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Geschenkte Zeit

Der Langeweile entrinnen

Mit der gesellschaftlichen Modernisierung geht zugleich ein Gewinn an Zeit einher. Warum aber führt ein Mehr an Zeit zu mehr Stress, Beschleunigung und gefühlter Zeitknappheit?

Von Oliver Dimbath

Die moderne Gesellschaft steht ganz im Zeichen von Beschleunigung. Parallel dazu wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung.

 

Im Jahr 2005 traf der Soziologe Hartmut Rosa mit einer Gegenwartsdiagnose den Nerv der Zeit. In vielen gesellschaftlichen Bereichen hatte er eine wachsende Tendenz der Zeitoptimierung und der höheren Geschwindigkeiten festgestellt. Seine Bilanzierung dieser Phänomene mündete in eine Beschreibung des Wandels moderner Gesellschaften unter dem Vorzeichen ihrer Beschleunigung. Zeiteinsparung bringt gemäß der Diagnose Rosas eine ganze Reihe beunruhigender Nebenfolgen mit sich. Diese münden in die bereits in Michael Endes Parabel „Momo“ formulierte Paradoxie: Je mehr Zeit wir sparen, desto weniger Zeit haben wir.

 

Dabei ist nicht zu bezweifeln, dass die Dauer von Prozessen verkürzt und damit optimiert werden kann: Denn vor dem Aufkommen eines wachsenden Zeitdrucks (Stress) steht zunächst einmal die Zeitersparnis durch Automation. Der fortschrittskritische Philosoph Herbert Marcuse sieht hier auch gewisse Chancen. So führe Automation zur Befreiung des Individuums von den Notwendigkeiten ebenso wie vom Takt der Maschinen. Die freie Zeit könne für die Entwicklung des privaten und des gesellschaftlichen Lebens genutzt werden.

 

Mehr Zeit, mehr Stress

Um aus einer Zeitersparnis auf Beschleunigung zu schließen, muss man mit Rosa annehmen, dass die Erweiterung des Möglichkeitshorizonts zu der Angst führt, etwas zu verpassen. Eine solche Angst sei nicht nur hedonistisch, sondern durchaus rational zu begründen, da ein Mehr an Zeit zugleich ein Mehr an Möglichkeiten ihrer Nutzung mit sich bringe. Der daraus erwachsende Stress sei nun das Massenphänomen und nur ausnahmsweise reagieren Menschen, indem sie Oasen der Entschleunigung aufsuchen.

 

Wenn man die Konsequenzen aus Zeitgewinnen so interpretiert, kommt man zu alarmistischen Diagnosen einer sich immer schneller drehenden Welt mit wachsender Zentrifugalkraft. Individuen, die sich nicht mehr festhalten können, werden abgeworfen. Betrachtet man aber die durch Fortschritt gewonnene Zeit als geschenkte Zeit, steht man vor einem ganz anderen Problem: Die Befreiung von Arbeit war in der griechischen Polis mit der Chance der Bürger verbunden, sich der Politik oder der Geselligkeit zu widmen. Da aber eine solche Befreiung nur bestimmten Gesellschaftsschichten offenstand, kann man davon ausgehen, dass die Privilegierten wussten, was sie mit ihrer Zeit anzufangen hatten.

 

Mit einer massenwirksamen Zeitersparnis, wie sie durch den technischen Fortschritt in der modernen Gesellschaft stattfindet, ist es zu einem rasanten Ausbau ganz spezifischer Zeitver(sch)wendungsangebote gekommen – vom Konsum, der selber wiederum ein eigenes Beschleunigungs- und damit Stresspotenzial enthält, über die Unterhaltungsindustrie bis hin zu alternativen Zeitnutzungsformen. Gegenbewegungen entwickeln sich als bewusste Reaktionen auf ein Gefühl „falscher“ Zeitverwendung. In der Folge scheint sich ein alternativer Wirtschaftszweig zu etablieren, der die Verwendung freier Zeit etwa auf eine umfassende „Sorge um sich“ – als Arbeit am eigenen Körper oder der eigenen Person – lenkt.

 

Was tun mit der Zeit?

Anders gesagt: Nicht Zeitverknappung ist heute das Problem, sondern Zeitüberschuss. Mit diesem Zeitreichtum umzugehen, ist für viele Menschen eine Herausforderung. Denn zunächst entsteht Langweile, gegen die sich die bereits benannten Zeitverwendungsformen – Konsum und Unterhaltung – gezielt wenden. (Medien-)Konsum wiederum kostet Geld und erzeugt durch die Vielfalt seiner Möglichkeiten Freizeitstress. Unter einen solchen geraten diejenigen, die das nötige Kleingeld haben. Für manche mündet das in eine Sinnkrise, die zum Anstoß alternativer Zeitnutzungsformen führen kann; bei anderen wiederum, denen die finanziellen Mittel zu einem Ausgleich durch Konsum fehlen, kann dies zu einer sozial explosiven Gemengelage aus Perspektivlosigkeit und Langweile führen.

 

Aber selbst die offensiven, agilen Zeitgestalter bewegen sich nicht automatisch in Richtung einer selbstbestimmteren Welt: Sie schaffen neue Zeitregimes, die ideologisch und mit neuen Zwängen der Zeitverwendung verbunden sein können. Die „Zeit für sich“ reserviert zu haben, kann dann leicht zu einem neuen Abgrenzungswerkzeug werden – wer sich diese Zeit nicht nimmt, fällt negativ auf: sei es durch einen sichtbar untrainierten Körper, die Laster des Rauchens und des Fleischkonsums oder mangelnde Bewegung und die Vorliebe für ungesunden Filterkaffee …

 


Prof. Dr. Oliver Dimbath ist Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau. Er forscht u. a. über die gesellschaftliche Zeitempfinden, Erinnern und Vergessen. 

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