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Aus dem neuen »miteinander«

Gewissenserforschung und Herzensbildung

Gastbeitrag von Lisa Schweiger-Gensluckner

Die Beichte gehört zu den „vergessenen“ Sakramenten. Dabei ist die Beichte ein wichtiges Instrument der Gewissenbildung. P. Virgil Steindlmüller setzt sich dafür ein, dieses Sakrament in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung wiederzuentdecken. Von Lisa SCHWEIGER-GENSLUCKNER

 

miteinander 9-10/2023

old priest inside the wooden confessional in a Christian church

Der Benediktinermönch öffnet die alte Holztür und bittet in den Raum. „Aussprachezimmer“ steht auf dem Türschild. Es ist so, wie man sich solch zweckgewidmetes klösterliches Zimmer vorstellt. Klassisch und bescheiden eingerichtet. Regale, ein Tisch mit Tischtuch, darauf ein Kreuz, ringsum Stühle mit Sitzpolster. Es scheint alles so zeitlos neutral. Und es ist diese Neutralität, die den Raum sympathisch macht. Nachvollziehbar, denn er wird von unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten genutzt. Was in diesen vier Wänden gesprochen wird, bleibt hier.
P. Virgil Steindlmüller trat 2001 in die Erzabtei St. Peter ein. Seit sechs Jahren leitet er den Pfarrverband Lammertal im Salzburger Tennengau. Für ihn gehören Setting und Situation zum Pfarralltag, der Priester feiert – ob im Beichtstuhl oder in Aussprachezimmern – regelmäßig das Sakrament der Buße. Der überwiegende Teil der Menschen komme nicht, weil sie müssen, sondern weil es ihnen ein Bedürfnis ist. Vor Ostern und Weihnachten sei dennoch „mehr los“ schildert Steindlmüller. „Viele bereiten sich sehr gewissenhaft darauf vor. Auch, weil sie etwas loswerden wollen und an manchen Dingen schwer tragen“, weiß der Seelsorger.

 

Realistischer Blick auf sich selbst

Apropos Gewissen: Der Benediktinerpater bringt die katholische Tradition auf den Punkt: „Jeder guten Beichte geht die Gewissenserforschung voraus.“ Dabei gehe es darum, „sich ehrlich und schonungslos selbst anzuschauen.“ Was hart klingt, formuliert er tröstend: „Für mich ist es beruhigend und schön zu wissen, dass Gott an mich nicht die Forderung stellt, dass ich alles richtig machen muss im Leben. Weil ich mich von seiner Liebe getragen weiß, kann ich realistisch auf mich schauen. Ich muss nicht in allem perfekt sein. Natürlich soll ich mich darum bemühen, aber ich darf mich auch so nehmen wie ich bin, mit meinen Fehlern, Schwächen und Sünden.“ Gewissenserforschung sei auch Herzensbildung, ist er überzeugt: damit man in den verschiedenen Beziehungsebenen nicht abstumpft – zu den Mitmenschen, zu Gott, und sich selbst – sondern aufmerksam und sensibel bleibt. Der sogenannte „Beichtspiegel“ war und ist das Instrument schlechthin für die Erforschung des Gewissens. Ein Blick ins „Gotteslob“ zeigt: Für Kinder wie Erwachsene sind es gesamt sechzehn Seiten Gewissensspiegel zu unterschiedlichen Lebensbereichen – von Schule, Arbeit, Freizeit bis hin zu Familie, Ehe, Glaubensleben, Konsumverhalten und Schöpfungsverantwortung.

„Ich finde es hilfreich. Es wird nicht jede Frage auf die Situation eines jeden Menschen passen, aber diese Bußspiegel sind so umfassend gestaltet, dass man alle Bereiche anschaut und sich so nicht austrickst.“ Und einen weiteren Vorteil konstatiert der Theologe: „Es objektiviert, dass nicht ich in meiner Wahrnehmung die Wahrheit bin, sondern man an etwas anderem Maß nimmt, etwa am Evangelium, am Glauben und an den Überzeugungen der Kirche.“

 

Freilich könne man auch ohne Bearbeitung des Fragenkatalogs zur Beichte kommen, der Benediktiner hält dazu eine Faustregel bereit: „Was muss passieren, dass ich mir, Gott und den Mitmenschen in die Augen sehen kann – mit gutem Gewissen?“

 

Über Sünden sprechen

Hier setzt das Verständnis von Sünde an. „Ein Wesensmerkmal der Sünde ist, dass man sich abkapselt – von sich, den Mitmenschen und von Gott. Eine Dynamik, wo man sich völlig einigelt und isoliert. Wie Kinder, die etwas angestellt haben, sich nicht trauen es zu sagen, sich immer mehr verstricken.“ Es gehöre daher zum therapeutischen Moment an der Beichte, „dass die Sachen, die einen innerlich bewegen, ärgern, oder deretwegen man ein schlechtes Gewissen hat, gesagt sind. Manches lässt sich nicht mit sich ausmachen, sondern muss ausgesprochen werden. Indem man es formuliert, verliert es an Gewalt.“ Obwohl die Glaubens- und damit die Beichtpraxis im Allgemeinen abnimmt und das Bußsakrament oft als nicht zeitgemäß verstanden wird, hält Steindlmüller fest: „Ich sehe es als topaktuell. Ich lege meinen Dienst darauf an, dass man dieses Sakrament wieder entdeckt, dass Leute es als Quelle des Lebens und des Heils sehen. Gerade die Vertrautheit, die durchs Beichtgeheimnis geschützt ist, hat ja auch was. Wo kann ich in dieser Welt so sein, ohne dass ich mich verstellen muss?“ Genau: Im Beichtstuhl und im Aussprachezimmer.

 


miteinander-Magazin 9-10/23

Lisa Marie Schweiger- Gensluckner

ist Theologin, Journalistin, Pressereferentin und Redakteurin in der Erzdiözese Salzburg.

 

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