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Aus dem neuen »miteinander«

Wie viel Kirche braucht der Glaube?

Essay von Salvatore Loiero

Über religiöse Zugehörigkeit im Zeitalter kirchlicher Kernschmelze oder: Wie man mit dem „Hauptmann von Kafarnaum“ religiöser Identitätsfindung auf die Spur kommen kann.

Von Salvatore LOIERO

miteinander 11-12/2026

Hands forming a cross against the blue sky

Die Sozialpsychologen Roy F. Baumeister und Mark R. Leary konnten mit ihren Forschungen 1995 aufzeigen, dass jedem Menschen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit („need to belong“) inhärent ist – und zwar genauso (über-)lebenswichtig wie z. B. das Bedürfnis nach Essen und Trinken. Für die Entwicklung einer eigenen Identität bedeutet dies, dass das Bedürfnis nach positiven, zuverlässigen und stabilen Beziehungen kein emotionales Beiwerk menschlicher Sehnsuchtsbewegungen ist. Vielmehr erweist sich das Einstellen von positiver und stabiler Zugehörigkeit („belonging“) als entscheidend für die je eigene Identitätswerdung. Entsprechend steuert dieses Bedürfnis auch die Suchrichtungen und die Wahl der Ankerpunkte, die ein entsprechendes Beziehungsnetzwerk herstellen lassen.

 

Wenn „believing“ dem „belonging“ folgt

Wenn diese These stimmt, dass die Bestimmung der eigenen Identität mit der Sehnsucht nach Verankerung, nach Zugehörigkeit einhergeht, dann ist das Phänomen von wachsender Spiritualität trotz sinkender Religions- und Kirchenzugehörigkeit differenzierter zu betrachten. Denn in unserer gewählten Lesart müssen wir dann nach religiös-identitätsstiftenden Orten und Beziehungen auch jenseits von Kirchen und Religionen suchen. Tatsächlich legt das Verb „religere“ ein persönliches Rückbinden an Sinn generierende Ankerpunkte nahe. Insofern darf man wohl sagen, dass jedem Beziehungsgeschehen, das Menschen als identitätsstiftend erfahren, ein gleichsam religiöses Moment innewohnt – auch wenn dies nicht im Kontext von etablierten religiösen bzw. kirchlichen Formen und Spiritualitäten erfahren wird.

 

Wenn Gott ins Spiel kommt

Für die von Philippe Bacq und Christoph Theobald entwickelte missionarische Grundhaltung einer Kirche, die auf Basis identitätsstiftender Beziehungsgeschehen die Praxis Jesu in eine „pastorale d’engendrement“, d. h. in eine zum „Leben und Glauben erweckenden Pastoral“ transformiert, nimmt die Erzählung der Begegnung zwischen Jesus und dem Hauptmann von Kafarnaum (vgl. Mt 8,5–13/ Lk 7,1–10) eine Schlüsselrolle ein: Am Ende dieser Begegnung steht kein rekrutierendes „Folge mir nach“, sondern das Erstaunen Jesu, in ganz Israel keinen solchen Glauben gefunden zu haben. Es ist dieses Erstaunen, das auf eigene Weise die Stoßrichtung anzeigt, wie mit dem „naturhaft religiösen Glauben“, d. h. mit der religiösen Identität jedes Menschen, im Geiste Jesu umzugehen ist: Jesus spricht dem Hauptmann, der als Heide nicht „dazugehört“, seine religiöse Kompetenz nicht ab. Auch nimmt Jesus dessen „belonging“ zum Anlass, sein bisheriges „believing“ nicht als defizitär zu brandmarken. Vielmehr deckt Jesus die „Gotteswürdigkeit“ des Hauptmanns auf, indem er seine Identität als exemplarisch für die Identität anerkennt, auf die hin er die Menschen befreien will: nämlich zu einer Identität, die sich über selbstlose Menschen- und nicht gewinnmaximierende Selbstliebe definiert (beim Hauptmann die Sorge um seinen Diener, der im antiken Denken mehr Hausrat als Person ist). Wenn also Gott ins Spiel kommt, kann und sollte jedes identitätsstiftende Beziehungsgeschehen zum „Überraschungseffekt“ werden, den Menschen im Kraftfeld des Evangeliums so zu begegnen, dass diese der Offenheit und Weite ihres Wesens und den Möglichkeiten ihrer Potenziale zu trauen beginnen und sie im Jetzt zum Leben beginnen.

 

„Christlicher Glaube braucht und fordert

eine bewusste Zustimmung

zur Geschichte Gottes mit den Menschen ein.“

 

Bewusste Zustimmung nötig

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Christlicher Glaube braucht und fordert eine bewusste Zustimmung zur Geschichte Gottes mit den Menschen (als identitätsstiftendes Erlösungs- und Befreiungsgeschehen) ein. Für dieses bewusste Ja braucht es die kirchliche Gemeinschaft als Raum entsprechender Erfahrungen, Bewahrheitungen und Ermöglichungsweisen. Unter der Lesart des „need to belong“ darf dieses Grundmoment glaubender und kirchlicher Existenz allerdings die Frage nach religiöser Identität weder auf „Entweder- Oder-Schemata“ hin ideologisieren, noch auf der Notfallspur eines „anonymen Christentums“ auflösen.

 

Ausgehend von einer religiösen Kompetenz jedes Menschen und das schwindende „belonging“ zu Kirchen und Religionen ernst nehmend, werden vermehrt Stoßrichtungen kirchlicher Pastoral solche identitätsstiftenden Beziehungsgeschehen finden müssen, wie sie zwischen Jesus und dem Hauptmann vorgezeichnet sind: Beziehungsgeschehen, an deren Ende kein Uniformismus einer glaubenden Identität steht, sondern die „Horizont- und Lebensverschmelzung“ (Z. Bauman) verschiedener glaubender Identitäten; verwoben durch das Kraftfeld des Evangeliums von einem Gott, der jedem Menschen ein „Mehr an Menschlichkeit, Freiheit, Güte und Herrschaftsverzicht“ (P. Hoffmann) als „gotteswürdige Identitätsmarker“ zutraut.


miteinander 11-12/26

Dr. Salvatore Loiero

ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Salzburg.

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