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Die Familiensituationen theologisch verstehen

Familien sind Orte des Glaubens – das hat die Pandemie deutlich gemacht. Die Herausforderung für die Kirche besteht darin, die ganze Buntheit des Familienlebens theologisch zu verstehen. Eine Chance dazu bietet das von Papst Franziskus ausgerufene „Jahr der Familie“.

Von Stephanie KLEIN

 

miteinander 7-8/2021

 

Happy family: mother, father, children son and  daughter runing and jumping on nature  on sunset

 

Wenn wir nach einem theologischen Verständnis von Familie fragen, zeigt ein Blick in die Bibel und Kirchengeschichte, dass Familien- und Verwandtschaftsstrukturen kulturell unterschiedlich geprägt, aber darin auch Orte der Erfahrung Gottes waren. Da ist Abraham mit seiner Ehefrau Sarah, die das Problem der Kinderlosigkeit durch die Schwangerschaft der Sklavin Hagar lösten, was jedoch zu Konflikten führte, als auch Sarah ein Kind bekam. Jakob hatte zwei Haupt- und zwei Nebenfrauen, die die Stamm-Mütter der zwölf Stämme Israels wurden. Die Kinder der sieben Ehefrauen Davids führten zu Gewalt und Machtkämpfen im Herrscherhaus. Sein Sohn Salomon wurde wegen seiner 1.000 Haupt- und Nebenfrauen gerühmt, die als Ausdruck seines Reichtums verstanden wurden.

 

Zur Zeit Jesu war die Polygamie selten geworden. Ein Mann konnte seine Ehefrau aber aus der Ehe entlassen, was diese oft in soziale Not stürzte. Jesus hat diese Scheidungspraxis abgelehnt. Paulus hat die Weisung Jesu weitergegeben, sah sich aber bereits in seiner multikulturellen Umgebung genötigt, sie zu modifizieren. In den jungen Gemeinden gab es ganz verschiedene Familien- und Lebensformen. Jesus war Wanderprediger und nicht verheiratet, aber er wohnte in verschiedenen Hausgemeinschaften: bei Maria und Martha, bei Zachäus, bei Petrus oder bei Pharisäern. Auch Paulus war unverheiratet; er reiste in Gemeinschaft mit verschiedenen Wandermissionaren und wohnte in jungen Hausgemeinden, vor allem bei dem Ehepaar Prisca und Aquilla.

 

Ehe-, aber keine Familientheologie

Im Verlauf ihrer Geschichte hat die Kirche die Ehe zu einem Sakrament erhoben und damit ihre große Wertschätzung der Ehe kundgetan. Sie hat eine Ehetheologie entwickelt, aber keine Familientheologie, die das Verwandtschaftssystem theologisch bestimmt. Dies ermöglichte ihr nicht nur die Inkulturation in verschiedene Kulturen; darin liegt heute auch eine große Chance für ein theologisches Verständnis von Familien in unserer modernen Gesellschaft.

 

Die Familienverhältnisse sind heute sehr komplex: Oftmals heiraten konfessions- und religionsverschiedene Paare und vielfach gehört ein Partner keiner Glaubensgemeinschaft an. Viele Ehen werden geschieden und oftmals gehen die Partner eine neue Ehe ein. Zu vielen Familien gehören Kinder aus einer früheren Ehe eines Partners, aber auch Pflege- oder Adoptivkinder. Die Reproduktionsmedizin führt vermehrt zu komplexen Abstammungsverhältnissen der Kinder. War früher ein unehelich geborener Mensch ein Leben lang gebrandmarkt, so empfinden es die Menschen heute als eine Erleichterung, dass die Vielfalt von Lebens- und Familienformen in der Gesellschaft akzeptiert und auch rechtlich abgesichert wird. Die Familienmitglieder wollen heute nicht mehr über das Eheverhältnis der Eltern oder über ihre Blutsverwandtschaft definiert werden, sondern sie wollen, dass die Familie so, wie sie ist, ganz einfach akzeptiert und unterstützt wird.

 

Doch wie lassen sich diese Familiensituationen theologisch verstehen? Es könnte ein richtungsweisender Weg sein, die Familie primär vom Sakrament der Taufe der Familienmitglieder anstatt vom Sakrament der Ehe der Eltern her zu verstehen. Das Sakrament der Taufe macht sichtbar, dass Gottes Gnade am Grund des Lebens eines jeden Familienmitglieds eingeschrieben ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott seinen Weg mit diesem Menschen geht und ihn berufen hat, die ihm geschenkte Gnade in seinem Leben zu entfalten.

 

Gegenüber Mitgliedern in der Familie, die nicht getauft sind, ist die Taufe kein ausschließendes Zeichen, sondern sie bekundet das Vertrauen, dass Gott mit jedem Menschen ist, aber je anders und nicht immer in der expliziten Zeichenhaftigkeit eines Sakraments. Die Taufe ist Zeichen für die Zugehörigkeit zu diesem Glauben und eine lebenslange Verpflichtung und Kraft, diesen Glauben immer neu zu realisieren. Das Sakrament der Ehe bleibt in diesem Verständnis ein besonderes Zeichen dafür, dass Gottes Liebe die Wurzel der Liebe der Partner ist und sie ermöglicht. Es macht diese Liebe Gottes sichtbar und erinnert an die geschenkte Gnade, sodass die Eheleute immer neu Kraft aus ihr schöpfen.

 

Familien als Orte der Kirche

Die Familie ist heute trotz ihrer vielfältigen Erscheinungsformen ein zentraler Ort der Kirche in der säkularen Gesellschaft. Papst Franziskus hat die Familien prophetisch in das Zentrum seines Pontifikats gestellt. In seinem Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ ermutigt er die Familien in ihren verschiedenen Situationen und wirbt für ein positives Verständnis. „Es ist erforderlich, auf die Art und Weise zu achten, in der die Menschen leben und aufgrund ihres Zustands leiden“, heißt es dort.

 

Gerade jetzt in der Zeit der Corona-Pandemie erleben wir, dass die Familien Orte christlicher Vollzüge sind: der Unterstützung aller Einzelnen in ihren verschiedenen Situationen, der Sorge um die Kranken, Orte von Gebet und Liturgien, Orte der Sorge um andere Menschen im Umfeld und weltweit. Familien sind Orte, an denen Kinder ihre Fragen zu Leben und Tod, zu Gott und der Welt thematisieren und dabei lernen nicht nur die Kinder von den Erwachsenen, sondern diese werden auch von den Fragen der Kinder in ihrem Glauben angestoßen.


Dr. Stephanie Klein

ist Professorin für Pastoraltheologie an der Universität Luzern.

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