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Der Karsamstag – Zwischenraum menschlicher Existenz und Hoffnung

Zwischen dem Tiefpunkt, dem Karfreitag, und dem ostersonntäglichen Auferstehungsjubel steht – vielfach unbeachtet – der Karsamstag. Er markiert den Zwischenraum menschlicher Existenz und Hoffnung und darf nicht übergangen werden.

miteinander 3-4/2022

Karsamstag: Zwischenraum menschlicher Existenz und Hoffnung

Der Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe. Es passiert nichts. Passivität, Schweigen, Abwesenheit bestimmen die Szene. Der Leichnam Jesu wurde in ein Grab gelegt, sein Tot-Sein damit besiegelt. Die Schreie des Karfreitags: „Kreuzige ihn“ sowie „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sind verstummt. Geschlagene Stille erfüllt jenen Raum, der kurz zuvor noch Schauplatz der Passion war. Alles – auch die Liturgie – ist auf ein Minimum reduziert: Es gibt keine Eucharistiefeier, keine Andachten, nur das Stundengebet. Auch die Berichte in den Evangelien sind kärglich. Man liest lediglich: Jesus wird in das Grab gelegt und dessen Eingang mit einem Stein verschlossen. Mehr nicht. Der Tod Jesu scheint auch die biblischen Schriftsteller sprachlos gemacht zu haben – und das ist gut so. Zum Tod gehört die stille Trauer, nicht das viele Geplapper.

Am Karsamstag verweilen wir vor dem Grab Jesu – und schweigen. Mit dieser Ruhe tun wir uns schwer. Nicht nur, weil es generell mit einiger Mühe verbunden ist, mitten im Hin und Her des Lebens Stille auszuhalten. Wir tun uns auch schwer damit, weil Gott scheinbar schweigt zu dem, was seinem Sohn angetan wurde. Warum greift er nicht gleich ein? Warum diese endlos scheinende Zeitspanne, bis sich endlich ein Hoffnungsschimmer auftut?

 

Der verborgene Gott

 

Der Karsamstag ist auch der Tag der Verborgenheit Gottes. Am Karfreitag konnten wir noch auf den am Kreuz Durchbohrten blicken. Am Karsamstag ist dieser Blick durch den Stein, der das Grab verschließt, versperrt. Kein Gott hat ihn gerettet. Und plötzlich rückt die Erfahrung des Karsamstags – dass Gott nicht da ist und zu allem Leid zu schweigen scheint – ganz nahe an unser Leben.

Der Karsamstag als Tag des Todes und des Schweigens Gottes – ist das nicht die Erfahrung, die unzählige Menschen machen? In vielen seelsorglichen Gesprächen mit Hinterbliebenen, die plötzlich und unerwartet vom Tod eines lieben Menschen getroffen wurden, höre ich immer wieder diese eine Frage: Warum hat Gott das zugelassen? Warum hat er nicht geholfen? Wo war er, als mein Kind, meine Gattin, mein Freund verunglückt ist? In diesen Situationen kann ich nichts anderes machen, als die Sprachlosigkeit der Betroffenen zu meiner eigenen zu machen und mit ihnen mitzuschweigen und mitzuleiden.

 

Voller schmerzlicher Realität

 

Viele Menschen kennen nur den Karfreitag und der Rest ihres Lebens scheint ein unendlicher Karsamstag des Schweigens Gottes zu sein. Der Karsamstag ist also keineswegs ein bloßer Zwischenschritt, den man gut und gern auch überspringen könnte. Er ist vielmehr ein Tag voller schmerzlicher Realität des Lebens. Sie kann man in ihrem ganzen Ausmaß erst dann erahnen, wenn man das Ostergeschehen mit den Augen der ersten Jüngerinnen und Jünger betrachtet. Sie wussten nämlich nicht, dass es nach dem Karfreitag und dem Karsamstag einen Ostermorgen geben wird. Anders als für uns, die wir am Karfreitag immer auch schon auf das Halleluja der Osternacht schielen, war für sie nicht von vornherein klar, dass Jesus von den Toten auferstehen wird.

„Der Karsamstag ist ein Tag, den man ernst nehmen sollte: Er steht für die Solidarität Jesu mit den Toten und allen Leidenden, die keinen Ausweg aus ihrer aktuellen Situation sehen.“

Das ist die Situation des Karsamstags, in der sich viele Menschen wiederfinden. Auch sie wissen nicht, wie lange die Zeit des Leides, der erfahrenen Gottesferne, der Depression und der Trauer noch dauern wird. Deshalb ist der Karsamstag ein Tag, den man ernst nehmen sollte. Er ist sowohl in religiöser als auch in existenzieller Hinsicht von großer Bedeutung: Er steht für die Solidarität Jesu mit den Toten und allen Leidenden, die keinen Ausweg aus ihrer aktuellen Situation sehen.

Um diese Realität des Lebens ernst zu nehmen, sollte die Dunkelheit des Karsamstags nicht vorschnell durch das Licht des Ostersonntags erhellt werden. Der Karsamstag verbietet jeden billigen Trost. Er steht vielmehr für den verstummten Schrei angesichts des Todes und der Not in der Welt.

 

Dr. Benno Elbs

ist seit 2013 Bischof der Diözese Feldkirch. In der Bischofskonferenz ist der promovierte Theologe und ausgebildete Psychotherapeut u. a. für die Caritas zuständig.

 

Bischof Benno Elbs

Textauszug aus:

Benno Elbs Werft eure Zuversicht nicht weg, Tyrolia Verlag, 2020.

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