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Vom Alleinsein zum All-eins-Sein

Ein miteinander-Gespräch mit dem bekannten Benediktinerpater Anselm Grün

 

Mönche sind „Quarantäne-Experten“ – von ihnen kann man unter anderem lernen, in Pandemie-Zeiten produktiv mit Einsamkeit und sozialer Distanz umzugehen.
Das Interview führte Daniel SEPER

                                                                                                                     miteinander 3-4/2021

 

Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zur Erfahrung von Einsamkeit. Als Mönch lebt man freiwillig ein zurückgezogenes Leben. Gibt es hier Gemeinsamkeiten?

 

Die Gemeinsamkeit ist, dass wir Mönche in der Klausur leben. Wir bleiben also normalerweise im Kloster. Wir ziehen uns zurück in unsere Zelle. Dort zu bleiben, ist für uns eine wichtige spirituelle Übung. Die auferzwungene Quarantäne fordert die Menschen auch heraus, sich selbst mal auszuhalten. Die alten Mönche in der Wüste sagen zu Menschen, die sich damit schwertun: Bleib in deiner Zelle. Die Zelle wird dich alles lehren. Da wirst du dich selber kennenlernen. Insofern ist die Übung, sich selbst in seiner Zelle auszuhalten, gleich. Aber der Unterschied besteht darin, dass die Mönche sich freiwillig zurückziehen, während die Quarantäne von außen auferlegt ist. Da entsteht erst einmal Widerstand im Menschen. Und die Quarantäne ist natürlich nur für eine bestimmte Zeit festgesetzt.

 

In der Quarantäne bestand für viele die große Herausforderung darin, sich mit sich beschäftigen zu müssen. Wie hält man sich selbst am besten aus?

 

Wir können uns nur dann aushalten, wenn wir uns nicht bewerten. Wenn ich allein mit mir bin, dann steigen viele Gedanken und Gefühle in mir hoch. Wenn ich Angst habe vor dem, was da in mir auftaucht, dann kann ich mich selbst nicht aushalten. Dann muss ich vor mir selbst davonlaufen, entweder durch Aktivismus oder durch andere Fluchtmöglichkeiten. Ich kann mich nur aushalten, wenn alles, was in mir auftaucht, auch sein darf. Ich schaue dann mit einer gewissen Neugier auf mich. Ich habe Lust, mich selbst kennenzulernen.

 

Wie geht man konstruktiv mit Zeiten des Alleinseins um?

 

Es ist gut, wenn ich meine Zeit strukturiere. Ich kann nicht den ganzen Tag nur mich aushalten. Ich soll dem Tag eine gute Struktur geben. Wann stehe ich auf? Wie gestalte ich den Morgen? Wann lese ich? Wann gehe ich spazieren? Ein guter Rhythmus hält mich lebendig und wach. Dann wird es nicht langweilig. Dann habe ich das Gefühl: Es ist eine erfüllte Zeit. Es ist meine Zeit, die ich so gestalte, wie es mir entspricht. Eine andere Hilfe ist auch, das Alleinsein in ein All-eins-Sein zu verwandeln. Ich spüre mein Alleinsein, aber ich gehe durch das Gefühl von Traurigkeit und Einsamkeit hindurch an den Grund der Seele. Und dort fühle ich mich eins mit allen Menschen und eins mit Gott. Dann wird es eine erfüllte Zeit. Ich genieße das Einssein.

 

Die Pandemie hat auch Endlichkeit und Abhängigkeit vor Augen geführt. Wie nachhaltig kann das angestoßene Umdenken sein?

 

Die Pandemie hat uns mit unserer Sterblichkeit konfrontiert. Für die frühen Mönche war es eine Übung, sich täglich den Tod vor Augen zu halten. Diese Übung sollte uns nicht Angst machen, sondern im Gegenteil: Sie lädt uns ein, jeden Augenblick bewusst zu leben. Denn jeder Augenblick könnte der letzte sein. Ein alter Mönch wurde einmal gefragt, warum er nie Angst habe. Er antwortete, weil er täglich an den Tod denkt. Wenn ich um meine Begrenztheit weiß, lebe ich bewusster im Augenblick. Ich hoffe, dass die Nachdenklichkeit, die durch die Krise entstanden ist, länger anhält. Manche werden natürlich so weitermachen wie vor der Krise. Aber die Krise hat doch unsere Sicherheit erschüttert. Und das führt zu mehr Nachdenklichkeit.

 

Das gewohnte Verhältnis von Nähe und Distanz wurde auf vielen Ebenen durcheinandergebracht. Was bedeutet das für unser Zusammenleben?

 

Zu viel soziale Distanz tut uns nicht gut. Der Mensch lebt von der Nähe des anderen, von Berührung und Umarmung. So sollten wir lernen, innere Nähe zu spüren, wenn wir mit dem anderen sprechen, dass wir nicht nur oberflächlich sprechen, sondern aus dem Herzen sprechen. Das erzeugt auch Nähe. Auf der anderen Seite fühlen Eltern und Kinder, die jetzt wegen Homeoffice ständig zusammen sind, eine Enge. Wenn die Nähe zu groß wird, entstehen Aggressionen. Die Aggressionen laden mich ein, für mich zu sorgen. Sie zeigen mir, dass ich mehr Distanz brauche. Ich kann entweder spazieren gehen oder mich in der Wohnung in ein Zimmer zurückziehen, in dem ich nicht gestört werde. Eine gute Übung wäre auch, für die ganze Familie eine Stunde Schweigezeit zu vereinbaren, in der jeder für sich ist und keiner gestört wird, weder durchs Handy noch durch irgendwelche Fragen.

 

Sie haben bereits wenige Tage nach Beginn der Pandemie eine Art Gebrauchsanweisung zur Quarantäne veröffentlicht. Woraus speist sich Ihre Schaffenskraft?

 

Schreiben ist für mich keine Arbeit. Ich versuche, auf die Menschen und auf meine eigenen Gefühle zu hören. Dann schreibe ich, um den Menschen eine Antwort auf ihre Fragen zu geben, um sie zu begleiten auf ihrem Weg. Ich hoffe, dass es letztlich die Quelle des Heiligen Geistes ist, aus der ich schöpfe. Und es ist mein Anliegen, dass die Menschen aus dem Glauben ihr Leben gut gestalten und meistern können. Ich möchte werben für die Weisheit unserer christlichen Tradition, die uns gerade heute helfen könnte, mit Krisen und Herausforderungen gut umzugehen.

 

Die Kirche klagt über Mitgliederschwund und Säkularisierung, Ihre Bücher aber sind Bestseller und Sie sind ein gefragter Referent. Worauf führen Sie dies zurück?

 

Ich versuche, nicht zu moralisieren und die Menschen nicht zu belehren. Ich versuche, die Menschen in Berührung zu bringen mit der Weisheit ihrer eigenen Seele. Die Menschen sehnen sich nach einer menschenfreundlichen Spiritualität, durch die sie mit ihren eigenen inneren Quellen in Berührung kommen. Ich versuche, diese menschenfreundliche und heilsame Spiritualität zu beschreiben und sie jeweils in verschiedene existenzielle Situationen hinein zu übersetzen.

 

Wird es auch morgen noch Mönche wie Sie geben? Bzw. was macht den Mönch von morgen aus?

 

Der Mönch ist auch für die Zukunft ein wichtiges Lebensmodell. Auch wenn es weniger Mönche geben wird, so bleibt das Mönchtum als ein Weg, in der Stille Gott zu erfahren, doch eine Faszination für die Menschen. Mönche wecken auch in den normalen Christen die Sehnsucht nach Gotteserfahrung. Den Mönch der Zukunft macht sicher das aus, was Benedikt vom Mönch fordert: Er solle sein Leben lang Gott suchen. Er soll sich nach Gott ausstrecken, in allem immer wieder nach ihm fragen. Der Mönch der Zukunft hält die Frage nach Gott offen. Er öffnet den Himmel über den Menschen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft. Denn jede Gesellschaft – so sagt der jüdische Philosoph Max Horkheimer – hat die Tendenz, sich zu verabsolutieren. Die Mönche halten den Freiraum offen, in dem der Mensch frei atmen kann, in dem er nicht verzweckt wird durch ökonomische oder andere Interessen.


P. Anselm Grün OSB

ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Er ist darüber hinaus bekannt als Vortragender und Autor spiritueller Bücher.

 

Zuletzt erschien vom ihm das Buch: 

"Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung.

So gelingt friedliches Zusammenleben zu Hause."

Verlag Herder, Freiburg 2020

ISBN 978-3-451-38869-9

E-Book: 9,99 €

Gebunden 96 Seiten: 14,00 €

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