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Ehrensache Ehrenamt

"Es gibt keine Unberufenen in der Kirche"

Gratis für die Kirche arbeiten: Das ist für viele Katholiken an der pfarrlichen Basis Ehrensache. Das kirchliche Ehrenamt verändert sich jedoch. Ein miteinander-Interview mit dem Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner

 

Das Ehrenamt unterliegt einem Wandel – auch in der Kirche. Woher kommt die tiefe Verbindung zwischen Ehrenamt und Kirche?

 

Kirche ist die Jesus-Bewegung. Das Grundamt aller ist es, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes zu sein für die Welt. Das ehrt die Berufungen und gibt ihnen eben dieses "Ehrenamt". Jesus wollte, dass die "Mitglieder" der Kirche "Licht und Salz" sind. Den Berufenen sind durch Gottes Heiligen Geist Begabungen geben, die allen nützen. Grundsätzlich wird der Dienst Gottes an der Welt "gratis" gemacht, weil er letztlich Ausdruck eines unverdienbaren Geschenkes Gottes an die Welt ist. Bezahlung dient dazu, jemandem mehr Zeit für seinen im Grunde unentgeltlichen Dienst zu verschaffen.

 

Trotz der theologischen Fundierung des Ehrenamtes hat sich besonders die Motivation für ehrenamtliches Engagement verändert. Warum?

 

Deutsche Studien bestätigen diesen Veränderungsprozess. Auch innerhalb der Kirche ist – von außen angestoßen – eine solche Entwicklung zu beobachten. Früher haben "Hinzugefügte" ihre Dienste um Gotteslohn gemacht, also überwiegend aus religiösen Gründen. Heute gesellen sich menschliche Motivationen dazu. Wer mitmacht, möchte in einem Team arbeiten, nachhaltig mitgestalten können und von der Gemeinschaft Anerkennung erfahren. Es gilt vielfach auch bei beruflichen Bewerbungen als vorteilhaft, wenn man in der katholischen Jungschar, Jugend oder einem Pfarrgemeinderat ehrenamtlich mitgewirkt hat. Das wird als Erwerb sozialer Kompetenz und als Bereitschaft zum solidarischen Engagement geschätzt. Und mit Blick auf die aktuelle Situation in der Kirche: Dass die Präsidenten der Katholischen Aktion ehrenamtlich wirken und die Generalsekretäre hauptamtlich bestellt werden, macht Sinn. Das Hauptamt erweist sich als Dienst am Ehrenamt. Das kann auch Kleriker daran erinnern, dass es ihre pastorale Hauptaufgabe ist, das Ehrenamt zu fördern und dieses in der Spur des Evangeliums zu halten. Manchmal ist es auch umgekehrt, indem gläubige Ehrenamtliche Priester in Glaubenskrisen stützen können.

 

Ehrenamtliche sollen in Zukunft in Diözesen auch andere, teilweise mehr Aufgaben übernehmen – so beispielsweise im Modell "Pfarre neu" des Reformprozesses der Erzdiözese Wien. Ist das eine legitime Aufwertung des Ehrenamtes?

 

Es gibt zwei Arten, den Dienst von Mitgliedern der Jesus-Bewegung, also des Volkes Gottes, zu sehen. In einer Priesterkirche haben einige wenige das Sagen, die das Kirchenvolk sakramental und moralisch versorgen. Laien werden gesucht, um die überforderten Priester zu entlasten – die Ehrenamtlichen sind "Mitarbeiter des Klerus". In einer Kirche hingegen, in der alle Hinzugefügten "auf Grund der Wiedergeburt in Jesus Christus eine wahrhafte Gleichheit an Würde und Berufung haben", sind die Ehrenamtlichen "Mitarbeiter Gottes". Diese Charakterisierung der Mitarbeiter Gottes findet sich im Konzilsdokument "Lumen gentium" in Kapitel 32 und im Kirchenrecht. Praktisch zeigt sich diese zweite Art des Dienstes darin, wie es um die Gestaltung des Lebens und Wirkens einer christlichen Gemeinschaft oder Gemeinde bestellt ist: Hat nur der Pfarrer das Sagen, ist das priesterkirchlich; sind alle am Beraten und auch am Entscheiden beteiligt, entspricht das der Kirchenvision des Zweiten Vatikanischen Konzils. Übrigens: Die Priesterkirche ist für die Laien viel bequemer. Zudem nützt sie dem Klerikalismus, gegen den Papst Franziskus heftig wettert.

 

In Österreich gehen weniger Menschen in die Kirche als noch vor 50 Jahren. Ehrenamtliches Engagement boomt dennoch weiterhin, wenn auch in veränderter Weise. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in den Pfarren Österreichs?

 

Aufgrund des Konzils und des damit verbundenen Lernweges vieler Laien und Priester in unserer Kirche gibt es heute wohl so viele Ehrenamtliche wie noch nie zuvor. Oftmals übernehmen jedoch immer weniger Menschen immer mehr Aufgaben. Sie sind dann wie die Christbäume in der Weihnachtszeit – reich mit Aufgaben behängt. Zudem fehlen die Jüngeren. Hier könnten wir zum Beispiel von der Diözese Poitiers in Frankreich lernen, wo es eine "Kultur der Berufung" gibt: Wer ein Ehrenamt übernimmt, macht das für maximal sechs Jahre. In dieser Zeit ist derjenige verpflichtet, jemanden zu finden und einzuschulen, der nach ihm die Aufgabe übernimmt. Hier gilt es, gerade auch Jugendliche anzusprechen. Diese sind wohl eher bereit, sich an der Flüchtlingsarbeit einer Gemeinde zu beteiligen als zu Bildungsvorträgen zu gehen, was man bedauern, aber auch nützen kann.

 

Sie sprechen damit schon eine mögliche Neuorientierung des ehrenamtlichen Engagements an. Welche Tendenzen sehen Sie in Bezug auf die weitere Entwicklung des Ehrenamts?

 

Die Zukunft wird immer mehr vom Ehrenamt bestimmt werden. Das hat damit zu tun, dass es in der Kirche keinen Unberufenen und Unbegabten gibt. Jede und jeder ist zu etwas gut, hat eine Berufung für die ganze Gemeinschaft. Der Umbau von der Priesterkirche zu einer priesterlichen Volk-Gottes-Kirche wird sich fortsetzen. Zugleich wird eine Zeit kommen, in der die Kirchen finanziell ärmer sein werden. Ehrenamtlichkeit wird dann auch das Zeichen einer "armen Kirche" sein, wie Papst Franziskus sie wünscht. Sie wird nicht unprofessionell werden, weil sie sich immer noch einige Hauptamtliche leisten kann. Auch Priester können jedoch ehrenamtlich ihren Dienst in einer Gemeinde erfüllen und wie ehrenamtliche Laien von einem profanen Beruf leben. Eine solche Kirche muss nicht armselig sein, sie kann so vielmehr zugleich arm und selig sein.

 

Das Interview führte Markus Andorf

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe Jänner/Februar

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