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Kinder brauchen Freiheit

Der Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer im Interview über den Sehnsuchtswert Freiheit

Homeschooling, die Einschränkung sozialer Kontakte, Einsamkeit: Die Pandemie hat kaum jemanden so getroffen wie Kinder und Jugendliche. Der Kinder- und Jugendpsychologe Paulus Hochgatterer über Bewältigungsstrategien, politisches Versagen und die Sehnsucht nach Freiheit. Von Lukas CIONI

miteinander 5-6/2022

Dr. Paulus Hochgatterer

 

Herr Dr. Hochgatterer, wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
Sehr ausbalanciert. Obwohl mein Vater Lehrer war und es ein Regelwerk gab, das sich am Moralverständnis der Kirche orientierte, hatte ich in meiner katholisch-aufgeklärten Familie eine absolut lange Leine. Es bestand einerseits ein unbewusster und sicherheitgebender Rahmen. Andererseits eine Freiheit, welche es mir im Ländlichen ermöglichte, im Wald, am Bach beim Schwarzfischen oder bei anderen, teils verbotenen, Dingen zu sein. Der Mensch lernt – etwa in der Entwicklungsphase der Frühadoleszenz – eigene Grenzen kennen. Daraus resultiert meine Gewissheit, dass es für Kinder und Jugendliche genau dieser Balance zwischen normativem Regelwerk und freiem Leben bedarf. Der Stehsatz „Kinder brauchen Grenzen“ ärgert mich, denn das Pendant dazu „Kinder brauchen Freiheit“ hört man viel zu selten.

 

Wie beurteilen Sie den Umgang junger Menschen mit der Pandemie?
Ich merke, wie brav Kinder und Jugendliche heute sind. Anpassungsbereit und folgsam. Die Inanspruchnahme von fachlichen Hilfen für psychisch belastete Kinder und Jugendliche ist jedoch dramatisch gestiegen. Um es konkret zu machen: Wir in Tulln hätten die Abteilung mehrfach füllen können. Das Wesentliche ist aber, dass nicht extroversiv reagiert wurde: Kinder und Jugendliche sind nicht aggressiv geworden, haben keine Scheiben zerschlagen. Im Gegenteil – sie wurden introversiv auffällig. Das bedeutet depressiv, haben Angst- und Essstörungen entwickelt. Als Kinder- und Jugendpsychiater ist man hier in erste Linie Ohr.

»Der Stehsatz ›Kinder brauchen Grenzen‹ ärgert mich sehr, denn das Pendant dazu ›Kinder brauchen Freiheit‹ hört man viel zu selten.«

Was hören Sie in dieser Funktion?
Primär Unsicherheit, resultierend aus dem schnellen Veränderungstempo der Maßnahmen
während der Pandemie. Der wesentliche Belastungsfaktor liegt im sozialen Gefüge. Das betrifft die Familiensituation und den Verlust des Kontakts zur Peer- Gruppe – zu Gleichaltrigen. Vor allem Jugendliche fühlen sich isoliert, werden einsam und im Extremfall suizidal. Hier war eine deutliche Steigerung erkennbar – ein Warnsignal. Während der Pandemie war die Hierarchie der Rechtsgüter, die gesichert werden sollten, so eindeutig, dass man es verabsäumt hat, sich mit den Belastungen von jungen Menschen auseinanderzusetzen.


Wen sehen Sie hier in der Verantwortung?
Uns alle. Wir, die voller Angst, Sorgen und Panik mit dieser Situation versucht haben zurechtzukommen. Skandalös sehe ich zudem die genannte Summe von 13 Millionen
Euro durch die Politik. Das mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen, um dadurch Österreichs Jugend zu retten, halte ich für Chuzpe. Pro Person beläuft sich eine banale Grundversorgung – mit fachärztlichen Kontakten und einer Psychotherapie – pro Jahr auf etwa 10.000 Euro. Man muss nur dividieren. Auf der anderen Seite wird publiziert, dass 50 Prozent nennenswert psychisch belastet sind – die Summe ist somit weniger als ein Tropfen. Die Langzeitfolgen sind noch nicht abschätzbar. Aus Erkenntnissen der Belastungs- und Trauma- Forschung kann man jedoch folgern: Hier kommt noch einiges auf uns zu.

 

Inwieweit kann Religion Resilienz-steigernd sein?
In erster Linie stellt sich die Frage: Wo war die Religion – abgesehen von medienwirksamen
Impfauftritten und der Bitte zum Einhalten des geltenden Regelwerks? Die Stütze der Jugend als Trost und die Rolle, Lebensmut zu geben – diese hat die Kirche in wenig beeindruckender Form gespielt.


Welche Bewältigungsstrategien können helfen?
Bewusst leben, positive Bereiche wissentlich pflegen, die Situation als Lebenserfahrung verbuchen. Eine Lost Generation – ohne Zukunftsperspektive oder Lebensmut – sehe ich nicht. Wenn diesen Sommer Lockerungen umgesetzt und jungen Menschen wieder Räume zum Austausch eröffnet werden, ist das hilfreich. Oder durch Humor die Ebene wechseln.

Eine Lost Generation – ohne Zukunftsperspektive oder Lebensmut – sehe ich nicht.

Schriftsteller und Theaterautor – was steckt hinter Ihrer literarischen Tätigkeit?
Alles hat mit dem Begriff des Erzählens zu tun. Es ist Mitteilung, persönliche Bewältigung,
aber auch eine Erkenntnis – für beide Seiten, für den Zuseher und Leser, aber auch für den Erzählenden. Erzählen macht einen klüger und bringt mich näher zu mir. Geschrieben wird auf der Couch, am Boden liegend und in allen möglichen Positionen – nur nicht am Schreibtisch.
Das Schreiben führt mich näher an mich heran. Aktuell wurde 2022 die Inszenierung
„Fly Ganymed“ durch Regisseur Nikolaus Habjan auf die Bühne des Staatstheaters Stuttgart gebracht. Thematisiert wird die Flüchtlingsgeschichte eines Neunjährigen. Derzeit ist eine Fassung der Zauberflöte für Kinder an der Dortmunder Oper geplant.


Abschließend: Was bedeutet für Sie das Credo „Mut zur Freiheit“?
Mut bedeutet immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst. Frei nach Horaz: Sapere aude – wage es, weise zu sein. Das bedeutet, sich nicht primär um das zu kümmern, was die anpassungsfreudige Umgebung fordert, sondern zuerst in sich hineinzuhören. Ich bin Kinder- und Jugendpsychiater, da ich es schätze, mit jungen Menschen konfrontiert zu werden, die
genau diesen Drang haben: etwas Eigenes zu tun, um das zu realisieren, was wir Freiheit nennen.

 

Dr. Paulus Hochgatterer

 

Dr. Paulus Hochgatterer

ist Primar der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tulln, Schriftsteller und Theaterautor.

 

Dr. Paulus Hochgatterer

Dr. Paulus Hochgatterer: FLIEGE FORT, FLIEGE fort, Deuticke Verlag 2019.

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