• Ausgabe 3 / 2015

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Unsere Themen im Jahr 2015

"Der Dialog muss unbedingt weitergehen"

Ein Interview mit Christa Chorherr

 

Das Leben der Christen in islamischen Ländern ist heute mehr denn je von Verfolgung und Terror bedroht. Wo liegen die Ursachen, dass ein jahrhundertlanges mehr oder weniger funktionierendes Zusammenleben so eskaliert?

 

Christen und auch Juden wurden in den vom Islam beherrschten Ländern immer schon als Bürger 2.Klasse gesehen. Das war sicher pro Land, pro Zeitperiode unterschiedlich und schwankte zwischen Hass und Toleranz. Ob ihrer Fähigkeiten, ihres Wissens und Könnens wurden Christen oft als Ratgeber von den jeweiligen Herrschern geschätzt. Das machte sie in der Bevölkerung nicht gerade beliebt, aber so eine extreme Radikalisierung wie heute gab es nicht.

 

Was war die Ursache, dass die latente Aggression so offen ausbrach?

 

Es gibt dafür einige Ursachen. Ein Wendepunkt war sicher der 11.September 2001, wo sich man sich in Amerika bei der Ausrufung des Kampfes gegen den Terror einer Wortwahl bediente, die von vielen Muslimen als Kriegserklärung verstanden wurde. Die bereits vorhandene Aggression gegen den Westen brach nun endgültig auf und wurde von fanatischen Predigern noch durch ausgewählte, aus dem Zusammenhang gerissene Koranzitate, wonach Ungläubige zu verfolgen sind, geschürt. Außerdem, so stachelte man auf der politischen Ebene auf, beruhe der Reichtum des Westens überwiegend auf der Ausbeutung der Bodenschätze der islamischen Länder. Da Christen immer schon in einer bestehenden Achse mit dem „Westen" gesehen wurden, erklärte man sie nun ebenfalls zu den Feinden des Islams. Beigetragen hat gerade in jenen Ländern, wo die Verfolgung jetzt besonders extrem ist, sicher auch die extreme Missionstätigkeit evangelikaler Kirchen aus Amerika.

 

Stichwort Koranauslegung. Gläubige Muslime streiten ab, dass im Koran zur Gewalt gegen Ungläubige aufgerufen wird. Fanatisierte Islamisten berufen sich bei ihrem Kampf wieder auf Suren, die dazu aufrufen.

 

Der Koran entstand in zwei Perioden, und zwar durch Offenbarungen, die Mohammed durch den Erzengel Gabriel nach und nach zu teil wurden. Als Mohammed die ersten Offenbarungen in Mekka empfing, befanden sich die Muslime noch in einer Minderheit, daher stellen die Texte nicht nur den Versuch dar sich anzupassen, sondern sind auch von einer Wertschätzung gegenüber Christen und Juden geprägt. Als der Prophet 622 Mekka verließ und sich in Medina niederließ, änderte sich dies radikal. Der Prophet wurde jetzt zum Staatsmann und auch zum Kriegsherrn. Mohammed, der sich als Gesandter Gottes verstand, begann nun seine religiösen Vorstellungen zu entwickeln, wodurch die Menschheit zur „Urreligion" wieder zurückgebracht werden sollte. In der Überzeugung, dass allen, die ein anderes Glaubens-und Gottesverständnis haben, das ewige Höllenfeuer drohe, grenzte Mohammed sich nun auch von Christen und Juden ab, die ihre ursprünglichen Offenbarungen verfälscht hätten. So entstanden jene Suren, in denen der Auftrag erging, alle Ungläubigen bis zur Unterwerfung zu bekämpfen, denn der Islam wäre allen anderen Religionen überlegen. Es wird empfohlen, Angehöriger beider Religionen nicht zu Freunden zu nehmen.

 

Der Anteil der sich in Europa ansiedelnden Muslime nimmt ständig zu. Ist es für einen gläubigen Muslim überhaupt möglich, sich in einem demokratisch regierten Land zu integrieren?

 

Man muss wissen, dass das Leben eines gläubigen Muslims durch Koran, Sunna und Scharia bestimmt wird. Dazu kommt noch die Verpflichtung zum Dschihad. Der Koran ist das reine Wort Gottes, das nicht von Menschenhand verändert werden darf; die Sunna interpretiert die Botschaft des Korans für das Leben eines Gläubigen; die Scharia umfasst die Sammlung aller moralischen Regeln sowie die Rechtsprechung. Sie ist die alles umfassende Richtschnur nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch für das moralische und sittliche Verhalten eines Muslims. Damit soll den Gläubigen der rechte Weg zu Gott gewiesen werden.

 

Der Dschihad gehört zu den Grundgeboten des islamischen Glaubens und allen Muslimen auferlegte Pflicht. Der große Dschihad verpflichtet zum Kampf gegen das Böse im eigenen Ich, zur Anstrengung auf dem Weg zu Gott, aber auch zur Verbreitung des Islams durch Mission beizutragen. Der kleine Dschihad dient der Erweiterung und Verteidigung des islamischen Territoriums, bis der Islam die beherrschende Religion weltweit geworden sein wird.

 

Wenn man sich mit diesen Ansichten gläubiger Muslime auseinandersetzt, dann scheint es, dass der Islam mit dem Demokratieverständnis europäischer Länder nicht kompatibel ist. In einem demokratischen Staat erfolgt die Gesetzgebung durch das Volk bzw. deren gewählte Vertreter. Gesetze werden geändert, weil sie dem sich entwickelnden gesellschaftlichen Leben angepasst werden müssen. Ein gläubiger Muslim untersteht dagegen der Scharia, wonach Zwangsheirat, Beschneidung, Ungleichbehandlung der Frauen ... rechtlich anerkannt ist. Wie soll das mit der Rechtssprechung demokratischer Länder zusammengehen? Man sieht ja die Probleme in Großbritannien, wo die Scharia seit 1982 zugelassen ist. Vor allem geht dies auf Kosten der Frauen, denen dadurch kaum Rechte zuerkannt werden. Es kann nicht in einem Staat zwei unterschiedliche Rechtssprechungen geben. Wer in einem demokratischen Land leben will, soll seinen Glauben leben können und seine Kultur pflegen dürfen. Akzeptieren muss er aber ohne Abstriche die Gesetzgebung und das Demokratieverständnis des Landes.

 

Was erhoffen sich die verfolgten Christen vom Westen? Wie soll der Dialog mit den Vertretern des Islams weitergehen?

 

Was Christen in islamischen Ländern vom Westen erwarten, ist Solidarität. Das kann geschehen durch Öffentlichkeitsarbeit, durch materielle Hilfe, aber auch durch Aufnahme von geflohenen Christen ohne bürokratische Hürden. Vor allem muss Religionsfreiheit als ein weltweites und unteilbares Recht eingefordert werden. Es wäre auch ein Akt der Solidarität, wenn die im Westen lebenden Muslime gemeinsam mit den Menschen hier, ob sie nun christlich oder säkular sind, für die Religionsfreiheit in islamischen Ländern eintreten würden.

 

Der respektvolle Umgang mit den hier lebenden Muslimen und die Weiterführung eines konstruktiven Dialogs ist unbedingt erforderlich, sollte aber den real existierenden Islam bzw. Islamismus und seine Auswirkungen auf die orientalischen Christen nicht ausblenden.

 

Das Interview führte Ingeborg Schödl

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