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Wir sind die Zeit!

Chancen der Corona-Zeit

Die Corona-Krise hat das gesellschaftliche, aber auch unser persönliches Leben auf den Kopf gestellt. Wird unser Leben nach der Krise wieder so, wie es vorher war? Welche Chancen bietet diese außergewöhnliche Situation? Von Kirstine FRATZ.

 

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Über die Dynamik der Corona-Krise wurde viel geschrieben. Vom Verlust der Stabilität, dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, in allen schillernden Farben und den großen Chancen, die uns daraus erwachsen. Doch wie hält es sich aus, wenn man mittendrin im Auge der Krise ist? Wenn die Chance noch nicht sichtbar ist, dafür aber der Verlust spürbar?

 

Zumindest ist das der Moment, wo man die universellen Prinzipien des Lebens ganz bewusst wahrnimmt. Allen voran die Gewissheit, dass es Stabilität nicht gibt, das Wandel immer und ständig passiert und auch passieren muss, damit wir in unseren vermeintlich stabilen Systemen nicht erstarren und lebendig bleiben. Wenn sich die äußere Zukunft noch nicht zeigt, ist es eine gute Zeit, sich mit seiner inneren Zukunft zu beschäftigen. Dem Erkennen, Aushalten und Anfreunden mit sich selbst und wer man in Zukunft wirklich sein möchte. Denn eine kollektive Krise ist immer auch eine persönliche Krise, wo man sich die Frage stellt: Bleibt alles – anders bei mir?

 

Der Krise entgehen

 

Eigentlich schade, denn wir waren vor Corona auf einem so guten Weg, die Krise für uns persönlich abzuschaffen. Prävention war das Zauberwort, um das Unvorhergesehene, das Unkontrollierbare, das Außerplanmäßige in den Griff zu bekommen. Gerade was unser persönliches Leben betrifft, hat der Zeitgeist einiges im Portfolio, damit man gewappnet und gewarnt um die dunklen Löcher des Lebens herumlaufen kann und nicht durch sie hindurch muss. Gesundheit, Familie, Arbeit, Liebe und Leben sind abgezirkelte Bereiche geworden, für deren reibungsloses Gelingen eine Flut von Informationen und Services rund um die Uhr bereit steht.

 

Im Prinzip wissen wir, wie man es machen muss, damit die Krise keine Chance hat. Und wenn sie sich dann doch durch die Hintertür eingeschlichen hat, muss sie möglichst ganz schnell wieder weggemacht werden. Das Versprechen eines gelungenen Lebens in unseren Zeiten unterliegt dem Ideal des Machbaren, des Kontrollierbaren, der Idee, das Unvorhergesehene planen zu können. Dieser Gedanke ist nicht nur tröstlich und schenkt Sicherheit, er gibt uns auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wir glauben daran, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann, und dadurch werden gesellschaftlich enorme Kräfte frei. Zu sehen sind diese in dem kollektiven Wunsch, sein Leben selbst, jenseits von tradierten Vorstellungen, zu gestalten.

 

Selten haben so viele Menschen gleichzeitig mit ihrer Kreativität und ihren individuellen Talenten an der Zeitgeist-Dynamik mitgewirkt. Selten haben sich so viele Menschen etwas Eigenes zugetraut und an sich geglaubt. Angefeuert von einer Armada von Experten und Coaches, die uns darin unterweisen, wie man seinen eigenen Weg findet, um das Leben zu führen, das wirklich zu einem gehört. Dem großen Zeitgeist-Versprechen unserer Zeit. Und plötzlich das große „Stopp“.

 

Nach dem großen „Stopp“

 

Die unvorhergesehene Krise hat sich nicht nur eingeschlichen, sie hat uns voll erwischt. Und damit unsere wohl gezüchteten Glaubenssätze von Kontrolle, Stabilität und Machbarkeit. Schnell wegmachen lässt sie sich nicht. Gebannt lauschen wir nun der neuen Armada von Experten, die sich aus Virologen und Ökonomen zusammensetzt. Anstatt nach seinem persönlichen Weg zu forschen, wird nun gerechnet, geschätzt und gewarnt. Man ruft: „Die Welt wird eine andere werden!“, „Nichts wird wie es war!“ und doch weiß keiner gegenwärtig so genau, wie denn diese neue Welt tatsächlich sein wird. Meinungen, Ideen, Hoffnungen und Vorstellungen darüber gibt es genug und doch orakelt jede Experten-Perspektive im Prinzip gerade darüber, was die Zukunft bringen wird.

 

In längst vergangenen Zeiten war man sich des Experiment-Charakters von Vorhersagen bewusster und bemühte gleich ein Orakel. In der Hoffnung, Weisung zu erhalten, machten sich die Menschen in der Antike auf, das Orakel von Delphi um eine Vorhersage zu bemühen. Während man auf die große Antwort wartete, befand man sich im Schatten des Apollo-Tempels, auf dem die Inschrift stand „Erkenne dich selbst“. Die wohl schönste Aufforderung, um sich die Zeit im Warten auf die Zukunft zu vertreiben. Schaue ich mit wachem Geist gerade um mich herum, so sehe ich meine Mitmenschen sich in dieser Phase des Wartens mit genau dieser Selbsterkenntnis beschäftigen.

 

„Erkenne dich selbst“

 

Viele sehnen sich nach Transformation. Jeder auf seine ganz besondere eigene Weise. Sie machen sich innerlich bereit für die Zukunft, die sie noch nicht kennen, und sind sich selbst dabei oft näher als in all den Jahren davor. Was vorher durch Berater und Coaches herausgearbeitet wurde, offenbart sich jetzt nahezu von allein – die Neigung, die Leidenschaft, die innere Mission, der persönliche Sog, was man braucht und was man nicht braucht. Wir harren gerade aus im Schatten des Augenblicks, hoffen auf eine Weisung für die Zukunft und erkennen dabei uns selbst.

 

Diese Krise trifft uns ins Herz und belebt damit unser Gefühl und Gespür für uns selbst. Mit dem, wie und wo wir uns lebendig fühlen oder eben nicht, wo unsere Grenzen sind und wo sich Horizonte auftun. Was wird diese Erfahrung mit jedem Einzelnen von uns machen? Wie wird das individuelle Erleben der Krise Einfluss nehmen auf die kollektive Sehnsucht, welche wiederum Einfluss nehmen wird auf die Welt danach? „Erkenne Dich selbst“ ist das unfreiwillige Coaching, das vielleicht ein jeder in dieser Krise gerade macht. Wie diese individuelle Erfahrung nach der Krise integriert wird, könnte eine weitere Perspektive sein auf das, was kommt.

 

Zukunft ist eine Abfolge von Experimenten, eine Wechselwirkung von Vorhersagen und kein planbares Szenario von einer Expertise. In diesem momentanen Warten darauf, dass die Zukunft wieder losgeht, haben wir die Chance, mit uns selbst zu experimentieren, mit dem, wer wir sind, weil wir gerade nicht so können oder müssen wie sonst. Damit erfüllt sich das Zeitgeist-Versprechen von „Sei Du selbst“ unter den widrigsten Umständen, weil wir kollektiv für einen Augenblick nicht mehr von uns selbst abgelenkt sind.

 

Gespür für sich und andere

 

Vielleicht führt dieser kollektive Kontrollverlust gepaart mit Selbsterkenntnis dazu, dass solche Themen wie ein Gespür für sich und andere zu haben in ihrem allgemeinen Status steigen. Vielleicht wird Controlling nicht mehr als allmächtig angesehen. Vielleicht werden kulturelles und unternehmerisches Gefühl zunehmend als wichtigste Eignung bewertet. Letztendlich die Eigenschaften, welche innovative Unternehmer und spannende Persönlichkeiten zu dem machen, was sie sind. Letztendlich das beste Rezept, um Krisen zu meistern, auf neue kollektive Sehnsüchte zu reagieren und Zukunft zu gestalten. Wie genau die Zeit nach der Krise aussehen wird, kann ich an dieser Stelle nur orakeln. Als Zeitgeist-Forscherin weiß ich aber eines gewiss: Wir sind die Zeit.

 


Zur Person 

Kristine Fratz

ist Kulturwissenschaftlerin und Zeitgeist-Expertin. Sie berät u. a. internationale Konzerne sowie die katholische Kirche in Zeitgeist-Fragen.

 

Buchtipp

Zuletzt erschien von Kristina Fratz: „Das Buch vom Zeitgeist – und wie er uns vorantreibt“ Fontis Verlag, Basel 2017, ISBN 978-3-03848-127-0, € 18,50

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