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Die heilende Wunde des Zweifels

Essay von Tomáš HALIK

Christen sind gerufen, Gott selbst in den Wunden der Welt zu begegnen – in den Wunden der eigenen Herzen, in den Wunden der Kirche und in den Wunden des Glaubens. Von Tomáš HALIK.

miteinander 3-4/2022

Essay von Tomáš HALIK

 

Die religiöse Szene von heute ist vielfältig und unsere Antwort auf dieses Zeichen der Zeit muss ebenfalls vielfältig sein. Immer mehr Menschen könnte man als „simul fidelis et infidelis“ bezeichnen, zugleich gläubig und ungläubig. Man muss sich daher von der allzu vereinfachenden Vorstellung befreien, dass es hier um einen Dialog zweier klar abgegrenzter Gruppen geht. Denn außer Glaube und Unglaube gibt es noch den Zweifel, die Fähigkeit, an den allzu selbstsicheren Glauben sowie den allzu selbstsicheren Unglauben kritische Fragen zu stellen und skeptische, manchmal auch ironische Einwendungen zu erheben. In meinen Büchern spreche ich vom Zweifel als von einer Schwester des Glaubens. Glaube und Zweifel brauchen einander: Glaube ohne Zweifel könnte der Versuchung, der Gefahr von Erstarrung, Fundamentalismus, Bigotterie oder Fanatismus erliegen. Zweifel ohne Glaube wiederum, d. h. ohne „Urvertrauen“, wäre unfähig, sich selbst in Zweifel zu ziehen und würde zu Erbitterung und Zynismus führen.

 

Ein wahrer Glaube ist auf die Wahrheit bezogen; die Wahrheit des biblischen Glaubens jedoch, jene Wahrheit, auf die sich dieser Glaube bezieht, ist von der Wolke des Geheimnisses verdeckt – und deshalb kann der Glaube nur dann in diese Wolke vordringen, wenn er von der Hoffnung begleitet und gestützt wird. Alle Glaubenssätze werden naiv und zugleich arrogant, wenn sie vergessen, dass sie gemeinsam mit jenem „Vielleicht“ der Hoffnung ausgesagt werden müssen. Jenes „Vielleicht“ erscheint aus der menschlichen Perspektive heraus betrachtet als Zweifel, es ist jedoch nicht als „Zweifel an Gott“ zu klassifizieren, sondern vielmehr als ein demütiges Wissen um den Unterschied von der göttlichen Größe und der beschränkten Kapazität unserer Sprache und unseres Begreifens.

 

Einwohner und Suchende

 

Der amerikanische Soziologe Robert Wutnow stellte bereits vor Jahren fest, dass die Haupttrennlinie nicht zwischen den Gläubigen und Ungläubigen verläuft, sondern zwischen den „Einwohnern“ (dwellers) und den „Suchenden“ (seekers). Diese Unterscheidung halte ich für die trefflichste Charakteristik der geistigen Situation unserer Zeit und bin überzeugt, dass sie in unseren, die Aufgaben der Kirche in der Zukunft betreffenden Überlegungen eine Schlüsselbedeutung haben sollte.

 

Wenn wir heutzutage von vielen Seiten hören, die Zahl der Gläubigen in unserem Teil der Welt nehme ab, so basiert diese Behauptung auf der Annahme, dass als Gläubige jene erwähnten „dwellers“ gelten – Menschen also, die „Bewohner“ der bisherigen institutionellen Gestalt der Kirche waren, denen die Liturgie, die Predigten, das kirchliche Wirken in die Gesellschaft selbstverständlich waren. Es stimmt natürlich, dass die Zahl solcher Menschen weiter abnimmt, genauso wie auch die Zahl der „dwellers“ im Lager des Atheismus sinkt, also all jener, die an einer Art dogmatischem Atheismus festhalten. Immerhin, unter Menschen, die sich für Gläubige halten, wie auch unter jenen, die sich als Ungläubige deklarieren, nimmt die Zahl der „Suchenden“ (seekers) zu.

 

Diesen Suchenden sollte die Kirche verstärkte Aufmerksamkeit widmen. An die Suchenden können wir nur als selber Suchende herantreten. Den Grundzug des Christentums stellt die Eschatologie dar. Die Aufgabe, Gott zu suchen, kann in keinem Augenblick der Kirchengeschichte enden, sondern einzig in Gottes Umarmung – „wo Gott alles in allem sein wird“. Seelsorge, wenn sie wirklich ein Ausdruck ernster „Sorge um die Seele“ sein soll, kann angesichts dessen lediglich eine solidarische Begleitung auf dem Wege des Suchens sein.

 

Wahrheit heißt Weggemeinschaft

 

Herantreten an die Suchenden darf man also nicht „von oben“, als sei man im Besitz der Wahrheit. Die Wahrheit ist ein Buch, das niemand von uns schon zu Ende gelesen hat. „Ich bin die Wahrheit“, kann nur Christus sagen; wir aber sind nicht Christus, wir sind „unnütze Diener“, denen die Aufgabe der Nachfolge aufgetragen ist. Christus-Wahrheit heißt für uns: Weggemeinschaft. Wir sind unterwegs, nicht am Ziel, wir sind als Kirche eine „communio viatorum“, eine Gemeinschaft von Pilgern.

 

Mit einem selbstsicheren Glauben kann der selbstsichere Atheismus gut ringen, denn beide sind, nebenbei bemerkt, in ihrer Naivität Zwillinge. Der selbstsichere Glaube verliert dann in diesem Ringen häufig, weil er das Wort des Paulus vergessen hat, dass wir in dieser Welt die göttlichen Dinge nur teilweise sehen. Wir sehen sie wie in einem Spiegel, sehen nur rätselhafte Umrisse. Ein Glaube aber, der keine stolze Sicherheit auf dem Schild trägt, sondern das demütige „Vielleicht“, ist – obwohl er schwach erscheinen mag – in Wirklichkeit unumstößlich stark. Dieses „Vielleicht“ mag wie die lächerliche Steinschleuder in den Händen Davids gegenüber dem gewaltigen Schwert und der Rüstung des Atheismus vom Format eines Goliath erscheinen; genauso überraschend siegt es aber. „Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“

 

Ein Glaube, der mit vermeintlich unumstößlichen Argumenten operiert, ist kein Glaube, genauso wie eine Hoffnung, die man schon erfüllt sieht, keine Hoffnung ist (vgl. Röm 8,24): Gott verbirgt sich noch in der Ambivalenz der Welt, hinter dem Paravent des doppelsinnigen Wörtchens „Vielleicht“, das sowohl Zweifel (am Glauben oder am Atheismus) als auch Hoffnung bedeuten kann. Der Glaube darf sich nie zu sicher sein, er darf sich nicht von den Risiken frei machen, die das Leben birgt. Er muss die mutige Tat bleiben, „in das Paradox hineinzuspringen“, die Last der Unsicherheiten auszuhalten und Ausdauer beim Warten vor dem Tor zum Geheimnis zu beweisen: Einem Warten, das sowohl die Qual einer unerfüllten Sehnsucht als auch die wärmende Ruhe des unendlichen Vertrauens in sich birgt.

 

Dr. Tomáš Halík

ist Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag. Er ist zudem Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.

 

Tomáš Halík

Zuletzt erschienen:

Berühre die Wunden, Über Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung, Verlag Herder, 2019.

 

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