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Vom Loslassen

Die Kunst des Loslassen

Was verbindet Dietrich Bonhoeffer, Provikar Carl Lampert und Mahatma Ghandi? Sie haben selbst in dunklen Momenten des Abschied-Nehmens Vertrauen in die Kraft Gottes bewahrt.

 

Mitunter sind wir aufgerufen, Pläne und Überzeugungen loszulassen. Im Johannesevangelium sehen wir an vielen Stellen, wie Jesus Menschen einlädt, von ihren Überzeugungen loszulassen; so belehrt er den Schriftgelehrten Nikodemus zu nächtlicher Stunde über das Geheimnis der Wiedergeburt (Joh 3); so erzählt er der Frau am Jakobsbrunnen vom Wasser, das nie wieder durstig macht (Joh 4); so verdeutlicht er den selbstgefälligen Gelehrten, wie delikat es doch ist, ein Urteil über die Ehebrecherin zu fällen (Joh 8).

 

Es sind schließlich auch Pläne und Überzeugungen, an denen wir uns festhalten. Der evangelische Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer musste auf schmerzhafte Weise von seinem Plan, seine Verlobte Maria von Wedemeyer zu heiraten, loslassen. Er hatte sich ja im Januar 1943 als 37-jähriger Mann unerwartet verlobt und wurde am 5. April 1943 inhaftiert. Er hatte stets gehofft, bald wieder frei zu kommen, doch es sollte anders kommen. Dietrich Bonhoeffer sah nie wieder das Licht der Freiheit und wurde noch in den Apriltagen 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs, hingerichtet.

 

Widerstand und Ergebung

 

Aus dem Dezember 1944 stammt der berühmte Text "Von guten Mächten". Bonhoeffer tröstet sich und alle Menschen, die um ihn bangen, mit den Zeilen "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar – so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr". Er weiß wohl um das Loslassen und die damit verbundene Hingabe an den Willen Gottes, der uns dahin führen kann, wo wir nicht sein wollen: "Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern. Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand".

 

Dieser Text wurde im Gefängnis in einer kleinen Zelle geschrieben; Dietrich Bonhoeffer war schon 21 Monate inhaftiert und sah seine Chancen auf Freiheit zusehends schwinden. Seine Eltern waren betagt und gesundheitlich angeschlagen, seine Verlobte und seine besten Freunde, das Ehepaar Bethge, zitterten um ihn. In diese Situation hinein schreibt Bonhoeffer diesen begnadeten Text, der uns vom Loslassen von Plänen erzählt.

 

Es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Pläne aufzugeben. Wer kennt nicht Geschichten von Menschen, die sich auf den Ruhestand gefreut haben, Pläne für diese Zeit machten und dann diese Zeit nicht mehr erlebten oder nach einer Erkrankung nicht mehr in der Lage waren, die Dinge zu unternehmen? Wer kennt nicht die Geschichten von Menschen, die in ihren Plänen gescheitert sind?

 

Trauer in Freude wandeln

 

In seiner Autobiographie erzählt Mahatma Gandhi immer wieder von seiner Erfahrung, von Gott geführt worden zu sein. „Man kann sagen, dass Gott es eigentlich nie zugelassen hat, dass sich einer meiner Pläne durchgesetzt hat. Er hat über meine Pläne auf Seine Weise verfügt.“

 

Auch Carl Lampert, der am 13. November 2011 in Dornbirn seliggesprochen wurde, musste Pläne loslassen. Carl Lampert (1894-1944) war ein Vorarlberger Priester und seit 1939 Provikar der Administratur Feldkirch-Innsbruck. Nach Konflikten mit staatlichen Stellen im Naziregime, gegen das er christliche und kirchliche Interessen verteidigt hatte, wurde er inhaftiert. Im März 1943 schrieb er aus dem Gestapogefängnis Stettin: "In mein Leben und Planen hat die Vorsehung die letzten fünf bis sechs Jahre große Striche gemacht, nun kam der dickste Strich, daher auch der schmerzlichste; - aber wie immer sage ich auch diesmal mein Fiat. 'Herr, Dein Wille geschehe!' - Dann wird’s schon recht sein … wenn's auch noch so wehe tut; - denn alle Trauer wird einmal in Freude gewandelt werden." (CL 49).

 

Es fällt dem seligen Carl Lampert unglaublich schwer, "untätig" im Kerker zu sitzen, während die geistliche und materielle Not im Krieg um sich greift und er dringend gebraucht würde. "Hätte ich nicht eine innere Kraft, so möcht’ man verzweifeln an solchem Wahnsinn des Lebens" (CL 50) – diese innere Kraft, die ihn eine klare Mitte im Leben sehen und leben lässt, ermöglicht es ihm, durchzuhalten, von seinen Plänen loszulassen. Er hält sich, wie er selber am 4. Juli 1943 schreibt, an zwei Dingen fest in dieser Schule des Loslassens, am Vorsehungsglauben und am "manchmal geradezu greifbare[n] Fühlen, wie nahe der Herr mir ist" (CL 60). Je mehr ihm die Menschen fehlen, desto mehr wendet sich sein Herz Gott zu. Er erkennt: "Gottes und der Menschen Wege gehen meist nicht gemeinsam" (CL 68), immer wieder sagt er sein "Fiat", sein "Fiat voluntas tua", "Dein Wille geschehe", die mitunter bittere Bitte aus dem Vaterunser.

 

Vertrauen wagen

 

Was das Loslassen von Überzeugungen und Plänen möglich macht, ist vor allem das Vertrauen, dass alles zu einem guten Ende geführt wird und nicht das zufällige Spiel von unbekannten Kräften ist. So gesehen ist ein Schlüsselwort für die Kunst des Loslassens: Vertrauen. Wenn wir erfahren dürfen, dass wir unseren Elternvertrauen dürfen, unseren Freundinnen und Freunden, unserer Partnerin und unserem Partner, unseren Lehrerinnen und Lehrern; wenn wir erfahren haben, dass wir mit einer vertrauensvollen Haltung Gott am nächsten sind – dann kann es uns leichter fallen, das Grundvertrauen in Gott, der trägt, aufzubauen und zu nähren.

 

Menschen, die die Erfahrung von Gebetserhörungen gemacht haben, können daraus auch Kraft für schwierigere Zeiten gewinnen; im Sinne des schon erwähnten Psalmwortes: "Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat." Wie können wir Vertrauen aufbauen? Durch die Liebe. Der Mensch hat Heimweh nach Liebe. Für diese Liebe tragen wir alle gemeinsam Verantwortung, füreinander, miteinander und für das Ganze des persönlichen und des mitmenschlichen Lebens. Wo ist die Liebe? In Betlehem ist sie geboren, Mensch geworden unter Menschen, für die Menschen. Darum ist die Feier der Geburt der Liebe in Betlehem so entscheidend für unser menschliches und christliches Leben.

 

Im Evangelium heißt es: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern, wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben … (Mt 20,25-28).

 

An die Liebe glauben

 

Jede Erfahrung von Liebe, jede Erfahrung von Dienst, jede Erfahrung von Redlichkeit und Hingabe mehrt das Vertrauen hier auf Erden; und darum sollten wir uns bemühen. Wenn wir es schaffen, an die Liebe zu glauben, können wir alles loslassen: Als sich Jesus, der Auferstandene, zum dritten Mal den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war – so berichtet das Johannesevangelium – und nachdem er mit ihnen gegessen hatte, sagte Jesus zu Simon Petrus: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?" Dreimal fragt ihn der Herr nach der Liebe, nicht nach anderen Fähigkeiten und Begabungen, sondern einfach nach der Liebe. Und zwar nach der Liebe zu IHM, dem auferstandenen Herrn.

 

Als er ihn zum dritten Mal fragte, wurde Petrus traurig, und die letztgültige Antwort lautet: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe." Dann der Auftrag des Herrn: "Weide meine Schafe!" Und Jesus fügt hinzu: "Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst." Johannes kommentiert: "Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!"(Joh 21,15–19) – wir sind geliebte Kinder Gottes und wir werden geführt!

 

Alois Kothgasser & Clemens Sedmak

 

aus: Alois Kothgasser/Clemens Sedmak, Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne, Von der Kunst des Loslassens, 144 Seiten, Verlag Topos Plus, € 10,30 (ISBN 978-3-8367-1022-0).

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2016 | Ausgabe Dezember

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