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Schuld & Sünde

Von Chefredakteur Henning Klingen

Erinnern Sie sich an Ihre erste Beichte? Es war im Zuge der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Wir hockten auf den harten Kirchenbänken, nervös wie vor einer Schularbeit. Ein Schüler nach dem anderen trat zum Beichtstuhl, kniete nieder, erhob sich und zwinkerte schließlich den Wartenden zu. Ich erinnere mich gut an das Gefühl der Erleichterung, als ich den Beichtstuhl verließ. Vergebung als unmittelbar spürbare, körperliche Wohltat.

Heute hat es das Sakrament der Versöhnung nicht leicht. Verwaist stehen die Beichtstühle wie dunkle Mahnmale in den Seitenschiffen der Kirchen. Solltest du nicht längst mal wieder zur Beichte gehen? scheinen sie jedem Kirchenbesucher zuzuraunen. Ja, stimmt. Aber glaube ich noch, was mir da sakramental zugesagt wird? Die Lossprechung von meinen Sünden? Sünden – ist das nicht ein allzu schweres Wort für kleine Verfehlungen, um die ich meinen Nächsten direkt um Verzeihung bitten kann?

Gewiss, eine Beichte, die sich nicht in verändertem Verhalten niederschlägt, ist sinnlos; aber grenzt ein Leben, das sich nurmehr auf sich allein zurückverwiesen sieht, das nicht mehr mit "Gnade" rechnet, nicht an Überforderung? Oder um es mit dem Sozialphilosophen Jürgen Habermas zu sagen: "Es ist etwas verloren gegangen, als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen Göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte."

Tatsächlich sind Schuld und Verzeihen zu einem säkularen Geschäft geworden. Es wird auf- und abgerechnet. Alles hat seinen Preis, auch Schuld. Die Idee, dass man mehr Schuld auf sich lädt, als sich in weltlicher Währung abgelten lässt, klingt da wie ein fernes Donnergrollen. Was ist da "verloren gegangen", wie Habermas es formuliert? Es ist das Bewusstsein eines umfassenden Zusammenhangs der Dinge, gegen den man verstößt, wenn man "sündigt". Es ist die Vorstellung, dass man an der Idee des Menschseins selbst schuldig werden kann. In einer hochgradig ausdifferenzierten, fragmentierten Welt hat so etwas keinen Platz mehr.

Niemandem ist gedient mit der Androhung von Fegefeuer und Höllenstrafen. Dafür ist die Sache zu ernst – denn es geht um nichts weniger als um die menschliche Freiheit, um das Bewusstsein, dass der Mensch auch an seiner eigenen Idee unwiederbringlich schuldig werden kann. Dazu bedarf es keiner Kapitalverbrechen. Auch eine Lüge, für die ich mich formal rasch und leicht entschuldigen kann, ist und bleibt ein Schlag ins Gesicht. Denn sie sagt: Ich stelle mein Recht über deines, ich schätze dich gering. Eine Gesellschaft, die das vergisst, droht die Grundlagen ihrer Humanität einzubüßen.

Um die Brücke zum Anfang zu schlagen: Ja, ich sollte wohl mal wieder zur Beichte gehen…

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