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Ein kostbarer Wert

Editorial aus dem "miteinander" | Ausgabe 5-6 / 2022 - Von Chefredakteur Henning KLINGEN


Leise gleitet der Zug durch die frühlingshaft grün gewandete Landschaft. Zehn Stunden Zugfahrt liegen vor mir. Ein Kurzbesuch in der Heimat. Von den Corona-Maßnahmen ist nur noch die Maske geblieben. Ein Hauch von Normalität, von Freiheit liegt in der Luft. Unbemerkt passiere ich die deutsche Grenze. Auch das fühlt sich normal an. Dabei ist es, wie die Ereignisse nur einenSteinwurf entfernt zeigen, alles andere als selbstverständlich, einfach so eine Grenze zu passieren, sich frei zu bewegen, ohne Angst, verhaftet zu werden. Freiheit, das ist für uns das Normale. Und je selbstverständlicher sie wird, desto leichter vergessen
wir, dass sie ein hart erstrittener, kostbarer und flüchtiger Wert ist.


1948 als Manifest gegen den Schrecken des Nationalsozialismus und das Leid des Weltkriegs formuliert, wird Freiheit gleich im ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Freiheit, Gleichheit, Würde, Rechte – nie zuvor wurden die Eckpfeiler einer zivilisierten Welt derart kraftvoll eingeschlagen. Zugleich wusste man schon damals: Freiheit bedarf der Bindung, braucht ein Sollen, eine Zielbestimmung, um nicht in Beliebigkeit zu münden. Und so heißt es in Artikel 1 weiter:

„Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Frei ist, wer die eigene Freiheit nicht gegen die des Nächsten ausspielt, wer sich an den anderen zu binden vermag. Eine fast religiös anmutende Wendung,
die gern von jenen überlesen wird, die Freiheit als ökonomische Entgrenzung des Marktes und letztlich als Ausdruck des Rechts des Stärkeren missverstehen.

 

Der Anlass meiner Reise ist übrigens eine Beerdigung. Ein Leben, das nach Wochen des Bangens und verzweifelten Hoffens der Familie auf der Intensivstation plötzlich und viel zu früh zu Ende gegangen ist. Trauer, Leere, Erschöpfung in frühlingshafter Szenerie auf jenem Friedhof meiner Heimat, von dem ich hier schon häufiger berichtet habe. Nein, Leben ist anders gedacht; nicht als Bedrängnis, nicht als Bedrückung, sondern als Aufatmen, als
Aufleben, als Freiheit, die man mit offenen Armen begrüßen will. Freiheit, nicht nur verbrieft in Menschenrechten, sondern als emphatischer Sehnsuchtswert. Für die Trauergemeinde in dem Moment unendlich weit entfernt – und doch eine Zusage, für die das frische Grün des Frühlings steht. Und unser Glaube.

 

 

miteinander-Chefredakteur Dr. Henning Klingen

miteinander-Chefredakteur Dr. Henning Klingen

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