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(K)ein Zweifel

Von "der" Kirche zu "die" Kirche…

Die "Frauenfrage" hat unter Franziskus Einzug gehalten in die Debatten über die Zukunft der Kirche. Der Papst könnte auch hier zu einem Ermöglicher und Türöffner werden.

 

 

"Wenn wir heute im Rückblick das große Tribunal der Geschichte eröffnen würden, sähen wir, wie lang und wie oft die Stimme von Frauen in der Kirche nicht gehört oder sogar unterdrückt wurde." Da hat er Recht, Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, der diese Worte bei einem Kongress in Rom im Frühjahr 2015 sprach. Ravasi, ein Leuchtturm im Kardinalskollegium, weiß sich hier auf einer Linie mit Papst Franziskus. Beide sehen, wie schwer manche Katholikinnen an ihrer Kirche tragen: nicht im Rückblick, sondern jetzt. Frauen wenden sich ab, weil ihre Stimme nicht gehört und ihr Rat nicht gesucht wird, obwohl sie gut ausgebildet sind, mit der Kirche fühlen und sich gern in deren Dienst stellen würden. Viele fragen sich, wo ihre Sehnsucht liegt, was Jesus von den Frauen wollte und ob beides annähernd deckungsgleich sein könnte. Sie fragen sich, was geht und was zu weit geht.

 

Wer Papst Franziskus zuhört, erkennt, wo er ansetzt, um die Kirche zu einem Miteinander aller Getauften zu machen. Nicht, dass Franziskus vom Vatikan aus den Katholikinnen zeigt, wo es lang geht; zum einen traut er den Frauen da draußen mehr zu, als viele Männer drinnen es gerne sehen. Zum anderen hat er in der Frauenfrage keinen Plan. Die Kreuzung dieser beiden Sachverhalte ist es, die interessante Perspektiven bietet.

 

Diakonin im Fokus

 

Dabei hat Franziskus eines klar gesagt: Klerikalisierung von Laien ist nicht der Weg. Das "Nein" zur Priesterweihe für Frauen hat er wiederholt. Ob er auch einen Diakonat der Frau unter "Klerikalisierung" einsortiert, bleibt offen. Wie bekannt, hat er auf Vorschlag von Ordensoberinnen eine Kommission eingerichtet, die den Frauendiakonat der frühen Kirche untersucht. Neu für den Vatikan ist, dass die Kommission aus gleich vielen Frauen und Männern besteht, je sechs, unter ihnen bewahrende wie freie Geister. Die Arbeit kommt wohl erst in einem späteren Pontifikat zum Abschluss. Das Ergebnis ist offen, so wie die Frage, was damit geschieht. Dem Papst selbst ist die Diakonin wohl nicht ganz geheuer. Aber er weiß, dass nicht er die Kirche lenkt, sondern der Heilige Geist. Und der wirkt in der Zeit.

 

Die klerikale Sphäre übersteigend, lenkt Franziskus den Blick auf die übergeordnete Frage: Wie kann ein neues Miteinander aller Getauften beschaffen sein, das nicht bloß die alten Räume der Macht wohnlicher gestaltet? Zum einen empfiehlt der oberste Kleriker, klerikales Denken auszumerzen. "Die Kirche ist keine Elite der Priester", sagt Franziskus und erinnert daran, dass die erste Weihe die Taufe ist – die Grundlage für alles und alle in der Kirche. Zum anderen kann er sich vorstellen, die selten hinterfragte Verbindung zwischen Weihe und Verantwortung zu lockern. In der katholischen Kirche können heute nur Priester Leitungsgewalt über Priester ausüben. Laien, gleich ob Männer oder Frauen, haben niemals das Sagen über Geweihte. Würden aber Weiheamt und Verantwortung entkoppelt, dann stünden auch den Laien und mithin den Frauen neue Wirkbereiche in der Kirche offen. Übrigens haben auch mindestens zwei der Kardinäle aus der Gruppe der neun, die den Papst bei der Kurienreform beraten (Kardinal Marx von München und Kardinal Gracias von Mumbai) offene Antennen für dieses Anliegen, das Frauen hie und da schon länger umtreibt.

 

Frauen wichtiger als Priester

 

Die Frauen sind in der Kirche wichtiger als die Priester, ja wichtiger als die Bischöfe, sagt Franziskus. Selten vergisst er daran zu erinnern, dass es "die Kirche" heißt, nicht "der Kirche", "die Kirche ist Frau, sie ist Mutter". Was das aber bedeutet und wo es uns hinbringt, ist ihm eingestandenerweise selbst nicht klar. Franziskus weiß, dass seine Stärke nicht auf theologischem Gebiet liegt, doch den Ermöglicher kann er geben. So regt er ein gemeinsames Nachdenken an, eine "Theologie der Frau", die Grundlage weiterer Entwicklungen sein soll.

 

Und ehe der Verdacht aufkommt, es handle sich um ein päpstliches Manöver zur Zeitgewinnung, sei festgehalten, dass er dieser Theologie der Frau sehr wohl auch einzelne schöne Bälle zuspielt. Einen davon ausgerechnet aus dem Feld der Liturgie: Mit der Aufwertung ihres Gedenktags zum Fest hob Franziskus die heilige Maria Magdalena auf die Ebene der Apostel. Seit 2016 bezeichnet erstmals ein liturgischer Text der römisch-katholischen Kirche eine Frau als "Apostolin". Maria Magdalena war es, die den übrigen Aposteln die Frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu verkündete. Während die Nachfolger der (männlichen) Apostel die Bischöfe sind, wurde die "Apostolin der Apostel" von der kirchlichen Tradition übergangen. Das muss nicht so bleiben. Franziskus schafft von der Liturgie her die Grundlage für eine theologische Neubestimmung des Standortes der Frau in der Kirche. Vielleicht geht dieser Samen in 30 Jahren in Gestalt eines komplett neuen Dienstes für weibliche Laien auf.

 

Die Kirche hat in der Geschichte immer dazugelernt, indem sie voranschritt. Sie ist eine lehrende und eine lernende Kirche zugleich, und Zweifel waren nicht selten Motor echter innerer Erneuerung. Manches Neue geht von Päpsten aus, anderes kommt von den Peripherien, von der gelebten Glaubenswirklichkeit. Der Papst vom "anderen Ende der Welt" lässt Zweifel zu, etikettiert sie nicht gleich als häretisch, sucht sie kreativ einzubinden ins gemeinsame Voranschreiten aller Getauften. In der Frage nach der Frau in der Kirche hat er ausdrücklich dazu eingeladen, nachzudenken, Jesus zuzuhören und zu neuen Ergebnissen zu kommen. Er hat das Feld geöffnet. Das ist mehr, als jeder Papst vor ihm getan hat.

 

Gudrun Sailer

 

Mag. Gudrun Sailer ist Journalistin, TV-Moderatorin und Buchautorin. Die gebürtige St. Pöltnerin wirkt seit 2003 bei Radio Vatikan in Rom. Sie hat u. a. mehrere Bücher über Frauen im Vatikan vorgelegt.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe März/April

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