erkrankungen zusammen – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Krebs und mehr. Was jeder von uns in die Hand nehmen kann: Nicht so sehr darauf achten, was wir kochen, sondern was wir einkaufen. Die Forschung empfiehlt fünf Portionen Obst und Gemüse täglich. Ich persönlich starte morgens gleich mit zwei oder drei davon – das ist meine Garantie, dass ich über den Tag auf fünf komme.

 

Sie haben intensiv zum Thema Fasten geforscht. Was passiert dabei im Körper?

In wissenschaftlichen Kreisen ist seit Jahrzehnten bekannt, dass Nahrungskarenz – also der zeitweise Verzicht auf Nahrung – positive Effekte auf die Biologie und Gesundheit haben kann. Fasten hat insbesondere für die Prävention altersbedingter Erkrankungen – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Krebs – deutlich positive Effekte. Die Darmoberfläche kann sich erholen, die Darmbakterien regenerieren sich und unsere Hormonausschüttungen verändern sich drastisch, was positive Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben kann.

Woran ich selbst am intensivsten gearbeitet habe, ist ein zellulärer Prozess namens Autophagie – auf Griechisch: sich selbst fressen. Wenn die Zelle nicht ausreichend Energie bekommt, greift sie auf defekte Moleküle zurück, die in ihr herumschwimmen. Es ist wie der Wohnungsputz: Niemand putzt, wenn er müsste, sondern wenn Zeit dafür ist. Manche setzen sich einen fixen Termin, andere warten, bis man kaum noch vom Sofa zur Toilette kommt, ohne über etwas zu stolpern. Genauso verhält sich auch die Zelle. Beim Fasten baut sie diese defekten Moleküle ab und gewinnt daraus Energie – eine Art zelluläres Recycling. Der positive Nebeneffekt: Die defekten Moleküle werden entfernt und können keinen weiteren Schaden anrichten.

Wir konnten beobachten, dass sogar bei Menschen mit ohnehin geringem Herz-Kreislauf-Risiko dieses Risiko weiter gesenkt wird. Bei Personen mit höheren Risikofaktoren sind die Effekte noch stärker. Wichtig ist aber: Bei bestimmten Erkrankungen kann Fasten auch negative Auswirkungen haben. Gerade am Anfang sollte man mit einer fachkundigen Person arbeiten – einem Fastenbegleiter oder einem Arzt mit Schwerpunkt Ernährung.

 

Welche Rolle spielen zwischenmenschliche Beziehungen für ein langes, gesundes Leben?

Mit dieser Art der Forschung beschäftige ich mich nicht unmittelbar selbst – das sind Ergebnisse von Kolleginnen und Kollegen. Was wir aber klar sehen: Das Problem ist nicht das Alleinsein, das Problem ist die Einsamkeit. Menschen, die im Laufe ihres Lebens mehr Einsamkeit beschreiben, leben tatsächlich schlechter und kürzer. Demgegenüber zeigen Menschen, die in einer sozialen Umgebung leben oder die glücklich allein sind, eine längere Lebenserwartung.

Besonders spannend: Anderen zu helfen, hat positive Effekte auf die eigene Gesundheit. Die Daten zeigen das Gegenteil dessen, was man intuitiv vermuten würde: Die Person, die hilft, lebt tatsächlich länger. Beim Helfen werden Hormone ausgeschüttet, die den Körper regenerieren – unter anderem weniger Stresshormone, was das Immunsystem stärkt. Man ist besser gewappnet gegen Infekte und auch Tumorzellen werden effektiver erkannt.

 

Religiöse Menschen leben nachweislich länger. Lässt sich das wissenschaftlich erklären?

Das fällt der Wissenschaft noch schwer, weil Religion sehr komplex ist: Sie umfasst Gemeinschaft, gegenseitige Hilfe und Sinnstiftung. Wir können den genauen Wirkfaktor nicht isolieren. Ist es die Gemeinschaft? Die regelmäßigen Strukturen und Rituale? Die Praxis der Stille? Oder die Sinndimension? Wahrscheinlich ist es die Kombination aus all diesen Elementen. Was wir aber klar sagen können: Die Effekte, die man religiösen Praktiken zuschreibt, sind alle einzeln auch außerhalb religiöser Kontexte gut belegt. Menschen, die diese Elemente in ihr Leben integrieren, profitieren von ähnlichen Effekten.

 

Bestätigt die Forschung Viktor Frankls Ansatz der Sinnfindung?

Slaven Stekovic: Frankl wird in diesen Arbeiten nicht explizit zitiert, das muss man fairerweise sagen. Aber Sinnfindung und Sinnverfolgung werden auf alle Fälle belegt. Und Frankl war einer der Ersten, die diesen Weg in der Psychologie gegangen sind. Was die Daten zeigen: Einen Sinn zu haben und ihm nachzugehen, hat nachweislich positive Effekte auf Gesundheit und Langlebigkeit. Dieser Sinn kann viele Formen annehmen – der Musiker, der Künstler, die Schriftstellerin, die Forscherin, der ehrenamtlich Tätige. Es geht nicht darum, welchen Sinn jemand verfolgt, sondern darum, dass überhaupt einer vorhanden ist und aktiv gelebt wird. Die Abwesenheit von Sinn ist ein erheblicher Risikofaktor, sowohl für die psychische als auch für die physische Gesundheit.

 

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste noch ungelöste Frage in der Langlebigkeitsforschung?

Gesellschaftlich ist die wichtigste Frage nicht das Wie der Umsetzung, sondern das Warum: Warum wollen wir das überhaupt? Diese Frage sollte jede und jeder für sich beantworten, ohne Wertung, denn alle Antworten sind richtig.

 

Für die Forschung selbst ist es eine scheinbar einfache, aber grundlegende Frage: Was ist Altern überhaupt?

Wir verwenden den Begriff als Sammelbegriff für sehr viele verschiedene Prozesse im Körper. Was wir noch nicht gut beherrschen, ist, Alterung direkt zu messen. Wir können Symptome messen: Demenz diagnostizieren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen identifizieren. Aber den eigentlichen Alterungsprozess, der dazu führt, können wir noch kaum direkt messen. Und ohne Messung werden wir kaum gezielte Interventionen entwickeln können.

Wir müssen die Lebensjahre klar von der biologischen Alterung unterscheiden. Dass wir 40, 50 oder 60 sind, sagt wenig bis nichts über das tatsächliche biologische Alter unseres Körpers aus. Genau das zu messen, wäre der entscheidende Schritt – so wie wir eine Uhr und einen Kalender für die Zeit haben, bräuchten wir so etwas auch für den Körper. Erste Lösungen gibt es bereits, auch aus unserer eigenen Arbeit. Aber sie sind noch nicht exzellent. Da muss man den Anspruch hoch halten.

 


miteinander 9-10/26

Dr. Slaven Stekovic
ist Molekularbiologe, Langlebigkeitsforscher, Unternehmer und Autor. Er promovierte an der Karl-Franzens- Universität Graz und unterrichtet an mehreren europäischen Universitäten.

 

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Buchtipp
Slaven Stekovic: Jung bleiben, alt werden: Neue Erkenntnisse der Langlebigkeitsforschung. Ueberreuter-Verlag: 2024, ISBN: 978-3800078561, € 25,00

 

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