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Muße, als Zeit der individuellen Lebensgestaltung

Unserer rast- und ruhelosen Arbeitswelt ist Muße fremd. Dabei meint Muße keine ungeordnete Passivität, sondern fokussierte, in sich ruhende Aktivität. Ein philosophischer Erkundungsgang.

Von Simon VARGA

 

miteinander 7-8/2021

Greek philosopher Socrates in front of the National Academy of Athens

 

Die Frage nach dem guten und gelingenden Leben des Menschen ist bereits seit der Antike zentraler Bestandteil der Philosophie. Neben den klassischen Themen von Ethik und Moral, von Gut und Böse sowie auch von Pflichten und Tugenden nimmt im Laufe der Geistesgeschichte jedoch auch die „Entdeckung des Individuums“, des einzelnen Menschen, und sein subjektiv gelingendes Leben seinen stetigen Fortgang. Einen bedeutenden und vielleicht auch unverzichtbaren Bestandteil dafür bildet das Verständnis der Muße – wobei gleich vorweg anzumerken ist, dass dieser Begriff selbst innerhalb der Philosophie ein Schattendasein führt bzw. nicht zum engsten Kreis der wichtigen Themen zählt, wie z. B. Wahrheit, Gerechtigkeit, Erkenntnis oder Freiheit. Und das hat mehrere Gründe.

 

Wer heute von oder über Muße spricht, steht einigen Unklarheiten und mitunter auch einigen Problemen gegenüber. Zum einen scheint nicht klar zu sein, was Muße im Allgemeinen überhaupt heißt, heißen kann bzw. soll oder was sie im Konkreten überhaupt ist: Ruhe? Freizeit? Faulheit? Zum anderen scheint das Mußehaben des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft auf einen ersten Blick jedoch ohnehin als moralisch verdächtig, zumal Arbeit, Anstrengung bzw. Leistung als zentraler für das Menschsein und für ein gutes und gelingendes Leben erachtet werden als das, was gemeinhin als Muße bezeichnet wird.

 

Definition der Muße

Verschärfend zu diesem ernüchternden Befund kommt hinzu, dass ein kurzer Blick in die Begriffsgeschichte nur bedingt Klärung verschafft. Im Altgriechischen findet sich das Wort der scholê, das eben zumeist mit dem Begriff der Muße ins Deutsche übertragen wird (lat.: otium; frz.: loisir; eng.: leisure). Allgemeine inhaltliche Übertragungsvorschläge sprechen von „Anhalten“, „Rast“, „freier Zeit“ oder vom „Nichtstun“ bzw. von der „pflichtlosen Stunde“, wobei der antike Begriff auch die Bedeutung von „gelehrter Unterhaltung“ kennt. Und diese zuletzt genannte Bedeutung ist auch dafür maßgebend, dass sich das deutsche Wort „Schule“ aus dem altgriechischen Wort der „Scholê“ heraus entwickelt hat. Schule bedeutet demnach im engeren Sinne eigentlich weniger „Schule“ als vielmehr „Muße“.

 

Somit kann zumindest eines festgehalten werden, nämlich, dass keine allgemeingültige Definition oder inhaltliche Klärung der Muße in ihrer Bedeutung für das gute und gelingende Leben des Menschen vorzuliegen scheint. Und doch gibt es unterschiedliche philosophische Konzeptionen, die sich der Relevanz der Muße für das Leben des Menschen zuwenden. In diesen konkreten Betrachtungen, in Antike und Gegenwart, finden sich Perspektiven, deren Wiederentdeckung sich durchaus lohnt. Aristoteles, der „Lehrer des Abendlandes“ (H. Flashar), kommt an unterschiedlichen Stellen seiner Philosophie auf die Muße des Menschen zu sprechen. Sie ist für ihn konstitutiv, zumal das ganze Menschenleben seiner Ansicht nach in „Nichtmuße“ und „Muße“ zu teilen sei, etwas konkreter: in notwendige und in an sich gute Tätigkeiten. Kurz gesagt: Notwendig erscheint für Aristoteles ein gewisses Grundausmaß an ökonomischen Tätigkeiten für die Erhaltung des eigenen Lebens zum einen und die politische Partizipation des freien (= in der Antike männlichen) Bürgers innerhalb der politischen Gemeinschaft im Sinne des Gemeinwohls zum anderen. An sich gut sind hingegen jene Tätigkeiten, die der Mensch im Anschluss an diese genannten Notwendigkeiten durchführen und nach freiem Ermessen – somit auch aus den eigenen Interessen heraus – bestimmen und individuell verfolgen kann. Die Muße ist daher ein Zustand freier Zeit im Anschluss an die Deckung des Bedarfs der ökonomischen wie politischen (Lebens-)Notwendigkeiten mit dem Fokus auf die individuelle, sinnerfüllende Lebensgestaltung. Über diese Zeit kann der Einzelne selbst verfügen und sich nach seinen Interessen orientieren sowie zwecklosen Tätigkeiten nachgehen.

 

Überbewertung der Arbeitswelt Josef Pieper, ein christlicher (deutscher) Philosoph des 20. Jahrhunderts, hat an dem aristotelischen Verständnis der Muße in seinem lesenswerten und nach wie vor aktuellen Buch Muße und Kult angeknüpft und das Mußehaben des Menschen auf diese Art und Weise erneut zum Thema gemacht. Warum? – Zumal gegenwärtig eine Verteidigung der Muße notwendig sei, da es sich seiner Ansicht nach hierbei um eines der Fundamente der abendländischen Kultur handle. Seine Zeitdiagnose lautet, dass die Muße des Menschen in der „programmatischen Mußelosigkeit der totalen Arbeitswelt“ ganz und gar unkenntlich geworden sei. Den Grund hierfür ortet er in einer gesellschaftspolitisch salonfähig gewordenen Überbewertung der Arbeitswelt. Zweifelsfrei, so Josef Pieper, gehöre die Arbeit zum Menschsein und zu einem guten und gelingenden Leben dazu, mache jedoch den Menschen in seiner Ganzheit letztendlich nicht aus. Wozu der Mensch nun konkret Muße brauche betrachtet Josef Pieper u. a. auch aus christlicher Perspektive: erstens für die Feier und das Fest, zweitens im Bereich von Kult und Kultur sowie drittens, nach Pieper trotz „zeitgenössischen Unbehagens“, für das Gottes-Lob.

 

In beiden Betrachtungsweisen impliziert die Muße des Menschen keine ungeordnete Passivität, sondern vielmehr fokussierte, in sich ruhende Aktivität. Sie ist kein bloßes Nichtstun oder belangloser bzw. willkürlicher oder gar hedonistischer Müßiggang. Es handelt sich in den Ansätzen von Aristoteles und von Josef Pieper vielmehr um einen vom Arbeitsprozess zur Gänze enthobenen Zustand der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes, der Aktivität nicht ausschließt, jedoch keinem konkreten unmittelbarem Nutzen unterliegt. Muße kann daher als Zeit der individuellen Lebensgestaltung verstanden werden, die um ihrer selbst willen angestrebt wird (Aristoteles), und kann sich bis hin zu einer kontemplativen Versenkung in das Seiende bzw. auch in das Göttliche (Pieper) erstrecken.

 

Beiden Konzepten gemeinsam ist, dass die Muße für das Menschsein essenziell ist. Sei es für die sinnerfüllte individuelle Lebensgestaltung oder für das Erheben über den Alltag bzw. über den Werktag hinaus hin zur familiären Feier, der Kultur bis hin zur Spiritualität bzw. dem sonntäglichen Gottesdienst als Feier-Tag. Und zumindest diese beiden Betrachtungen der Muße von Aristoteles und von Josef Pieper machen deutlich, dass das menschliche Streben nach Muße weder diffus noch moralisch verdächtig ist, sondern vielmehr ein zutiefst menschliches Charakteristikum darstellt.


Dr. Simon Varga

studierte Philosophie, Soziologie und Alte Geschichte in Wien und Tübingen. Tätig in der Erwachsenenbildung u. a. an der Katholischen Medien Akademie, den Theologischen Kursen und an der Universität Wien.

 

 

 

 

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