• Ausgabe 4 / 2015

    SCHLUSS MIT DEM GEJAMMER!

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Unsere Themen im Jahr 2015

Unterwegs zu einer pfingstlichen Kirche

Pastorale Kundschafterreise in die USA

                                

 

Insgesamt zwei Jahre meines Lebens habe ich inzwischen in den USA verbracht. Viele Trends lernte ich dort kennen, die – entgegen aller kontinentaleuropäischen Abwehrhaltungen – früher oder später auch bei uns Fuß fassten. Die Sinnhaftigkeit mancher dieser Trends mag dahingestellt sein, als Kirche täten wir allerdings gut daran, mit wachem Geist zu beobachten, was sich dort, in diesem Laboratorium religiöser Pluralität, tut, wo ermutigende Aufbrüche stattfinden.

 

"Wenn man wachsen will, sollte man sich an erfolgreichen Beispielen orientieren", bringt das etwa der katholische Pfarrer Michael White aus Baltimore auf den Punkt. White hat mit seiner Pfarre einen "Change-Prozess" – einen Veränderungsprozess – angestoßen, in dem nicht die eigenen Gemeindemitglieder im Fokus standen, sondern die Kirchenfremden. Eine konsequente Abkehr von pastoralem Konsumismus hin zu zeitgemäßer Verkündigung half, das stressgeplagte Pfarrleben zu entrümpeln und führte zu einer größeren Fokussierung auf die wirklich wichtigen Dinge, auch zu größerer Ruhe und Ausstrahlung.

 

Was macht den Unterschied?

 

"Sind Sie das erste Mal hier?" fragte mich eine freundlich Dame am Eingang der Church of the Nativity. Als ich nickte, folgte die schlichte Frage: "Brauchen Sie Informationen?". Hätte ich verneint, wäre ich unbehelligt geblieben. Später erfuhr ich, dass das Willkommensteam der Pfarre aus sorgfältig ausgewählten und intensiv geschulten Ehrenamtlichen besteht. Denn die paar Sekunden dieser scheinbar simplen Begrüßungszeremonie entscheiden, ob ein neuer bzw. kirchenfremder Besucher sich wohl fühlt oder nicht. Daher sind nur Menschen für diesen Dienst geeignet, die ein besonderes Gespür haben, wie auf den jeweiligen Gast am besten zugegangen werden sollte.

 

Der Erfolg gibt Pfarrer White Recht: Es lohnt sich, Zeit und Energie auf die Auswahl und Schulung der Mitarbeiter in diesem sensiblen Bereich zu investieren. Inzwischen kann das Willkommensteam auf über zwanzig qualifizierte Mitarbeiter zurückgreifen. Anders gesagt: Oft sind es kleine Nuancen, die darüber entscheiden, ob Menschen sich willkommen fühlen oder nicht. Dazu zählt auch, dass die Mitarbeiter ihre Ziele ihres Engagements klar benennen und sich reflexiv ihrer Motivation vergewissern. Menschen in der Spur Jesu lernen das vom Meister: Es geht nicht um Nachahmung, die allzu oft wie künstlich aufgesetzt wirkt, es geht um wirkliche Nachfolge. Das ist das Geheimnis christlich-kirchlicher Innovation.

 

Kirche missionarisch umgestalten

 

Nach Kundschafterreisen in fast 20 Länder lese ich das päpstliche Schreiben "Evangelii Gaudium" mit neuen Augen: Ich verstehe, warum Papst Franziskus gegen die von ihm präzise diagnostizierten Krankheiten ankämpft, die sich wie ein Geschwür nicht nur an der Spitze der Kirche, sondern auch in vielen Pfarren ausgebreitet haben. Viele reden von einer Willkommenskultur – aber die Menschen erleben dies nicht oder ganz anders. Und das Schlimmste ist: Wir ignorieren bewusst die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

 

Auf den ersten Blick mag überraschen, warum mit Blase Cupich ein Bischof aus der amerikanischen Provinz zum neuen Erzbischof von Chicago – einer der reichsten und mächtigsten Diözesen weltweit – ernannt wurde. Auf den zweiten Blick aber erkennt man die Absicht des Papstes: So lebte Cupich schon lange bevor Franziskus Papst wurde "franziskusgemäß". So eine Personalpolitik braucht jede einzelne Pfarre, sonst ist eine echte "unaufschiebbare kirchliche Erneuerung", wie sie der Papst in "Evangelii Gaudium" fordert, nicht möglich.

 

"Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient", fordert der Papst. Bei Pfarren wie jener von Pfarrer White in Baltimore, die den Weg der Verwandlung und des Aufbruchs gewagt hat, haben sich der Gottesdienstbesuch, die Zahl der Engagierten und das Spendenaufkommen inzwischen vervielfacht.

 

Verändern statt jammern

 

Wie so ein Weg für jede Pfarre möglich ist, darüber tauschen sich "amazing parishes" professionell aus. Sie stellen ihre Erfahrungen allen zur Verfügung, die nicht nur jammern, sondern etwas ändern wollen. Mit der Idee der "Pastoralinnovation" sollen diese Impulse nun zu konkreten Programmen für das österreichische kirchliche Leben entfaltet werden. Es sind keine Luftschlösser, sondern konkrete Beispiele angstfreier Pfarren, die auch uns zum Aufbruch ermutigen können.

 

Georg Plank

 

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