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Welt in Bewegung

"Verstehen, verzeihen, versöhnen"

Gibt es Barmherzigkeit in der Politik, in der Justiz oder in den Medien? Eine Fastenpredigt-Reihe in der Basilika Rankweil ging diesen Fragen nach.

 

Wir befinden uns mitten im "Jahr der Barmherzigkeit". Es gibt "Pforten der Barmherzigkeit" in ausgewählten Kirchen, es gibt eigens ernannte "Missionare der Barmherzigkeit" und zahlreiche Aktionen und Initiativen. Aber das Jahr, das Thema scheint dennoch bei vielen Menschen nicht zu zünden. Barmherzigkeit – der Begriff erschließt sich kaum mehr; und schon gar nicht, wenn er in spirituelle Watte gepackt wird und aus seinen leiblichen, ja, weltlichen Kontexten gelöst wird.

 

Leiblich. Damit ist das Stichwort gefallen, welches auch wir im "miteinander" in unserer Artikelserie aufgegriffen haben: Hungernde speisen, Kranke besuchen, Trauernde trösten – es entstehen gleich Bildern in den Köpfen, wenn Barmherzigkeit auf diese Weise "geerdet" wird, wenn sie zwischenmenschlich "geschieht". Doch moderne Gesellschaften werden zu einem wesentlichen Teil durch Institutionen und oft gesichtslose Prozesse zusammengehalten. Politik, Medien, Recht – um nur ein paar Stichworte zu nennen – halten Gemeinwesen in Gang. Gibt es auch in diesen Bereichen so etwas wie Barmherzigkeit? Bieten weitgehend anonymisierte Prozesse den Spielraum des Ermessens, in dem auch Barmherzigkeit ihren Platz hat?

 

Dieser Frage sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in einer eigenen Fastenpredigten-Reihe in der Wallfahrts-Basilika Rankweil in Vorarlberg nachgegangen. Ihr gemeinsamer Befund bleibt dabei ernüchternd: Barmherzigkeit ist in institutionalisierten Prozessen kaum lebbar – aber sie bleibt doch gültiger Richtwert, hehres moralisches Ziel. Denn die Welt tritt uns heute vor allem als unbarmherzige Welt entgegen. Ein Blick in die Medien, auf die (Asyl)Politik genügt, um festzustellen: Mit Barmherzigkeit scheint das alles nichts zu tun zu haben.

 

Barmherzigkeit im Journalismus?

 

Das hat auch der Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten", Gerold Riedmann, unterstrichen. Denn wenn Journalismus bedeutet, zu sagen, "was ist", dann ist Journalismus vor allem eines: Spiegel einer unbarmherzigen Welt. Dennoch sei Journalismus – recht verstanden - "viel mehr als nur den Finger in Wunden zu legen oder das Schlechte dieser Welt ins Wohnzimmer zu bringen", so Riedmann. Denn aus Journalismus folgt im Idealfall ein weltveränderndes, ja weltverbesserndes Handeln. Anders gesagt: Auch wenn Journalismus an sich nicht barmherzig sein kann - "aus Journalismus kann Barmherzigkeit entstehen". Und zwar immer dann, wenn Journalismus die Herzen der Menschen berührt, sie bewegt, sie zum Handeln verleitet.

 

Ähnlich sah das in ihrer Fastenpredigt auch die Vizepräsidentin des Vorarlberger Landtages, Gabriele Nußbaumer. Barmherzigkeit in der Politik – das lasse sich durchaus ertragreich durchdeklinieren: "Für mich bedeutet es, sich um den Nächsten zu kümmern – das geht weiter, als ihm Sozialhilfe oder die Mindestsicherung zu gewähren – es bedeutet, ihn in seiner besonderen Situation wahrzunehmen". Hat das etwas mit Politik zu tun? Nußbaumer ist davon überzeugt, denn: "Es trifft eigentlich den Kern der Daseinsberechtigung von uns Politikern". Denn Politik meint einen Balanceakt zwischen Solidarität mit dem Einzelnen und dem Ringen um das Gemeinwohl.

 

Keine juridische Kategorie

 

Einen solchen – politischen wie individuellen – Handlungsspielraum gibt es in der Justiz nicht. Dort ist Barmherzigkeit zu Gerechtigkeit geronnen. Im Idealfall. Tatsächlich aber entzieht sich der Begriff der Barmherzigkeit ebenso wie jener der Gerechtigkeit jeder letzten, verbindlichen Definition, so Peter Mück, pensionierter Richter am Landgericht Feldkirch. Gerechtigkeit bleibe selbst in der Rechtsprechung eine hehre, allzuoft durch die Komplexität der Fälle und Sachverhalte ausgehebelte Zielvorgabe. "Ist es gerecht, dass wir im siebtreichsten Staat der Erde leben und während ich diesen Satz gesagt habe zwei Kinder an Hunger gestorben sind?"

 

Ist also "in Gesetzen Platz für Barmherzigkeit?", fragt Mück. Haben Normen und Gesetze etwas mit Nächstenliebe zu tun? Kurz gesagt: Nein. "Es scheint, dass Barmherzigkeit in der Justiz ausgeschlossen ist". Denn Barmherzigkeit, wie sie der Glaube fordert, geht weit über das hinaus, was juridisch erfasst und in Paragrafen gegossen werden kann. Selbst richterliche Milde habe nichts mit Barmherzigkeit zu tun, so Mück, da sie an klare Regeln und transparente Vorgaben geknüpft sei. Und doch – auch Mück kommt nicht umhin, Barmherzigkeit auf der persönlichen Ebene als Nächstenliebe zu verorten. Dort haben sie ihren Platz und als solche habe sie auch eine Relevanz für die Justiz, denn: "Die Justiz schließt die Barmherzigkeit nicht ein, aber die Barmherzigkeit die Justiz."

 

» Webtipp: Predigten zum Nachlesen im Wortlaut

 

Henning Klingen

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Juli/August

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