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Was hilft uns vor und nach Corona?

Nächstenliebe und Gottvertrauen

Welche Konsequenzen zeitigt Corona politisch, gesellschaftlich und kirchlich? Alles drängt auf eine neue alte Normalität und doch lohnt es sich, innezuhalten und zu fragen, was eigentlich die christlichen Essentials sind. Von Rainer BUCHER.

 

Rainer Bucher: „Die Essentials des Christentums waren hilfreich in der Pandemie. Man konnte sie wiederentdecken. Und sie bieten die Chance zu bekommen, was am meisten hilft in der Krise: Gottvertrauen.“

 

Die Welt nach Corona wird sich voraussichtlich nicht allzu sehr von der Welt vor Corona unterscheiden. Gesellschaften sind träge und sie ändern sich nur selten abrupt. Sie tun es, wenn technologische Entwicklungen sie dazu zwingen oder weil tragende Prinzipien zusammenbrechen. Beides ist nicht das Fall. Also gibt es – noch – keinen Grund, wirklich etwas grundlegend zu ändern.

 

Aber alle Krisen haben diagnostischen Wert und sie wirken bisweilen als Katalysatoren bestehender Entwicklungen. Diagnostisch zeigt sich gerade nach dem Lock-down, welche sozialen Brennpunkte bisher unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle lagen, katalysatorisch aber wirkt Corona in Richtung alltägliche Digitalisierung und wohl auch Gesundheitsprävention. Wirklich neu aber ist für die meisten etwas Anderes: die Erfahrung, dass man eine Gesellschaft ziemlich rapide stillstellen kann. Was diese Erfahrung bedeutet, das wissen wir noch nicht; außer, dass man die Pastoralmacht des Staates, also seine Fähigkeit, protektiv zu bewachen und zu überwachen, nicht unterschätzen sollte – angesichts der neuesten technologischen Möglichkeiten schon gar nicht.

 

Rückkehr asketischer Prinzipien

 

Spannend sind zudem die Konsequenzen, die das Individuum aus der völlig unerwarteten Erfahrung einer mehrmonatigen Klausur für sich ziehen kann – wenn es denn möchte. Die erzwungene Erfahrung der Entschleunigung, des reduzierten Aktivismus und eingeschränkten Konsums, die Notwendigkeit einer neuen Tagesstruktur, überhaupt einer plötzlich naheliegenden und auch möglichen Verhaltensänderung unter latenter Bedrohung ist für viele recht neu. Klassische asketische Prinzipien wie Ordnung, Reduktion, Selbstreflexion, Gelassenheit erhielten plötzlich Alltagsplausibilität über im engeren Sinne religiöse Kreise hinaus.

 

Zu Beginn der Corona-Quarantäne entwickelte sich durch das Gefühl einer kollektiven Bedrohung ein starkes Wir-Gefühl – und das durchaus zu Recht. Denn es war notwendig, in einer abgestimmten, konsistenten Weise zu reagieren. Nach dem Lock-down schwindet dieses Wir-Gefühl und geht in die normale, konflikthafte Vielstimmigkeit einer pluralen Gesellschaft über. Das ist nur gut so. Denn wenn Meinungsstreit und Pluralität suspendiert sind und sich die Vielfalt der Gesellschaft kaum mehr Raum verschaffen kann, befinden wir uns auf dem Weg in eine totalitäre Gesellschaft.

 

Handlungsfähige Demokratien

 

Am meisten Hoffnung aber macht, dass sich vielstimmige, streitende Demokratien in der Pandemiekrise als problemlösungskompetenter und handlungsfähiger erwiesen haben als (semi-)totalitär oder populistisch reagierte Staaten. Deren Kombination aus Allmachtsfantasien, Wissenschaftsfeindlichkeit und Desinformiertheit erweist sich als fatal. Gegen einen Virus helfen auf Dauer keine Lügen. Man kann dankbar sein, dass in Österreich der zivilisatorische Grundkonsens gehalten hat. Es wurde eine demokratisch-menschenrechtsbasierte Politik zum Schutz des und der Einzelnen praktiziert und keinem utilitaristischen Kalkül nachgegeben.

 

Kirche und Pandemie

 

Die Kirchen aber sind durch Corona ins Großexperiment „Was sind wir ohne Gottesdienst, ohne priesterliche Pastoralmacht und ohne reale Gemeinschaft?“ gestoßen worden – ein herausragendes Zeichen für eine schon länger anhaltende Neukonstellation: Sie haben die Souveränität über sich selbst verloren und sind unter die Nutzungskalküle ihrer eigenen Mitglieder geraten. Da stellen sich ziemlich grundsätzliche Fragen: Was bleibt dann noch? Was hat das Christentum jetzt noch zu bieten? Menschen, die bislang schon ohne all das ganz gut auskamen, wie jene, denen all dies noch viel bedeutet, beide stehen vor dieser Frage. Klar ist: Die Antwort kann nicht mehr einfach normativ diktiert werden. Aber jeder und jede kann auf die Suche nach den christlichen Essentials gehen. Meine Antwort, während der Corona-Zeit für mich formuliert, will ich Ihnen nicht vorenthalten.

 

Das Zentrum des christlichen Glaubens ist Jesus Christus. Das Zentrum des Wirkens Jesu aber ist seine Botschaft von Gott. Das Spezifische dieser Gottes-Botschaft aber ist ihr unbedingter Realismus und die Erkenntnis, dass die Liebe die Basis menschlicher Existenz ist. Denn der Mensch kann in seiner Verwundbarkeit und, ja, auch in seiner Sündhaftigkeit ohne die Liebe, das Verzeihen, die Gnade anderer nicht leben. Und wenn man Christ ist, kann man glauben, dass man auch nicht ohne die Liebe Gottes leben muss.

 

Christlicher Realismus bedeutet, dass die Wirklichkeit nur erfahren wird, wenn man sich tatsächlich auf die Welt einlässt, so wie sie ist. Da steht die Münze von Gut und Böse auf der Kante und kippt mal dahin, mal hierhin und man weiß nie, wohin: bei sich nicht, bei anderen nicht und gesellschaftlich auch nicht. Die Bibel speichert von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Seite das Wissen um himmlische Höhen wie teuflische Abgründe menschlicher Geschichte. Sie gibt sich weder der Illusion hin, der Mensch sei gut und die Natur ein lieblicher Garten Eden, der Mensch ist irreversibel aus dem Paradies vertrieben. Noch verflucht die Bibel den Menschen als unrettbar böse Kreatur, schließlich glaubt sie an ihn als ursprünglich gutes Geschöpf Gottes, das sich danach sehnt, genau das wieder zu werden.

 

Zentral: solidarisches Mitleiden

 

Daher stehen in der Botschaft Jesu die Armen vor den Reichen, die Ohnmächtigen vor den Mächtigen, die Kleinen vor den Großen. In dieser Botschaft geht die Person vor der Institution und gilt der Primat der Liebe im Verhältnis von Gott und Mensch und im Verhältnis der Menschen untereinander. Das zentrale Kriterium, um diesen Gott in den vielen Phänomenen der Welt zu entdecken, ist, glaubt man Jesus, die Fähigkeit zu solidarischem Mitleiden: individuell in der Barmherzigkeit, gesellschaftlich im Einsatz für Gerechtigkeit. Denn Jesus identifiziert Gottes- und Nächstenliebe radikal. In den Worten des 1. Johannesbriefs: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner“ (1 Joh 4,19).

 

Jesus versucht eines ständig klarzumachen: noch die Besten, noch die Frömmsten können sich vor Gott nicht rühmen, sie brauchen seine Liebe, seine Gnade, seine Erlösung. Das ist das Harte an Jesu Botschaft. Jesus macht aber auch klar, dass noch die größten Sünder diese Erlösung, also Gottes Gnade, bekommen werden, wenn sie tun, was Gott so sehr will: den Nächsten lieben. Wir sind frei und sollen es sein und sind doch in unserer Verletzlichkeit so unendlich angewiesen auf die Liebe anderer. Das ist immer so: Aktuell können wir es nur etwas schlechter verdrängen.

 

Realismus, Nächstenliebe und Gottvertrauen: Diese Essentials des Christentums waren hilfreich in der Pandemie. Man konnte sie wiederentdecken. Natürlich hat niemand die christlichen Ressourcen einfachhin zur Verfügung. Aber niemand, wirklich niemand ist von ihnen ausgeschlossen. Und sie bieten die Chance zu bekommen, was am meisten hilft in der Krise, die das Leben zuletzt immer ist: Gottvertrauen.

 


Autor

Dr. Rainer Bucher ist Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz.

 

 

Buchtipp

Zuletzt erschienen: „Christentum im Kapitalismus. Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt“ echter Verlag, Würzburg 2019, ISBN 978-3-429-05375-8, € 20,50 

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