• Ausgabe 9 / 2015

    DAS ERGIBT SINN!

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Unsere Themen im Jahr 2015

Sinn - wider die Macher-Mentalität

Im Glauben kann der Mensch Sinnpotenziale jenseits aller Selbstoptimierung erfahren, die der Erschütterung durch Leid standhalten können.

 

Sucht man heute nach Orten der modernen Sinnsuche, so findet man sie immer seltener in kirchlich vorgeprägten Räumen, sondern eher in jenen, mitunter seltsam anmutenden spirituellen Sinnangeboten im Kleinanzeigenteil
von Stadtmagazinen. Ob Jakobspilgerweg oder Anleitungen zur östlichen Meditation – das reiche Angebot in diesem Supermarkt der Spiritualität richtet sich gerade an die Sinnsuchenden unserer Zeit, die da kommen und glauben (wollen), auch wenn sie nicht so genau wissen, was. Interessanterweise dominieren auch die Prinzipien des Marktes: Leistung und Selbstsorge. Jeder ist seines Glückes, seiner Erlösung Schmied, der Macher seines Lebenssinns.


Kein Gott für Schönwetterzeiten

Doch selbst der raffiniertesten Selbstveredelungstechnik gelingt es nicht, das Ärgernis des Todes aus der Welt zu schaffen. Angesichts dieses letzten „Gleichmachers“ stößt auch alles Selbst-machen-Können an eine Grenze. Wie entkommt man aber jener subtilen „Angst ums Dasein“, in die jede rein aufs Diesseits konzentrierte Existenz notwendigerweise gerät? Indem der Mensch lernt, das Leben als Geschenk zu betrachten.


Es genügt, dass es dich gibt, weil Gott gesagt hat: „Sei!“ und: „Lebe!“ Du musst dir dein Dasein nicht „machen“, verdienen, erkämpfen – weder durch moralisches Spitzenverhalten noch durch das, was du selbst leistest. Glaube gründet im Vertrauen und damit in einem „Funken von außen“. Vielleicht müssen wir erst wieder lernen, dass Sinn etwas ist, das wir nicht „machen“ können, sondern das sich gibt bzw. uns gegeben wird.

Eines sollte uns dabei aber klar sein: Ein solcher Glaube ist in der Suche anschlussfähig und nicht im Wissen. Eine Glaubens- und Kirchenrhetorik, die dabei „das Fehlen Gottes, den antwortlos bleibenden Schrei nach ihm, den Zweifel nicht in sich aufnimmt, wird unglaubwürdig“, wie es der Freiburger Theologe Magnus Striet treffend formuliert hat.

Denn dieser Gott ist kein Gott nur für die Schönwetterzeiten. Je entschiedener von seiner Liebe und Treue gesprochen wird, desto tiefer ist die Erfahrung des Vermissens. Es ist ein Gott, der auch in Abgründe seiner Nicht-Erfahrbarkeit, seines Fehlens führt. Doch dieser Gott hält die Fragen nach der Brüchigkeit der Welterfahrung offen und er hält sie auch aus. Ihm angemessen ist eine Spiritualität, die die Frage nach dem „Wozu?“ einübt und die auch der Anklage Gottes, dem Zweifel an ihm, seinem Vermissen ebenso das Recht einräumt, wie der Hoffnung, in Not und Elend nicht allein zu sein.


„Entsicherte“ Existenz
So setzt Glaube seine Hoffnung auf die Wirklichkeit nicht nur irgendeines unbestimmten Transzendenten, sondern des konkreten, menschenzugewandten Gottes; einer, der weiß, was es bedeutet, Mensch zu sein. Eine Theologie der Menschwerdung beruht auf der Wahrheit, dass sich das Göttliche im Menschlichen zeigt, dass dieses Leben hier und jetzt eine göttliche Würde hat, und nimmt doch die Abgründigkeit und die Endlichkeit menschlicher Existenz ernst. Denn im Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gründet die Sehnsucht nach Vollendung gerade angesichts einer noch unvollendeten Welt. Dort, wo die Hoffnung auf Frieden in einer friedlosen Zeit und der Glaube an Gerechtigkeit auch angesichts erfahrener Ungerechtigkeit
benannt werden, zeigen sich Orte, an denen der Mensch heute noch die Sehnsucht nach Heil spürt, weil er die eigene Heillosigkeit als eine Herausforderung erfährt, auf die er allein keine Antwort weiß bzw. sie nur noch erhofft.


Gläubige Existenz in der späten Moderne ergibt Sinn, aber nicht als eine „gesicherte“, sondern immer als eine „entsicherte“ Existenz. Sie ist identisch mit dem Vertrauen auf einen Gott, der angesichts der Widrigkeiten und Gefährdungen des Lebens, ja gerade angesichts der offen bleibenden Fragen der Welt dennoch als derjenige erhofft wird, der das Ganze durchwaltet und den Lebensweg des Menschen vollendet. Aber gerade in diesem Modus der Hoffnung, und nur in diesem – Immanuel Kant würde sagen: im „Postulat Gottes“ –, wahrt der Glaube am Ende das entscheidende „Humanum“.

Johanna Rahner

 

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