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"Krisen können zu Lernorten werden"

Im Gespräch mit Regina Polak

Warum Veränderung zum Menschsein gehört und wie neu und wie normal die Post-Corona-Zeit wird, erklärt die Pastoraltheologin Regina Polak im Interview mit Daniel SEPER.

 

Photo by: Joseph Krpelan www.derknopfdruecker.com

Regina Polak: „Ich will meine Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen fähig sind, auch ohne Krisen, Katastrophen und Druck jene Veränderungen zu wagen, die für das Überleben der Menschheit heute Not-wendig sind.“

 

„Die einzige Konstante im Universum ist“, glaubt man dem Philosophen Heraklit, „die Veränderung“. Mit einem Liedtitel von Herbert Grönemeyer gefragt: „Bleibt alles anders?“

 

Tatsächlich ist Veränderung gleichsam „normal“, wenn es um lebendige Prozesse und soziale Verhältnisse geht. Das betrifft das Leben des Einzelnen und ebenso die Entwicklung von Gesellschaften. Aber es gibt verschiedene Arten von Veränderungen. Evolutive Veränderungen gehen oft ganz unbemerkt vor sich und dringen erst nach einer Weile ins Bewusstsein. Demgegenüber steht angesichts von disruptiven oder revolutionären Veränderungen die Ordnung der Welt, wie sie einem vertraut war, im subjektiven Erleben von heute auf morgen auf dem Kopf. Solche Veränderungen gehen oft mit Gewalt einher. Retrospektiv sind solche scheinbar plötzlichen Ereignisse aber oft auch Verdichtungen von Prozessen, die schon lange im Gange waren. 9/11 war ein solches Ereignis, lässt sich aber aus den politisch-historischen Entwicklungen davor verstehen; oder die Lehmann-Insolvenz, die den Beginn der Finanzkrise von 2008 zur Folge hatte. Auch die globale Corona-Pandemie fiel nicht vom Himmel, sondern hängt eng mit dem ökologischen Raubbau und der globalen Mobilität zusammen. Neu an der Moderne ist aber sicherlich die Dynamisierung der Veränderungsprozesse, die im 19. Jahrhundert infolge einer ersten Globalisierung – nicht zuletzt des Kapitalismus – einen ersten Höhepunkt erreichte, von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts unterbrochen wurde und im Zuge einer neoliberal dynamisierten Globalisierung seit den 80ern enorm an Tempo aufgenommen hat. Viele Menschen bringt das mittlerweile unter gewaltigen sozialen und psychischen Druck, weil dadurch soziale Zusammenhänge zerbrechlich werden und der Leistungsdruck sowie die Erwartungshaltungen an das Leben ins Unermessliche steigen. Die Unterbrechung durch die Corona-Krise hat diese Zusammenhänge vielen Menschen ins Bewusstsein gerufen.

 

Was bedeutet es für den Menschen, sich ständig ändern, wandeln zu müssen?

 

Das Problem ist weniger die Veränderung als solche, sondern das „Müssen“, das einen enormen Druck erzeugt. Problematisch sind auch die von außen aufgezwungenen Normen und Richtungen der Veränderung. Menschen können durch einen solchen primär fremdbestimmten Veränderungszwang ihre innere Freiheit verlieren und die Möglichkeit, vernünftig und verantwortet zu wählen und das Tempo der Veränderung selbst zu bestimmen. Sie finden nicht mehr ausreichend Zeit zum Innehalten, zum Nachdenken, zur Besinnung. Dabei kann man sich tatsächlich selbst verlieren. Andererseits: Manchmal sind Veränderungsimpulse von außen auch durchaus sinnvoll und notwendig, weil wohl eine Mehrheit der Menschen dazu neigt, sich in Gewohnheiten einzurichten und notwendige Veränderungen zu verweigern – wie z. B. eine ökologiesensible Verhaltensveränderung, die Änderung des Konsumsverhaltens usw.

 

Was macht es mit einer Gesellschaft auf Dauer, wenn sie unter einem permanenten Veränderungsdruck steht?

 

In demografisch alternden Gesellschaften kann der Widerstand gegen Veränderung auch zukunftsgefährdend sein. Veränderung als solche ist ja an sich kein Wert, entscheidend sind deren Inhalt, Richtung und Ziel. Gesellschaften, die unter permanentem Veränderungsdruck stehen, laufen Gefahr, inhuman zu werden. Das Problem ist wiederum nicht die Veränderung als solche, sondern es sind Tempo und Druck. Letztere führen zum Erleben der Zeitverknappung. Dies wiederum begünstigt egoistische und autoritäre Verhaltensweisen, forciert Rivalität und Konkurrenz sowie Autoritarismus, weil demokratische Prozesse eben Zeit benötigen. Auf diese Weise geraten soziale Beziehungen und die Demokratie in Gefahr. Eine Gesellschaft unter permanentem Veränderungsdruck ist von emotionaler und menschlicher Verrohung bedroht. Man hat zu wenig Zeit für menschliches Wachstum, dem eine Art „Eigenzeit“ innewohnt. Die Folgen betreffen nicht zuletzt Kinder, da deren Entwicklung Zeit braucht. Sie stören. Schließlich besteht auch die Gefahr des Gedächtnisverlustes: Eine Gesellschaft in ununterbrochener Bewegung verliert die Erinnerung an ihre Geschichte – und damit letztlich auch die Zukunft. Was bleibt, ist das Erleben ewig gleichbleibender Gegenwart ohne Perspektive. Außerdem geht der Transzendenzbezug verloren, die Welt wird letztlich eng und klein und rein immanentistisch gedeutet. 

 

Immer wieder hört man: „Erfinde dich neu!“ Ist es nicht auch gut, so zu bleiben, wie man ist? Ist denn Veränderung per se gut und Konstanz schlecht? Liegt dahinter nicht vielleicht ein blinder Fortschrittsglaube versteckt?

 

Niemand wird so bleiben, wie er ist – das lässt das Leben gar nicht zu. Wenn damit gemeint ist, dass es um die Pflege des eigenen Selbst geht, ist das ohne Veränderung gar nicht möglich. Nietzsche sagte: „Werde, der du bist!“ Auch so kann man das denken. Mein Philosophielehrer Karl Augustinus Wucherer-Huldenfeld hat mich gelehrt, dass man nur im beständigen Wandel „derselbe“ bleiben kann. Wer das Wesentliche bewahren will, muss es im Horizont der Gegenwart reinterpretieren – sonst erstarrt er geistig und ist schon tot, obwohl er noch lebt.

Und Veränderung ist ja nicht ident mit Fortschritt. Beides sind formale Begriffe, die für sich weder ein Wert noch eine ethische Norm sind. Beide wären auf Inhalt, Sinn und Ziel zu befragen. Der christliche Glaube bietet zur Klärung solcher Fragen ein gesamtes „Lebensmodell“ an, in dem aus der Basis von Freiheit Wandel und Veränderung reflektiert werden können. Immerhin kennen wir auch in der Theologie die Rede von der creatio continua: Und das ist ein permanenter Prozess des Geschaffenwerdens, der Erneuerung hin zu einer je „vollkommeneren“ Beziehung zu Gott, den Menschen und der Umwelt. Teleios (d. h. vollkommen) heißt ja auch „zielgerichtet“. Die Umkehr, zu der Gott immer wieder einlädt, setzt eine Veränderung voraus; ebenso die Erneuerung im Geist. Der Heilige Geist selbst ist Lebendigkeit, Bewegung, Veränderung – freilich auf eine Weise, die Menschlichkeit und die Beziehung zu Gott fördern.

 

Man darf nicht vergessen: Die Vorstellung eines Fort-schreitens auf eine nach vorne offene Zukunft hin, stammt aus der Bibel. Freilich wird der „Fort-schritt“ dort nicht am Tempo oder an Leistungen und Errungenschaften gemessen, sondern an der spirituellen Reifung, der Orientierung an der Ethik und dem Gesetz Gottes sowie dem Aufbau einer gerechteren Welt. Der Name Gottes – JHWH – ist ein Zeitwort, ein Wort, das Bewegung ausdrückt. Der französische Jesuit Michel de Certeau übersetzt ihn mit: „Ich habe keinen anderen Namen als den, der sich immer wieder aufbrechen lässt“.

 

Kann der Zwang zur Andersheit, zur Optimierung, auch zur Selbstoptimierung, irgendwann pathologisch werden?

 

Ja, natürlich – wenn Fortschritt (Selbst-)Optimierung bedeutet. Denn es besteht die Gefahr, dass alles, was nicht in die Vorstellung einer optimalen Welt und eines optimierten Menschen passt, abgewertet, ausgeblendet und geleugnet wird: Scheitern, Leid, Krankheit, Tod. Natürlich wird diese niemand anstreben, aber sie gehören zu jedem menschlichen Leben und wollen anerkannt werden, auch öffentlich. Wenn man sie stigmatisiert, stigmatisiert man am Ende alle Menschen, die an diesem Ziel der Optimierung scheitern. Letztlich scheitert der Mensch so an sich selbst, weil er es nie schaffen wird, eine optimale Welt zu erschaffen. – Aber wie kommt hier die „Andersheit“ ins Spiel? Zu dieser gibt es keinen Zwang, weil aus christlicher Sicht aufgrund seiner Einzigartigkeit ohnedies jeder Mensch anders ist.

 

Nach der Corona-Pandemie erwartet uns ja eine „neue Normalität“. Wie neu und wie normal das sein?

 

Anders als viele Zukunftspropheten dieser Tage wage ich es noch nicht, zu sagen, was kommen wird. Es kann sein, dass die Krise bei so vielen Menschen das Bewusstsein verändert, dass neue Weichen gestellt werden könnten, z. B. in der Ökologiepolitik. Es kann aber auch sein, dass die Pandemie in drei Jahren völlig vergessen sein wird. Veränderungen werden trotzdem stattfinden. Derzeit macht die Corona-Krise vor allem Tendenzen sichtbar, die bereits vorher existierten, und spitzt sie zu. Wie damit umgegangen wird, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren entscheiden und wohl auch mit zahlreichen Konflikten und Machtkämpfen verbinden. Ich denke da an das Sichtbarwerden sozialer Ungleichheit innerhalb von Europa und global, die Vulnerabilität bestimmter sozialer Gruppen, die Ambivalenz der Globalisierung, die Frage, wer die Milliardenschulden, die derzeit gemacht werden, bezahlen wird, usw. Einen der differenziertesten Zukunftsentwürfe hat m. M. nach Ivan Krastev in seinem jüngsten Buch „Ist heute schon morgen?“ vorgelegt. Aber was kommen wird: Ich weiß es nicht. Dazu fehlen mir derzeit die empirischen Daten, ob und wie sich die Werthaltungen von Menschen verändern und ob dies nachhaltig geschieht. Von diesen Veränderungen der Wertelandschaften werden auch politische Entscheidungen abhängen.

 

Die neue Andersheit führt auch zu Widerstand. Wird es vermehrt zu zivilem Ungehorsam kommen?

 

Das ist durchaus möglich; die antirassistischen Demonstrationen kann man ja ebenfalls als ein Zeichen lesen, dass sich jene, die auch vermehrt zu Opfern der Pandemie geworden sind, die soziale Exklusion nicht mehr gefallen lassen und ihre Teilhaberechte einfordern. Widerstand ist per se freilich noch kein politischer Wert, er kann auch trotzig-infantil sein und sich mit Verschwörungstheorien verbinden. Wünschenswert wären sicherlich eine Demokratisierung der nun anstehenden Entscheidungen und die Stärkung öffentlicher Diskurse. Aber ebenso möglich ist im Zeichen von social distancing und Digitalisierungs-Euphorie der Rückzug in ein unpolitisches Neo-Biedermeier. Demokratie aber benötigt öffentliche und physische Räume.

 

Kommt es vielleicht auch zu einem neuen Bewusstsein innerhalb der Kirche?

 

Meiner Wahrnehmung nach hat die Corona-Krise tatsächlich bei vielen Gläubigen, Priestern und Leitungsverantwortlichen zahleiche pastoraltheologische Fragen ausgelöst: Wozu braucht es die Kirche? Welche Rolle kann, soll sie in der Gesellschaft spielen? Was bedeutet Seelsorge? Wie kann, soll man über Gott und den Glauben in Krisenzeiten sprechen. Ob und wie nachhaltig diesen Fragen nachgegangen wird, wird sich zeigen.

 

Flüchtlingskrise, Klimakrise und jetzt die Corona-Krise. Braucht es immer einen radikalen Einschnitt, eine Krise für einen Wandel?

 

Solchen geschichtstheologischen Deutungen stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Niemand „braucht“ Krisen, als wären das pädagogisch notwendige Mittel, von wem auch immer verordnet. Gott käme da rasch in die Rolle des schwarzen Pädagogen. Was aber historisch und bereits in der Bibel zu beobachten ist: Krisen können zu Lernorten werden, wenn man sich dafür entscheidet, ihre Ursachen sachlich und vor allem selbstkritisch auszuloten und daraus ethische und politische Konsequenzen zu ziehen. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben in Westeuropa ja nicht zuletzt zur Gründung der Europäischen Union, einem Friedensprojekt, geführt und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Gefolge gehabt. Notwendig ist an solchen Lernprozessen aber gar nichts, immer sind sie mit ethischen Entscheidungen von Einzelnen verbunden. Insofern sind die von Ihnen benannten Krisen in gewissem Sinn Aufrufe zum Innehalten, Nachdenken, theologisch: zur Umkehr – denn sie sind alle drei von Menschen mitverantwortet. Und ich will meine Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen fähig sind, auch ohne Krisen, Katastrophen und Druck jene Veränderungen zu wagen, die für das Überleben der Menschheit heute Not-wendig sind.

 


Zur Person

Dr. Regina Polak ist Assoziierte Professorin für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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