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Aus dem neuen »miteinander«

Vom Glück im Kleinen

Essay von Martin Breul

Der Mensch ist ein besonderes Wesen – besonders in seinen Fähigkeiten wie in seiner Verantwortung. Mensch zu sein, Mensch zu werden bedeutet daher aus christlicher Sicht stets, sich für die Menschwerdung aller einzusetzen. Von Martin BREUL

 

miteinander 11-12/2022

Vom Glück im Kleinen

Mensch werden – so heißt nicht nur diese Ausgabe des miteinander, sondern auch das aktuelle Buch von Michael Tomasello, der einer der führenden Verhaltensforscher und Kognitionspsychologen weltweit ist. Tomasello untersucht in Experimenten mit Menschenaffen und Kleinkindern, was die Entwicklung des Menschen im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten einzigartig macht.


Seine Ergebnisse deuten darauf hin, dass es insbesondere die Fähigkeiten des Menschen als sozialer Akteur – also sein Vermögen der Kooperation, der geteilten Aufmerksamkeit, der Beziehungsfähigkeit – sind, die seinen evolutionären Erfolg erklären. Zwar ist die Rede vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ eine überaus problematische monarchistische Metapher, aber die empirischen Befunde der evolutionären Anthropologie deuten zumindest darauf hin, dass es bestimmte einzigartige Fähigkeiten des Menschen gibt, die ihn von allen anderen Säugetieren unterscheiden. Für Tomasello ist es insbesondere die Kooperationsfähigkeit des Menschen, die seinen evolutiven Erfolg erklärt: Menschen agieren nicht nur in konkreten Situationen in Gruppen, sondern können auf weitaus abstrakterer Ebene gemeinsame Pläne schmieden, die weit in die Zukunft reichen und nicht nur eine lokale Gruppe von Individuen, sondern eine Gesellschaft umfassen.

 

Leben im Anthropozän?

Doch nicht nur die Anthropologie, sondern auch die Geologie beschäftigt sich mit dem Menschen: So gibt es seit einigen Jahren eine breite Debatte, inwiefern die menschliche Lebensform dabei ist, ein neues Erdzeitalter einzuläuten: das Anthropozän. Dieser Begriff soll ausdrücken, dass die menschliche Lebensweise – insbesondere das massive Verbrennen fossiler Energieträger – tiefe Narben in der Erde hinterlässt. Der Mensch ist ein geologischer Akteur geworden, der das Angesicht der Erde verändert – und dies führt wiederum dazu, dass derzeit überdurchschnittlich viele Tier- und Pflanzenarten aussterben und es zu einer rapiden Erwärmung der Erde mit weitreichenden problematischen Konsequenzen kommt.
Der Mensch als vernunftbegabtes und hypersoziales Wesen und der Mensch als unvernünftige, die Existenz der Erde gefährdende Spezies: Wie lässt sich das beides unter einen Hut bringen? Theologisch – und auch gesamtgesellschaftlich – ist dies der zentrale Balanceakt: Einerseits die desaströsen Auswirkungen der menschlichen Existenzweise auf die globalen Ökosysteme zu mindern; und andererseits die menschliche Existenzweise als die einzige zu begreifen, die aufgrund ihrer Fähigkeit zur Kooperation, zur Interaktion, zur Beziehung überhaupt in der Lage ist, die derzeitige ökologische Situation zu verbessern. Insbesondere eine christliche Weltsicht
kann dabei helfen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Das Glück liegt nicht im zweiten, dritten oder vierten Auto, nicht in der Luxusuhr, der Penthouse-Wohnung oder der möglichst exotischen Fernreise. Das Glück liegt im Kleinen: in den Beziehungen zu unseren Nächsten. Und weil diese Beziehungen so wertvoll sind – und in der Liebe theologisch gesprochen auch immer Gott aufblitzt –, ist es für Christinnen und Christen unvermeidlich, sich für den Erhalt der göttlichen Schöpfung einzusetzen.

"Den Menschen als Ebenbild Gottes verstehen, heißt ihn nie verloren zu
geben und sich für die Subjektwerdung aller Menschen einzusetzen."

Liebe und Verheißung

Für Christinnen und Christen hat der Ausdruck „Mensch werden“ ein Doppelgesicht: Zum einen spielt er natürlich auf die Frage an, wie ein menschliches Individuum Mensch werden kann – also ein soziales, autonomes und beziehungsfähiges Wesen. Zum anderen glauben Christinnen und Christen aber auch, dass nicht nur Menschen Mensch werden – auch Gott ist Mensch geworden. Und er ist nicht als Herrscher, als absoluter Souverän auf die Welt gekommen, dem sich die Menschen zu unterwerfen haben, sondern als Knecht – Sohn eines Zimmermanns und seiner Frau, die zu Zeiten der römischen Volkszählung durch Galiläa irren und hoffen, einen Platz für die Niederkunft Marias zu finden. Theologisch zeigt sich in der Weihnachtsgeschichte, dass die Macht Gottes eine andere Macht ist als es die irdische Machtlogik vorsieht: Nicht Beherrschung und Unterwerfung, sondern das Werben um das freie menschliche Geschöpf mit den Mitteln der Liebe – darin liegt der tiefe Sinn der Menschwerdung Gottes in Knechtsgestalt.

"Die Zuwendung Gottes übersteigt innerweltliche Bedingungslogiken. Und wenn man diese Zuwendung Gottes richtig versteht, ist sie ja gerade keine Beruhigungspille, die von politischem Engagement mit Blick auf die ökologischen Krisen abhält. Nein, sie motiviert ja gerade dazu, sich den Problemen zu stellen und am hereinbrechenden Reich Gottes mitzuwirken."

Daher ist der Gedanke der christlichen Weihnachtsbotschaft, der Botschaft der Menschwerdung Gottes, gleichermaßen aktuell wie heilsam: Der Wert dieses Festes liegt nicht im Wert der Geschenke, die unter dem Weihnachtsbaum ausgetauscht werden. Er liegt in der Vergegenwärtigung des Glücks, ein beziehungsfähiges Wesen zu sein. Und er liegt in der Vergegenwärtigung des Glücks, dass uns im Kind in der Krippe – theologisch: in der Menschwerdung Gottes – zugesagt ist: Dass der letzte Grund des Seins nicht das Nichts, sondern die den Menschen unbedingt zugewandte Liebe Gottes ist. Diese Liebe Gottes ist nicht in Kategorien des Kapitals oder der Wertsteigerung aufzuwiegen. Die Zuwendung Gottes gilt unbedingt – sie übersteigt innerweltliche Bedingungslogiken. Und wenn man diese Zuwendung Gottes richtig versteht, ist sie ja gerade keine Beruhigungspille, die von politischem Engagement mit Blick auf die ökologischen Krisen abhält. Nein, sie motiviert ja gerade dazu, sich den Problemen zu stellen und am hereinbrechenden Reich Gottes mitzuwirken. Das Christentum ist eben nicht nur etwas für das je eigene individuelle Glück, sondern immer auch eine gesellschaftsbezogene Verheißung.

 

Subjektwerdung aller

Den Menschen als Ebenbild Gottes verstehen, mheißt ihn nie verloren zu geben. Gerade angesichts der vielfältigen gegenwärtigen Krisen ist sowohl die christliche Hoffnung als auch eine christliche Politik gefragter denn je – und das „Mensch werden“ Gottes kann Christinnen und Christen dazu anstiften, sich für die Subjektwerdung aller Menschen einzusetzen: Für diejenigen, die derzeit in Strukturen der Unterdrückung leben, aber auch für die zukünftigen Generationen, damit diese nicht das ausbaden müssen, was wir gegenwärtig unterlassen. So gibt die Menschwerdung Gottes Hoffnung, dass sich nicht die Logik der Macht und der Unvernunft, sondern die Logik der Liebe und der Vernunft durchsetzen wird. Und sie fordert den Einzelnen zugleich dazu auf, sich politisch, gesellschaftlich und kirchlich einzubringen, damit genau dies Wirklichkeit wird.

 


Dr. Martin Breul

Dr. Martin Breul

ist aktuell Vertreter der Professur für katholische Theologie mit Schwerpunkt Systematische Theologie an der Technischen Universität Dortmund.

 

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