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(K)ein Zweifel

"In dubio pro deo"

Wie geht man persönlich und professionell mit Zweifel um? Die Juristin, Psychotherapeutin und evangelische Hochschulpfarrerin Rotraud A. Perner rät zu Tauchgängen auf den Grund der eigenen Seele.

 

Zweifeln heißt für mich, noch nicht gewiss sein. Ich sehe das als Zeichen von Lebendigkeit. Sich immer ganz sicher zu sein, lässt mich hingegen zweifeln, ob man da auch wirklich ganz bei sich ist oder nicht doch von anderen manipuliert wird, die nur eine einzige Lösung oder Verhaltensweise gelten lassen wollen.

 

Ganz bei sich sein verstehe ich als Ruhen im Zentrum – und dieses ist für mich gleichbedeutend mit dem Herzen – mit dem man, wie der Fuchs in Saint-Exupérys "Der Kleine Prinz" betont, nur wirklich gut sieht, weil das Wesentliche für das Auge unsichtbar ist. Um mit dem Herzen zu sehen, muss man sich in dessen Tiefe hineinsinken lassen. Langsam und vorsichtig hinein atmen. Das fällt vielen westlichen, "verkopften" Menschen schwer. Auch ich habe diese Fähigkeit erst mühselig erwerben müssen.

 

Verdrängtes kehrt wieder

 

Ich bin vom Ursprungsberuf Juristin. In dieser Berufsausbildung habe ich gelernt, relativ schnell Sachverhalte in Tatbestände ein- und Paragrafen unterzuordnen. Ich erinnere mich noch, wie Günther Winkler – mit 32 Jahren damals der jüngste Universitäts-Professor Österreichs – in der Startvorlesung "Einführung in das juristische Denken" den Juristen Goethe zitierte, "Im Auslegen seid frisch und munter – legt ihr's nicht aus so legt was unter!" (2. Buch der "Zahmen Xenien") und damit bereits auf die Kunstfertigkeit hinwies, die dem volkstümlichen Wortspiel von "Rechtsvertreter" und "Rechtsverdreher" zu Grunde liegt: mittels Sprache Zweifel anzuregen oder aber auch zu zerstreuen.

 

Rechtskundige stehen in Resonanz zu Menschen, deren Interesse darin liegt, vergangene oder auch zukünftige Geschehnisse zu ihren höchstpersönlichen Gunsten aus- oder anzulegen, und damit auch vor der Entscheidung "unterstützen oder bekämpfen?" – und wenn sie ihre Wahl getroffen haben "zweifellos" aufzutreten. Dazu wird empfohlen, zwischen Herz und Kopf eine Sprachbarriere einzubauen, die alles Gefühl als "unprofessionell" verdammt und emotionslose Sachlichkeit als Heilmittel gegen Zweifel propagiert.

 

Als Psychoanalytikerin weiß ich dagegen, dass alles Verdrängte wiederkehrt: in Träumen, in Fehlleistungen, in Symptomen. Zu letzteren zählen auch Zwangsgedanken, Grübelsucht, Intrusionen (Flash Backs), Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Es gibt viele Worte, Bilder oder Empfindungen, die darauf hinweisen, dass etwas angezweifelt gehört. Dass der Gang in die eigene Tiefe überfällig ist. In Märchen wie auch in den großen Dichtwerken gehen die Helden und Heldinnen in die Unterwelt, zu den Ahnen, zu den Müttern, steigen in Brunnen oder hohle Bäume, jedenfalls aber immer zu den Wurzeln – zu den Anfängen.

 

Tauchgänge an die Wurzeln

 

Wer es wagt, diese Wurzeln in der eigenen Tiefe zu orten, ist gut beraten, sich von einem kundigen Psychopompos (Seelenführer) begleiten zu lassen. Tiefgänge gelingen nicht schnell. Jeder Taucher weiß, dass es bestimmte Zeitrhythmen braucht, sich an Tiefen anzupassen – und auch Liebende sollten die Langsamkeit zelebrieren, wenn sie eine tiefe Beziehung wollen. Das gilt auch für die Beziehung zu sich selbst: mit jedem Atemzug eine Stufe in die eigene Seele bis zu dem Punkt, an dem man den Urgrund erspürt: Gott. Wo alle Gegensätze zusammen fallen, Eins werden. Wo es kein Zwei mehr gibt und daher auch keinen "Zwei-fel".

 

Das bedeutet für mich auch "glauben". Nicht wie mein atheistischer Lehrer-Vater immer ätzte "Glauben heißt nicht wissen", sondern tief im Herzen ganz genau spüren und wissen, dass Es so ist, auch wenn ich es – noch nicht – beweisen kann. Das kann dann meist die Geschichte. Und zu diesem "glauben" möchte ich Mut vermitteln – zu diesem Selbstvertrauen, das auch Gottvertrauen ist, weil man erfahren hat, wo und wie der lebendige Gott in sich selbst zu erkennen ist.

 

Rotraud A. Perner

 

Rotraud A. Perner (* 1944) ist promovierte Juristin, eingetragene Psychotherapeutin / Psychoanalytikerin und Gesundheitspsychologin, akad. zert. Erwachsenenpädagogin, Master of Theology (evang.) und NÖ Hochschulpfarrerin im Ehrenamt.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe März/April

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