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Heiliger Zorn

Die drei Botschaften des zornigen Gottes

Das biblische Gottesbild kann verstörend sein, denn an vielen Stellen ist Gott ein zorniger und furchterregender. Doch wer tiefer blickt, entdeckt dahinter einen Gott, dem Welt und Mensch ganz und gar nicht egal sind.

 

Nimmt man die Bibel beim Wort und liest sie wortwörtlich, dann findet man viele Stellen, in denen von einem „furchterregenden“ (Ps 76,8) Zorn Gottes die Rede ist. Dieser wird mit erschreckenden Bildern ausgemalt. Gottes „Zornesglut“ (Ps 90,7) ist wie Feuer, das entbrennt und verzehrt. Zwei Hauptursachen hat Gottes Zorn: Entweder hält sich das erwählte Volk Israel nicht an die Weisungen Jahwes oder Feinde bedrohen das Volk.

 

Die biblischen Texte vom Zorn Gottes sind vollgepackt mit unseren menschlichen zornigen Erfahrungen. Doch hinter den Bildern stehen für unser Verhältnis zu Gott wichtige Botschaften. Eine erste Botschaft: Gott ist die Welt nicht egal. Er ist kein Startschussgott, der die Geschichte in Gang gesetzt und sich danach abgesetzt hat. Als eine der Quellen des Zorns Gottes wird daher – sicherlich wieder mit einem sehr menschlichen Bild – Gottes „Eifersucht“ (Dtn 29,19) ausgemacht, sein leidenschaftliches Interesse nicht nur für sein erwähltes Volk, sondern über dieses mit der ganzen Welt.

 

Eine zweite Botschaft: Gott hat uns Weisungen für eine friedliche und gerechte Entwicklung der Menschheit gegeben. Werden diese mutwillig ignoriert, dann zieht unsere „Sünde“ leidvolle Folgen nach sich. Dieses Leid wird zwar als Folge des göttlichen Zürnens beschrieben. Gott züchtigt dann sein Volk, um es auf die Spur der Gerechtigkeit zurückzuführen. Hinter all diesen Bildern steckt die Erfahrung, dass wir beispielsweise die Umwelt nicht beliebig belasten, die Gerechtigkeit nicht ständig folgenlos verletzen können. Die „Züchtigung“ durch Gott und das erfahrene „Leid“ erscheinen als Strafe eines zornigen Gottes.

 

 

Unterwegs zum Weltgericht

Letztlich heißt aber die Botschaft: Wir selbst zerstören die Umwelt, wir schaffen keine Gerechtigkeit in der Welt und damit maßloses Leid. Die Strafe folgt aus unserem Handeln, das nicht der Weisheit Gottes folgt, sondern unserem aus Angst geborenen Hang zu Gewalt, Gier und Lüge: „Denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm“ (Röm 2,8). Es wäre gut, würden wir aus der „Züchtigung“ durch selbst geschaffenes Leid neue „Zucht“ lernen.

 

Die dritte Botschaft: Die Rede von Gottes Zorn zielt nicht auf Vernichtung, sondern auf Errettung. Das gilt schon für diese Weltzeit, noch mehr aber für das Finale der Weltgeschichte. „Gottes Zorn“ wird mit dem „Jüngsten Gericht“ in Verbindung gesehen: „Da kam dein Zorn: die Zeit, die Toten zu richten, die Zeit, deine Knechte zu belohnen, die Propheten und die Heiligen und alle, die deinen Namen fürchten, die Kleinen und die Großen, die Zeit, alle zu verderben, die die Erde verderben“ (Offb 11,18).

Menschen aber, die gläubig an Gott hängen, finden sich mit dessen Zorn nicht ab. Schon jetzt nicht in dieser Weltzeit und auch nicht am Ende der Zeiten. Vielmehr bedrängen sie Gott: „Herr, Gott der Heerscharen, wie lange noch raucht dein Zorn trotz des Bittgebets deines Volks?“ (Ps 80,5) Ratlos fragen sie: „Hat Gott vergessen, dass er gnädig ist? Oder hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen?“ (Ps 77,10) „Willst du uns ewig zürnen, soll dein Zorn dauern von Geschlecht zu Geschlecht?“ (Ps 85,6) Paulus gräbt tiefer: „Ist Gott – ich frage sehr menschlich – nicht ungerecht, wenn er seinen Zorn verhängt?“ (Röm 3,5)

 

Verstörendes Gottesbild

Der große Theologe Paulus nennt auch den Grund dafür, dass das „Gericht des Zorns“ letztlich ein „Gericht des finalen Erbarmens“ sein wird. In diesem wird der richtende Gott die Menschen nicht hinrichten, sondern aufrichten. Der Grund unserer Zuversicht ist Jesus, der sich mit jener sündigen Menschheit geeint und selbst in der Gottverlassenheit am Kreuz seinem Gott innig verbunden traut. Darin hat er aus Gnade die ganze Welt mit Gott versöhnt und seinen Zorn in Erbarmen gewandelt: „Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden“ (Röm 5,9).

Die heiligen Schriften liefern uns also ein auf den ersten Blick verstörendes Gottesbild. Das tut uns gut. Wir sind ja oft in Versuchung, aus einem unpassenden Gott einen uns passenden Gott zu machen. Gottes Zorn mahnt uns, Gottes Weisungen zu unserem eigenen Wohl und zum Wohlergehen der Welt ernster zu nehmen. Dabei wissen wir aber: Gottes Zorn „dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang“ (Ps 30,6).

 

 

Zur Person:

Prof. Paul M. Zulehner, geb. 1939 in Wien, wurde 1964 zum Priester geweiht. Bis zu seiner Emeritierung 2008 hatte er den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Universität Wien inne. Er ist Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und als Experte zu kirchlichen Themen bekannt.

 

 

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