• Ausgabe 4 / 2015

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Unsere Themen im Jahr 2015

"Wir müssen der Gleichgültigkeit und Banalität trotzen"

Pastoralpsychologin Maria E. Aigner im Gespräch

 

Die Seelsorge steht derzeit vor großen Veränderungen oder steckt bereits mitten in solchen Prozessen, die zum Teil bis tief in die traditionellen Strukturen etwa von Pfarren oder der pfarrlichen Seelsorge eingreifen. Inwiefern kann man dabei auf Erkenntnisse der Pastoralpsychologie zurückgreifen?

 

Die Pastoralpsychologie war von jeher eine "Verbindungswissenschaft". Sie verbindet aber nicht nur einzelne Fächer und Disziplinen, sondern auch Theorie und Praxis miteinander, und sie macht die Kategorie der Erfahrung stark. Pastoralpsychologische Kompetenz hat eine Schlüsselfunktion inne, wenn es um die Zusammenhänge zwischen der eigenen persönlichen durchlebten und durchlittenen Alltagspraxis und der professionellen seelsorglichen Tätigkeit geht. Pastoralpsychologie schult die Selbst- und Fremdwahrnehmung und sensiblisiert für krankmachende Kommunikationsstrukturen. Ihr Ziel ist es, dass die handelnden Subjekte – sei es in der Wissenschaft oder in der pastoralen Praxis – Identitätsstiftung und Befreiung erfahren können.

 

Inwiefern haben sich die Anforderungen in der Pastoral an die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren geändert? Welche Kompetenzen müssen sie heute mitbringen?

 

Die pastoral Tätigen finden sich heute auf einem hochprofessionalisierten Markt der Sinnfindung und Lebensorientierung wieder. Es genügt nicht mehr, ein Theologiestudium zu absolvieren und zu hoffen, damit qualifiziert für einen seelsorglichen Beruf zu sein. Absolventinnen und Absolventen tun gut daran, pastoralpsychologische Zusatzqualifikationen, Weiterbildungen, diverse Praktika, auch womöglich ein anderes, nicht-theologisches Studium mitzubringen. Sie müssen mit einem neugierigen, liebevollen Blick auf sich selber und auf die Menschen zugehen können, auch widerständig sein, etwas riskieren. Die Praxis ist hochkomplex. Alles was die Intellektualität, Reflexivität und Experimentalität in der Praxis fördert, ist zu begrüßen. Zugleich brauchen wir auch bereits im Studium lebens- und praxisnahe Interventionsformen, durch die Studierende entdecken können, dass die Tradition der Wirklichkeit standhält und umgekehrt.

 

Pastorale Aufbrüche gelingen nicht ohne Menschen, die innovativ und engagiert sind – aber vermutlich auch nicht ohne Strukturen, die ihnen diesen Raum geben und die ermutigen. Gibt es da Ihres Erachtens kirchlichen Nachholbedarf?

 

Den gibt es in der Tat. Vielleicht geht es aber vielmehr noch in einem ersten Schritt darum, längst überholte, belastende Strukturen aufzubrechen und vertrauensvoll loszulassen, damit Althergebrachtes kreativ in die Gegenwart hinein verschenkt werden kann. Ich denke da vor allem an traditionelle Räume, Zeitangebote oder bestimmte eingeübte Handlungsweisen. Wenn die Archive der Tradition nicht aufgebrochen werden, können sie ihre lebensspendende und befreiende Kraft nicht für Gegenwärtiges entfalten. Die Kirche könnte in erster Linie jenen pastoralen Handlungsorten, denen es gelingt, überlieferte Tradition und gegenwärtige Existenz kreativ aufeinandertreffen zu lassen, finanzielle und strukturelle Ressourcen zur Verfügung stellen. Die Tradition gibt sie dabei nicht auf, setzt sie aber aus und riskiert in ihrem Auf- und Zerbrechen, dass sie sich neu formatiert – auch in ihren Strukturen.

 

Als Canisiuswerk bemühen wir uns um die Förderung von Berufungen im weiten wie im engen Sinne. Während individuelle Suchbewegungen nach dem persönlichen Lebensentwurf weit verbreitet sind, leiden die speziellen Formen der Berufung (Priester/Ordensberufung) unter Nachwuchssorgen. Wie kann Ihres Erachtens der Brückenschlag zwischen der "weiten" Suche nach meiner persönlichen Berufung und der engeren Berufung in ein geistliches Amt (besser) gelingen?

 

Eine Pastoral, deren Hauptanliegen es nach wie vor ist, möglichst viele Kirchenmitglieder zu binden oder zu rekrutieren, verrät meines Erachtens ihre ureigenste Aufgabe. Die Kirche ist dazu da, den Menschen eine heilbringende und befreiende Botschaft zu bringen – nicht nur im Wort sondern auch in der Tat. Das heißt, die Kirche ist für die Menschen da und nicht die Menschen für die Kirche. Dort wo das geschieht – und das ist nach wie vor in vielen kirchlichen Einrichtungen, vorwiegend in der Kategorialseelsorge, aber auch im Religionsunterricht oder in vielen ehrenamtlichen Initiativen der Fall – erleben Menschen Sinnstiftung, ein Aufgehoben-Sein auch dort, wo das Leben brüchig wird. Das heißt, wir müssen, glaube ich, die pastoralen Ziele nicht "weiter" stecken, sondern vor allem einer vorherrschenden Gleichgültigkeit oder Banalität trotzen und tiefer, bedeutender, existenzieller werden.

 

Wer in die tiefen Lebens- und Glaubenswahrheiten einzutauchen vermag und darin die eigene Berufung entdeckt, wird im Prozess auch die eigene Lebensform dazu entdecken. Der Brückenschlag der notwendig ist, geht demnach nicht nur von der individuellen Berufung aus, sondern ist auch an jene Verantwortlichen gerichtet, die die geistlichen Ämter verwalten. Die Frage ist: Sind unsere Priesterseminare und Ordensgemeinschaften so attraktiv, dass Menschen darin ihre individuellen intellektuellen, zwischenmenschlichen und geistlichen Begabungen voll entfalten können?

 

 

Prof. Maria Elisabeth Aigner, Leiterin der Abteilung für Pastoralpsychologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz ist neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch in Beratung und Supervision sowie als Bibliodrama- und Bibliologtrainerin in den jeweiligen internationalen Netzwerken tätig.

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