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Tätige Hoffnung

Wie gelingt es, zwischen Corona, Krieg und Klimawandel eine Haltung engagierter Gelassenheit zu finden?

"Die Welt ist ein Unfall. Wo soll ich anfangen? Die Welt brennt.“ Diese Wahrnehmung findet sich am Ende eines 2021 veröffentlichten Songs der Rapperin Mine mit dem sprechenden Titel „UNFALL“. Von Martin DÜRNBERGER.

miteinander 7-8/2022

 

Dr. Martin Dürnberger

Die deutsche Rapperin Mine beginnt ihn nicht weniger eindrücklich, wenn sie klagend-zweifelnd fragt: „Worein bin ich geboren?“ Was sich hier ausdrückt, ist nicht einfach übersteigerte künstlerische Empfindsamkeit, eher wird in diesen Zeilen ein diffuses Grundgefühl der Gegenwart in unseren Breiten manifest: Angesichts von Corona, Krieg und Klimawandel kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Welt eigentlich in einem katastrophalen Zustand ist.
Deutlich wird diese Stimmung nicht zuletzt bei Jugendlichen. Die deutsche SINUS-Jugendstudie von 2020 hält bereits damals mit Blick auf 14- bis 17-Jährige fest, dass diese ernsthafter und
sorgenvoller seien als frühere Jugendliche. Dieser sogenannten „ernsten Generation“ entspricht eine besorgte Generation von Eltern: Für sie ist der Wunsch, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben sollen als man selbst, kein allzu starkes Leitmotiv mehr – eher bewegt sie die Sorge, dass sie es einmal schlechter haben könnten. Das ist plausibel: In einem Weltenhaus, das brennt, sollte man primär nicht an weiteren Ausbau denken, sondern zuerst mal ans Löschen. Was aber, wenn der Brand vielleicht gar nicht mehr zu löschen ist?

 

Hoffnung und Gottvertrauen

Es ist offenkundig, dass diese Wahrnehmungen auch für die Frage relevant sind, was es heute bedeutet, Christus nachzufolgen. Das Problem ist so einfach wie komplex: Wie kann man unter katastrophischen Vorzeichen und dauernder Überforderung eine Haltung gelassenen Gottvertrauens kultivieren – und zugleich Hoffnung für die Welt leben? Dazu will ich drei kurze Bemerkungen machen: eine biblisch-geschichtliche, eine literarisch-popkulturelle und eine spirituell-theologische.

»Es gibt eine eigentümliche Gelassenheit, die daraus rührt, dass man schlicht tut,
was man kann – mehr ist nicht gefordert, aber auch nicht weniger.«

1. Trostlosigkeit, biblisch gelesen:

Am Beginn scheint eine Erinnerung hilfreich: Belastende Wahrnehmungen, dass die Welt ein Verhängnis, eine Tragödie, ein demiurgischer Unfall etc. ist, sind geschichtlich keineswegs neu. „Für die Sterblichen ist nicht geboren zu werden das Beste“, ist ein in der griechischen Antike weithin bekannter Sinnspruch, der das zum Ausdruck bringt. Es mag nun verlockend sein, griechischen Pessimismus mit biblischer Schöpfungsfreude zu kontrastieren, allerdings wäre das nicht ganz redlich: Auch die jüdisch-christliche Tradition kennt (allerdings meist individualistisch) Klagen über das eigene Geborenwerden und die Last des Daseins. „Verflucht der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, an dem meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet“, klagt etwa Jeremia (Jer 20,14; vgl. Hiob 3,3ff.; Koh 7,1 u. a.). In der Erinnerung an diese Stellen liegt eine heilsame Einsicht: Wenn Momente der Verzweiflung, Überforderung
und Erschöpfung in der Heiligen Schrift ihren Platz haben dürfen, dann auch im eigenen Leben und Glauben. Anders formuliert: Regungen der Trostlosigkeit sind nicht kraftmeierisch wegzudrücken, sondern zuerst einmal als solche wahrzunehmen – das ist Teil eines redlichen geistlichen Weges.


2. Tun, was man kann:

Schließen wir hier eine zweite, literarisch motivierte Bemerkung an. Der britische Autor J. R. R.
Tolkien adressiert an einer bekannten Stelle seiner „Herr der Ringe“-Trilogie die Frage, die uns beschäftigt: ob man angesichts übergroßer Aufgaben nicht panisch oder resignativ werden müsse. Die Antwort, die die Figur des weisen Zauberers Gandalf darauf gibt, ist popkulturell viel zitiert: In welche Zeit wir hineingeboren werden und welche Aufgaben uns diese Zeit stellt, können wir nicht entscheiden. „Wir können aber bestimmen, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist.“ Darin schwingt eine Idee mit, die dem Katholiken Tolkien wohlvertraut war. Es
gibt eine eigentümliche Gelassenheit, die daraus rührt, dass man schlicht tut, was man kann – mehr ist nicht gefordert, aber auch nicht weniger. Nur weil man nicht alle Probleme lösen kann, folgt daraus eben nicht, dass man nicht manche wirklich lösen kann – und dass man nicht beständig auf dem Weg bleiben könnte, das je Bessere zu realisieren, das einem gerade möglich ist: nicht mehr, nicht weniger.

 

3. Beten lernen:

Natürlich ist das Gesagte zu wenig: Existenzielle Gelassenheit stellt sich nicht durch kluge Bemerkungen fiktiver Zauberer ein. Dem entspricht auch empirische Forschung zur Frage, wie Menschen zu tiefer Gelassenheit finden. In der Regel reichen dafür weder nette Geschichten noch gute Argumente noch willentliche Kraftanstrengungen. Der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hat das im Blick: Er betont u. a. den großen Wert von Meditation und Stille, wenn es um die Einübung in tiefe Gelassenheit geht. Tatsächlich entspricht das Einsichten der
christlichen Tradition: Gelassenheit wie Engagement sind beide zutiefst im Gebet verwurzelt – sie sind mit der beständigen Übung verwoben, sich in Gottes Gegenwart zu stellen, die Christus ist. Dieses Exerzitium kann kein Artikel abnehmen, aber dazu ermutigen; vielleicht ist es das,
was gerade jetzt nottut, durch Verzweiflung und Gleichgültigkeit hindurch.


 

Dr. Martin Dürnberger

 

Dr. Martin Dürnberger

arbeitet als Assoz. Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Universität Salzburg. Zudem ist er Obmann der „Salzburger Hochschulwochen“, die heuer
vom 1. bis 7. August zum Thema „Wie geht es weiter? Zur Zukunft der Wissensgesellschaft“
stattfinden.
 

Salzburger Hochschulwochen

 

 

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