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Aus dem neuen »miteinander«

Dem ökosozialen Burn-out entgegentreten

Versuch einer kleinen Theologie der Nachhaltigkeit von Markus Vogt

Die Klimakrise ist ein Zeichen der Zeit, an dem sich bewähren muss, ob Theologie etwas für unsere Gegenwart zu sagen hat. Versuch einer kleinen Theologie der Nachhaltigkeit. Von Markus VOGT.

miteinander 9-10/2022

GLACIER IN ALASKA, CONCEPT OF GLOBAL WARMING

Die ökologische Krise hat eine religiöse Dimension. Sie ist religionsproduktiv: Sie erzeugt eine neue Form der Frage nach dem, was unsere Existenz trägt, ihr Zukunft gibt und Sinn verleiht. Was die Menschen heute zutiefst beunruhigt ist nicht – wie etwa im 16. Jahrhundert – die Heilsangst „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, sondern die Frage nach dem, was unser Tun vor den kommenden Generationen rechtfertigt. Was befähigt uns individuell und kollektiv, dem ökosozialen Burn-out unserer Zivilisation wirksam entgegenzutreten? Diese Frage ist heute ein entscheidender Ausgangspunkt für die Suche nach dem, worauf es ankommt, und damit auch für neue Perspektiven auf die Gottesfrage.
Mit anderen Worten: Die Klima- und Umweltkrise ist ein „Zeichen der Zeit“, an dem sich bewähren kann und muss, ob die Theologie für unsere Gegenwart etwas zu sagen hat und ob sie Hoffnung zu vermitteln vermag. Eine Theologie der Zeichen der Zeit geht davon aus, dass es Gott selbst ist, der durch die Umbrüche und Aufbrüche der Gegenwart zu uns spricht und eine Antwort fordert. Die Schöpfung ist der Leib Gottes; in ihrer Schändung wird der kosmische Christus gekreuzigt. Die ökologische Transformation ist ein locus theologicus, ein Ort der Gottesrede heute, an dem sich die „Geistesgegenwart“ von Theologie und Kirche entscheidet.

"Die Klima- und Umweltkrise ist ein ›Zeichen der Zeit‹, an dem sich bewähren kann und muss, ob die Theologie für unsere Gegenwart etwas zu sagen hat und ob sie Hoffnung zu vermitteln vermag."

Die christliche Rede vom Heil der Welt sowie der befreienden Botschaft des Evangeliums wird nichtig und leer, wenn sie nicht zur Motivation wird, sich für den Kurswechsel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung einzusetzen. So wie in der Aufklärung angesichts der Verachtung des Individuums im Absolutismus die Verteidigung der unbedingten Würde des Menschen
mit neuer Dringlichkeit zum unverzichtbaren Ort der Gottesrede wurde, so ist heute der Schutz der Umwelt zum Bewährungsort für den christlichen Glauben geworden. In der Umweltkrise steht auch die Gottesbeziehung auf dem Spiel. Sie ist ein Zeichen der Zeit, das einen neuen Gesellschaftsvertrag fordert.

 

Ökologischer Humanismus

Kern der Suche nach einem ethischen Kompass für eine zukunftsfähige Gesellschaft ist das Naturverhältnis unserer Zivilisation. Gerade hier besteht jedoch Bedarf an einer kritischen Aufklärung gegenüber einem sich ausbreitenden mökologischen Naturalismus, der das vermeintlich in der Natur vorfindliche Gleichgewicht idealisiert, z. B. als Basis eines naturalistischen Verständnisses von Nachhaltigkeit. Das wäre „Ökologie als Heilslehre“ (Ludwig Trepl) als „Ersatzreligion“ (Norbert
Bolz). Die Natur ist jedoch eine offene Ordnung, die keine Gerechtigkeit kennt. Die Evolution wird durch Nichtgleichgewichtsprozesse vorangetrieben. Die Natur ist moralisch nicht belangbar. Das, was als gut und sinnvoll gelten soll, ist nicht im Sinne einer Deduktion aus der Natur ableitbar. Von daher impliziert die christliche Schöpfungstheologie, die die Natur als gut bewertet, eine zusätzliche Dimension: Sie ist nicht einfach der verlängerte Arm ökologischer
Imperative, sondern verweist auf eine kulturelle Tiefendimension der Erfahrung der Natur und des Lebens als Gabe, als ein Geschenk, das sich der beliebigen Verfügbarkeit entzieht. Sie fordert, den Subjekt- Objekt-Dualismus, der unserem modernen Denken zutiefst eingeschrieben ist, zu transzendieren, also Natur, Tiere und Pflanzen nicht nur als Objekte wahrzunehmen, sondern als Mitgeschöpfe. Die ethische Basis der Nachhaltigkeit ist ein
ökologischer Humanismus. Dieser fordert eine neue Generation der Menschenrechte:
Nach den individuellen Freiheitsrechten, den sozialen Anspruchsrechten und den politischen Mitwirkungsrechten, die jeweils als Resultat einer langen Konfliktgeschichte formuliert wurden, braucht es heute ökologische Existenzrechte. Nur ein solches umweltethisches Ausbuchstabieren der Menschenrechte kann verhindern, dass diese im 21. Jahrhundert für einen großen Teil der Menschheit abstrakt, leer und unerreichbar werden. Das Prinzip der Nachhaltigkeit und die Sustainable Development Goals der UN sind ethisch von einer ökologischen Erweiterung der Menschenrechte mher zu denken.

 

Lebenswissen für eine kulturelle Revolution

Die wichtigste Kompetenz der Kirchen für ökologische Verantwortung ist ethische Bildung. Diese ist ganzheitlich auf eine Integration mkognitiver, emotionaler und praktischer mFähigkeiten angelegt: Bildung für mHirn, Herz und Hände. Christliche Bildung
für Nachhaltigkeit zielt auf die Einheit von mWissen und Gewissen. Die Kompetenz der mKirchen ist dabei nicht als oberste „Moralagentur“ (Hans Joas) zu verstehen, sondern im Sinne einer „Moral jenseits des Moralisierens“ (Karl Rahner). Diese verankert ökosoziale Zukunftsverantwortung in Erzählungen vom Selbstverständnis des Menschen und seiner Welt, den Dramen von Schuld und Vergebung, Gewalt und mVersöhnung, Hass und Liebe, von Anthropologie mund Kosmologie, von Hoffnung mund Aufbruch. Es gilt, dieses Lebenswissen auf die Befähigung zur Mitgestaltung der gegenwärtigen Umbruchprozesse zu beziehen. Wenn sich christliches Lebenswissen mit ganzheitlicher Bildung im Sinne der Nachhaltigkeit verknüpft und aktualisiert, hat es ein großes Wirkungspotenzial. Als weltweite mErzählgemeinschaften können die Kirchen mglobale und intergenerationelle Solidarität vermitteln. Eine Theologie der Nachhaltigkeit hat heute die Aufgabe, zu einer „kulturellen Revolution“ beizutragen, um „das Modell globaler Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken und den Fortschritt
neu zu definieren“ (so Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben zur Neuordnung des Theologiestudiums Veritatis Gaudium, Nr. 3). Alle sind gefragt, daran mitzuwirken. So könnten die Christians for mFuture zur weltweiten ökotheologischen Bewegung werden, die Nachhaltigkeit lebt und zum Sauerteig für eine gesellschaftliche Transformation wird.

 


Dr. Markus Vogt

Dr. Markus Vogt
ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Er ist u. a. Autor des Buches Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer
Perspektive. Oekom-Verlag: 2009, ISBN: 978-3-86581-091-5 34,95 €.

Dr. Markus Vogt

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