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Der große Aufschluss

Von Andreas Knapp

 

Schlüsselklirren auf einem kalten leeren Flur. Dazu eine laute Stimme: „Aufschluss!“ Ein erlösendes Wort, ersehnt von Menschen, die hinter den Metalltüren warten. Endlich dürfen die Gefangenen für eine oder zwei Stunden aus ihren Zellen. Endlich können sie auf dem Flur auf- und abgehen oder sich in den Hafträumen zusammensetzen, zum Kartenspiel oder Kaffeetrinken. Falls einer von ihnen Kaffee hat.

 

Seit Jahren erlebe ich als Gefängnisseelsorger dieses Ritual. Eine tägliche Szene, die mich immer noch berührt. Beim Gottesdienst zu Ostern projiziere ich für die Gefangenen ein Bild auf die Leinwand. Ein eigenartiges Gemälde, das von den meist nicht-getauften Insassen noch nie jemand gesehen hat: Türen sind aus den Angeln gerissen und liegen auf dem Boden. Dazwischen sieht man große und kleine Schlüssel, die überall zerstreut herum liegen. Dazwischen ein Gefesselter. Was ist da los: Ein gewaltsamer Einbruch? Oder ein Ausbruch?

 

Es ist das Osterbild der orthodoxen Kirche. Die meisten Leute verbinden Ostern mit Darstellungen von Osterhasen oder blühenden Zweigen. Nach der Kälte und Härte des Winters grünt es wieder: Ostern ist des Fest des Lebens. Christen feiern zu Ostern noch mehr als den wunderbaren Frühling. Sie feiern, dass das Leben nicht nur zu einer bestimmten Jahreszeit, sondern für immer siegen wird.

 

Unsere Welt sieht oft anders aus: Es scheint, dass der Tod das letzte Wort hat. Menschen werden verurteilt und weggeschlossen. Sie werden das, was man ihnen anhängt, nicht mehr los. Sie bleiben eingesperrt in die Bilder, die sich andere von ihnen machen. Und unsere Fehler trägt man uns ewig nach. Das Gute dagegen, das jemand getan hat, ist schnell vergessen. Gibt es keine bessere Gerechtigkeit?

 

Die Bibel erzählt von Jesus, der sich für andere eingesetzt und viel Gutes getan hat. Doch dann wird er ungerecht verurteilt und hingerichtet. Seine Freunde, die ihm Treue bis in den Tod versprochen hatten, laufen davon und verkriechen sich. Sie haben ihre Hoffnungen begraben. Ähnlich machen sich die Frauen, die zu Jesus gehörten, am frühen Morgen auf den Weg, um einen Leichnam einzubalsamieren und den Tod zu konservieren. Wir Menschen kennen diese Tendenz, Vergangenes festzuschreiben: Man besorgt sich ein Souvenir, das man verehren kann. Man hält sich an Erinnerungen fest und schaut nach nicht mehr nach vorn.

Doch Jesus bleibt nicht im Grab. Der Stein, den Menschen vor sein Grab gerollt hatten, um ihn zu fixieren, kommt wieder ins Rollen. Jesus hält sich nicht an die vorgeschriebene Friedhofsordnung. Gott hat ihn aus dem Tod herausgerufen, und das Leben geht, wandert und läuft weiter, ungeahnt, völlig überraschend, grenzenlos. Es gibt einen Neuanfang, selbst jenseits des Todes. Die Türen, hinter denen sich Menschen gegenseitig einsperren, sind durchbrochen. Der falsche Ankläger liegt gefesselt am Boden: Die Angst hat keine Macht mehr.

 

Die Gefangenen konnten auf dem Osterbild ihre eigenen Hoffnungen wiedererkennen: dass verschlossene Türen wieder aufgehen. Dass eine durch Schuld verbaute Situation überwunden wird und sich eine Zukunft öffnet. Dass die Schlüssel, mit denen man andere in Vorurteile und Urteile einsperrt, weggeworfen werden und sich ihnen eine neue Chance auftut.

 

Auf dem Bild sieht man, wie Jesus einen Mann und eine Frau aus dem Grab herauszieht. Das ist Ostern: wenn wir herausgeholt werden aus dem Grab der Verzweiflung und der Angst. Wenn uns jemand die Hand reicht, damit wir nicht in d

er Einsamkeit gefangen bleiben. Ostern bedeutet: Es gibt eine Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit. Alles Gute, das ein Mensch gelebt hat, fällt nicht ins Leere, sondern bleibt für immer. Und die Wunden, die wir einander zugefügt haben, können heil werden. Das ist mein Glaube: Gott behält das letzte Wort über das Leben eines Menschen.

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe März/April 2018

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