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Vom Loslassen

Maria auf dem Weg

Das Weihnachtsevangelium ist gerade im Blick auf die Rolle der Gottesmutter Maria vielschichtiger, als man meint. Thomas Söding mit drei biblischen Blickwechseln.

 

Lukas hat einen Blick für Maria. In der Kindheitsgeschichte ist sie – nach Jesus, besser: mit Jesus – die Hauptfigur. In einer Männerwelt ist das nicht vorgesehen. Jesus macht es möglich.

 

Desto wichtiger sind die Blicke auf das Lukasevangelium: Kitsch oder Kerygma? Klischee oder Klarheit? Fromme Einfalt und stille Größe oder prophetischer Aufbruch und intelligente Mutterschaft? Das Weihnachtsevangelium ist vielschichtig.

 

Erster Blick

 

Maria ist gehorsam. "Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38), sagt sie dem Engel. In der Weihnachtsgeschichte sagte sie gar nichts: Sie ist die Verlobte, die Joseph nach Bethlehem mitnimmt; sie ist die Mutter, die ihr Kind wickelt und in eine Krippe legt. Als Wöchnerin pilgert sich mit Joseph in den Tempel, um sich reinigen zu lassen. Sie sucht Jesus, ihr Kind, als der Zwölfjährige sich selbständig gemacht hat und im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert: "Kind, was hast du uns angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht" (Lk 2,48). Konventioneller könnte es kaum sein: Die liebevolle Mutter geht in der Sorge für ihr Kind auf; die fromme Jüdin achtet die Gebote; die treue Ehefrau folgt ihrem Mann.

 

Zweiter Blick

 

In der Konvention ereignet sich eine Revolution. Kein Mann wird einer Engelerscheinung gewürdigt, sondern eine Frau. Nicht der Vater entscheidet über den Namen des Kindes, sondern die Mutter. Nicht der Hohepriester steht im Zentrum des Tempels, sondern Maria. Als der Engel sie, die Jungfrau, zur künftigen Mutter des Gottessohnes erklärt, fragt sie nach: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" (Lk 1,34); erst nachdem sie die Antwort verstanden hat, die auf die Kraft des Heiligen Geistes verweist, stimmt sie zu.

 

Weil sie von der Schwangerschaft ihrer Tante gehört hat, macht sie sich – offenbar allein – auf den Weg von Nazareth nach Judäa, um Elisabeth zu besuchen. Dort wird sie zur Dichterin. Das Magnifikat ist das stärkste Zeugnis einer Prophetin in der ganzen Bibel, neben Mirjams Siegeslied am Schilfmeer (Ex 15.20f.) und Hannas Danklied für die Geburt Samuels (1Sam 2). Am Ende des Weihnachtsevangeliums heißt es – nur – von ihr: "Maria bewahrte all diese Worte und brachte sie in ihrem Herzen zusammen" (Lk 2,49). So auch nach der Auseinandersetzung mit dem jungen Jesus, der sie zurechtgewiesen hatte: "Seine Mutter hütete alle Worte in ihrem Herzen" (Lk 2,51).

 

Dritter Blick

 

Beide Blicke gehören zusammen und öffnen die Augen für einen dritten Blick. Die inspirierte, mutige, nachdenkliche Frau ist eine Frau aus dem Volk – und dringt tiefer als alle in sein Geheimnis des Glaubens hinein: die Hoffnung auf Gott und seinen Messias. Die gehorsame, gesetzestreue, mütterliche Jüdin wird gerade deshalb auf ihren ganz eigenen Weg geführt, weil sie auf Gottes Wort hört. Elisabeth, die gleichfalls prophetisch begabte Mutter des Täufers, bringt es zur Sprache: "Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" (Lk 1,42-43).

 

Hier, im Kern des Avemaria, kommt beides zusammen: Maria ist ein Segen, weil sie gesegnet ist; ihr eigenes Kind verbindet sie mit Gott und seiner Verheißung. Sie ist nicht nur Objekt, sondern zuerst Subjekt des Glaubens. Dass sie zu Elisabeth geht, zeigt ihre Demut – die Demut Jesu, das Selbstbewusstsein derer, die Ja zu Gott gesagt hat, damit Jesus das Ja Gott zu allen Menschen, auf die Welt kommen kann.

 

Thomas Söding

 

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum.

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Dezember

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