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Unsere Themen im Jahr 2018

Heimat zwischen Fiktion und Politik

Heimat ist ein fragiler Begriff – stets in Gefahr, politisch instrumentalisiert zu werden. In den vergangenen drei Jahren hat der Begriff nicht zuletzt unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise eine besorgniserregende Konjunktur erlebt.

 

Es scheint, als wäre es ruhiger geworden rund um das Wort „Heimat“. Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 war sicher ein vorläufiger Höhepunkt der Karriere des Heimatbegriffs. Mit dem Slogan „Deine Heimat – dein Präsident“ versuchte der rechtspopulistische Kandidat Norbert Hofer im Zuge seiner Kampagne seinem linksliberalen Gegenüber, Alexander Van der Bellen, ein zentrales Element dessen eigener Kampagne streitig zu machen. Was blieb von dieser Begriffskonjunktur?

 

Politische Akteure glaubten in der Folge, im politischen Diskurs nicht mehr ohne die Aufladung des Wortes „Heimat“ auszukommen. Hier erlebten wir alles: von beliebigen Herleitungen über Verteidigungsreflexe hin zur kruden Heimatverbundenheit eines Landesrates im Zuge des Kärntner Wahlkampfes 2018 – von den parteipolitischen Bierzelten ganz zu schweigen.

 

Dirndl und Tracht zu tragen ist wieder "in", man steht zu seiner Heimat. Nicht alle sind jedoch mit dieser Entwicklung einverstanden und fürchten um das politisch instrumentalisierte, emotional aufgeladene Wort "Heimat".

 

 Bedrohte Gefühlsidylle

 

Die Fluchtbewegung des Jahres 2015 war der Auslöser dieses Heimatreflexes. Doch vorangestellt sei noch einmal zur Erinnerung das beeindruckende soziale Engagement der Zivilgesellschaft, die nicht nach der Herkunft fragte, sondern zutiefst menschlich agierte, während sich die Politik in ihrem nicht nachvollziehbaren Erstaunen erst ein Bild der Lage verschaffen musste. Als sich die politischen Rädchen zu drehen begannen, waren sie sofort da: die Schützer der Heimat. Das Wort „Bedrohung“ wurde dem Wort „Heimat“ vorangestellt und so zum Kapital politischer Argumentation.

 

Aber was wurde und wird da eigentlich bedroht? Es ist die Fiktion einer Kontinuität des Eigenen oder einfach die simple Behauptung, dass wir unsere Werte und Traditionen – eben unsere Identität – bewahrt und so aus einer gedachten, immerwährenden Vergangenheit in die Gegenwart gebracht hätten. Dieser Fiktion ist ein „normierter gesellschaftlicher Gefühlshaushalt“, wie es Joachim Riedl in seiner Betrachtung des Bundespräsidentschaftswahlkampfes in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ genannt hat, zur Seite gestellt. Dieser potenzielle gesellschaftliche Gefühlshaushalt ist der Marktplatz politischer Bewirtschaftung schlechthin. Heimat hat viele Definitionen, aber vor allem ist sie eben ein Gefühl – und Emotionen sind leicht abzuholen und zu manipulieren.

 

Angst als Kapital

 

Die bedrohte Heimat braucht ein bedrohendes Gegenüber. Und denkt man an die zahllosen Flüchtlinge des Jahres 2015, so war dieses Gegenüber schnell gefunden. Das „Fremde und das Eigene“ ist ein Begriff der kritischen Kulturwissenschaften und bezeichnet die Ausschließungspotenziale gesellschaftlicher Diskurse und Aktivitäten: Die „Fremden“ waren nun in großer Zahl da, und es bedurfte nur weniger Schlagworte, um die Ängste um „das Eigene“ zu schüren. Ist diese Stimmung einmal erzeugt, ist es ein Leichtes, jegliches Ereignis dem pauschal „Fremden“ zuzuschreiben. Die Perfidität dieser Dynamik liegt darin, dass jene, die am politischen Marktplatz Angst als Kapital generieren, die politische Heilsversprechung, die in unterschiedlichsten Sprachbildern von Sicherheit daherkommt, gleichzeitig mitliefern.

 

Das heilsame kleine Wort „Heimat“ steht schon längst im Hintergrund und ist nur noch die Folie für ein kollektives Bedrohungsszenario. Diejenigen, die das „Eigene“ dem „Fremden“ gegenüberstellen und mit Ausgrenzungspolitik Stimmen gewinnen, sind die Profiteure einer simplen Gefühlslage. Andere versuchen in deren Sog Produkte abzusetzen. Ein österreichischer Onlineshop wirbt mit dem Slogan „So geht Heimatmode“. Die graumelierten Zipper-Jacken im Promotion-Video sind links auf Brusthöhe mit einem gestickten Emblem ausgestattet – einer Kornblume.

 


 

 

 

 

 

Matthias Beitl

 

 

 

Dr. Matthias Beitl ist seit 2013 Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien.

 

 

 

Webtipp: www.volkskundemuseum.at

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Juli/August 2018

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