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Vergiss es (nicht)!

Wenn Gott unsere Tränen abwischt

Die Begleitung Sterbender und Trauernder in Krankenhäusern gehört wohl zu den herausforderndsten Berufen überhaupt. Aber es kann auch erfüllend sein, Menschen in diesen dunkelsten Stunden Mut zu schenken.

 

Als Krankenhaus-Seelsorgerin ist das Leiten von Begräbnissen ein kleiner Bereich meiner Aufgaben. In erster Linie gestalte ich die Verabschiedungsfeiern beim Lienzer Kindergrab, in dem alle „fehlgeborenen Kinder“ (unabhängig von der Dauer der Schwangerschaft) beigesetzt werden. Ich gestalte diese Feiern möglichst offen, denn nicht alle betroffenen Eltern sind katholisch. Immer wieder gibt es Menschen anderer Konfession oder Religion. Die Herausforderung bleibt indes immer die gleiche: passende Worte zu finden, die allen Anwesenden gerecht werden.

 

Immer wieder fahre ich auch in die Heimatgemeinden von betroffenen Eltern, die ihr Kind dort begraben möchten – meist, wenn es über 500 Gramm wog und/oder Lebenszeichen bei der Geburt erkennbar waren. Durch die intensive Begleitung während des Krankenhausaufenthaltes entsteht eine Beziehung und viele Eltern haben dann das Bedürfnis, die Intimität dieser Beziehung auch bei der Verabschiedung und Beerdigung ihrer Kinder zu erfahren. Ein sensibler Bereich, in dem ich immer wieder spüre, wie wichtig es ist, Worte und auch Bibelstellen mit Bedacht zu wählen.

 

Würdiger Abschied

 

Einige Male im Jahr gestalte ich Begräbnisse von Menschen, die ich als Patienten lange im Krankenhaus begleitet habe, oder auch von verstorbenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bzw. deren Angehörigen. Die Mehrheit dieser Personen ist ohne Bekenntnis bzw. war dies, als ich mich mit ihnen während ihres Krankenhausaufenthaltes auf den Weg gemacht habe, um Gott ein wenig Raum im eigenen Denken und Leben zu geben.

 

Tatsächlich fühlen sich Familien, die keine Verbindung zur Kirche oder zum Glauben haben, oft überfordert mit der Frage, wie ein Begräbnis würdevoll gestaltet werden kann. Letztlich jedoch gelingt es auch in diesen Fällen immer wieder, u. a. durch die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Bestatter, einen würdigen Abschied zu gestalten und auf diese Weise den Hinterbliebenen spürbar zu machen, dass sie in ihrem Leid nicht allein sind. Gott ist allen Menschen nahe – auch jenen, die auf der Suche sind.

 

Keine Routine

 

Es mag seltsam klingen, aber für mich sind Begräbnisse etwas sehr Kostbares: als Abschiedsritual und Trost auf dem Weg der Trauer im Blick auf die Angehörigen – ganz besonders aber auch als Anknüpfungspunkt zum Glauben. Gott ist uns immer nahe, selbst wenn wir ihn vielleicht nicht so spüren, wie wir uns das wünschen würden.

 

Wichtig ist mir stets das intensive Gespräch mit der Familie eines verstorbenen Menschen. Nur so kann ich ein wenig nachfühlen, was sie im Moment bewegt. Erst danach wähle ich Texte und Gebete aus – schließlich ist es mir wichtig, dass Begräbnisse nicht „bloße Routine“ werden, sondern dass ich immer wieder neu Menschen und Situationen Raum gebe.

 

Im Glauben geht es meines Erachtens um etwas ganz Ähnliches – nämlich darum, sich immer wieder neu und vertrauensvoll auf Gottes Wege einzulassen, auch wenn sie vielleicht nicht den eigenen Plänen entsprechen. Gerade in Zeiten der Trauer, die manches Mal mit Wut und der großen Frage nach dem „Warum“ einhergehen, drohen Vertrauen und Zuversicht zu schwinden. Für viele Menschen ist ein Begräbnis aber auch ein neuer oder gar erster Kontakt mit Kirche – und so empfinde ich es als große Verantwortung und Geschenk zugleich, genau in dieser schweren Zeit dem Glauben Raum geben zu dürfen, dass Gott uns nahe ist und „unsere Tränen abwischt“ (Offb 21,4).

 

Maria Radziwon

 

Maria Radziwon ist Krankenhaus-Seelsorgerin im BKH Lienz.

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe November/Dezember 2017

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