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Die Freiheit der Kunst ist ein Privileg

Der Österreichische Karikaturist Michael Pammesberger im Gespräch über Kunstfreiheit

Was darf Kunst – und was kann sie leisten? Ein Interview mit dem Karikaturisten Michael Pammesberger über Satire, die Stärken der Karikatur und die Grenzen der Kunstfreiheit.

Von Lukas CIONI

miteinander 5-6/2022

Michael Pammesberger im Interview

 

Herr Pammesberger, wie autonom sind Sie in Ihrer Arbeit als Karikaturist?
Grundsätzlich habe ich große Freiheiten. Die Ideen zu den Karikaturen kommen direkt am Blatt Papier, im Skizzenbuch, ganz frei beim Experimentieren. Natürlich auch in der Badewanne, bei einem Waldspaziergang oder kurz vor dem Einschlafen. Etwas umzusetzen, das man sich ausdenkt, ist ein Privileg. Ich setze mich kreativ mit der Welt auseinander und gebe meinen zeichnerischen „Senf“ dazu. Die Themenwahl orientiert sich aber natürlich an der öffentlichen Interessenslage oder am Tagesgeschehen. Zudem bin ich sehr selbstkritisch, da ich das Resultat auch immer wieder verteidigen muss. Grundsätzlich gilt aber: Mir redet keiner drein.

 

Was soll und darf Kunst – und gibt es Grenzen?
Grenzen bestehen, ja. Das soll aber nicht heißen, dass einerseits jemand von außen Grenzen setzt. Zum anderen darf man sich die Schere der Begrenzung nicht selbst vorab ansetzen und dadurch zu willfährig sein. Man muss sich schon vorwagen, sich etwas trauen. Jeder, der die Wahrheit sagt, wird früher oder später damit konfrontiert, dass diese dem einen oder anderen nicht passt. Politiker, die Amtskirche oder die Gesellschaft aus Gründen der „political correctness“ – heutzutage fühlt sich jeder dazu berufen, dem Satiriker vorzuschreiben, was er für Wörter verwenden und wie er zeichnen darf. Aber: Witzig soll es bleiben.

Wir müssen dieser allgemeinen Depression etwas entgegenhalten und da ist Humor ein gutes Mittel.

Wie reagieren Sie auf kritische Rückmeldungen?
Solange diese einem Mindestmaß an Höflichkeit entsprechen, beantworte ich sie. In den sozialen Medien bin ich jedoch weniger aktiv, denn was hier „reingerotzt“ wird, ist mir eigentlich wurscht.

 

Worin sehen Sie die Stärken der Kunstform Karikatur?
Im Humor. Man kann nicht immer nur von Verboten bei Satire und Karikatur reden, sondern auch vom Befreienden. Gerade in Zeiten der Pandemie, in welchen man in der Früh die Zeitung aufmacht und eigentlich nur von Tod und Krankheit liest. Wir müssen dieser allgemeinen Depression etwas entgegenhalten und da ist Humor ein gutes Mittel.

 

Wen karikieren Sie gern?
Natürlich jene Menschen mit Profil, Kanten, die einen „Charakter-Kopf“ haben. In der Politik ist es mittlerweile sowieso wichtig, ein Typ mit Wiedererkennungswert zu sein. Man bekommt Personen dann technisch gut in den Griff – kann Details, Mimik und Gestik verfeinern. Das Übelste sind Rücktritte: Je länger die Amtszeit, desto besser für den Karikaturisten.

 

Soll und darf Kunst verletzen?
Das ist impliziert und manchmal auch notwendig. Die Freiheit der Kunst ist ein Privileg und bietet einen geschützten Raum. Im Theater, im Film oder in der Karikatur müssen natürlich auch Dinge passieren können, die außerhalb davon nicht tragbar sind. Doch wenn wir die Wahrheit kritisch abbilden, müssen wir auch jene Sprache sprechen, die wir uns im wahren Leben verbieten.

 

Spannungsfeld Karikatur und Religion: Wie ist Ihre Position hier?
Es gibt eine Kampfzone zwischen Religion und Karikatur. Ich zähle zu jenen, die Religionen keine Ausnahme zugestehen. Als ausgebildeter Jurist bin ich zudem ein Gegner des Schutzparagrafen der Herabwürdigung religiöser Lehren im Strafgesetzbuch. Ich halte diese privilegierte Stellung für überflüssig. Im Hinblick auf die Ausübung muss der Religionsfrieden natürlich geschützt werden, aber in der Allgemeinheit – auf der Straße oder in der Literatur – sehe ich das kritisch.

 

Darf sich der Karikaturist also alles erlauben?
Man muss sich sehr viel trauen dürfen. Erlauben soll man sich generell alles, aber es ist selbstverständlich, dass sich der Karikaturist nicht über Hilflose, Kranke oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen lustig macht – hier gibt es eindeutig Grenzen. Als Zeichner ist es aber wichtig, nahe an Grenzen zu gehen. Im Grunde bin ich einer, der sagt: Alles geht. Wenn Jemand durch die Satire eine in die „Gosch’n“ verdient hat, dann soll er sie bekommen, das ist auch stellvertretend für die Gesellschaft befreiend.


Wie sehen Sie aktuell die Gesellschaft?
Es ist eine sich selbst entlarvende Gesellschaft. Fassaden werden zurzeit heruntergerissen und hinterfragt. Dabei ist es aber wichtig, auch die eigenen Leute und sich selbst nicht zu übersehen. Freiheit bedeutet auch die Offenheit zur Kontroverse. Politische Images sollen aufplatzen, denn die Wahrheit liegt nicht im Wahlplakat, sondern eher in der Karikatur.


Die Karikatur – ein „Druckventil“, um humorvoll den Ernst des Lebens zu bewältigen?
Es hilft, die Welt etwas lockerer zu sehen und selbst ein fröhlicher Mensch zu bleiben. Mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne Karikatur nicht mehr vorstellen. Die Freiheit der Karikatur ist es, sich an der Obrigkeit ebenso wie am kleinen Mann zu orientieren. Sie ist nicht prinzipiell da um zu beleidigen, sondern kann etwas Positives bewirken. Meine Zeichnungen die Impfpflicht betreffend sind zwar eindeutig – da heische ich nicht um Verständnis –, generell soll die Karikatur aber alle Seiten zum Lachen bringen. Humor kann die Gräben der Spaltung schließen. Wir alle sollten uns aber selber nicht allzu ernst nehmen, das hilft.


Politisch, zugespitzt, aber immer mit Witz. In Zusammenhang mit Ihrem Buch So long Covid! sprechen Sie von der „Seufzerphase“ – was verstehen Sie darunter?
Im Sommer 2021 war die Covid-Bedrohung reduzierter, daraus resultierte der doppeldeutige Titel: „So long Covid!. Einerseits – so long – als Abschiedsfloskel, andererseits, aufgrund der anhaltenden Pandemie-Frustration, als langer Seufzer gemeint, da wir uns ob wir wollen oder nicht bis heute nicht davon verabschieden können.


Welche kleinen Freiheiten genießen Sie privat?
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich im Herbst bei den Schwammerln und im Sommer beim Garteln bin. Manchmal auch mit der Motorsäge im Wald – eine Hochrisikoangelegenheit. Das sind meine Auszeiten vom Papier. Ein Bier mit einem Freund, eine Reise nach Venedig – in Zeiten wie diesen, wo die Freiheit ja wohl begründet, aber doch stark eingeschränkt ist, merkt man, was einem fehlt.

 

Michael Pammesberger

Wenn Jemand durch die Satire eine in die „Gosch’n“ verdient hat, dann soll er sie bekommen, das ist auch stellvertretend für die Gesellschaft befreiend.

 

Michael Pammesberger
ist Karikaturist und zeichnet seit 1997 für die österreichische Tageszeitung Kurier. Die
Kurier-Ausgaben der Pammesberger-Jahresrückblicke erscheinen Mitte November 2022.

 

Michael Pammesberger

Michael Pammesberger: So long Covid! Ueberreuter-Verlag 2021.

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