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Ermutigung zu sich selbst

Wenn Menschen Mut gewinnen, sich selbst immer präziser wahrzunehmen und zu verwirklichen

 

Therapie, Beratung und Seelsorge kennen einen gemeinsamen Nenner: Alle wollen sie Menschen zu den Quellen des Lebens und zu sich selbst zurückführen. Von Wolfram KURZ

miteinander 3-4/2021

 

Sowohl im therapeutischen als auch im beraterischen und seelsorgerlichen Feld haben wir es mit Menschen zu tun, die in irgendeiner Weise ihrem Glück begegnet sind. Sei es dadurch, dass sie die Hoffnung auf Glück in ihrem Herzen hegen. Sei es dadurch, dass sie auf die Spur ihres Glücks geraten waren. Sei es dadurch, dass sie Glück ganz unmittelbar erfahren haben. Die lukanische Geschichte von den Emmausjüngern (Lk 24, 13–35) ist nicht zu verstehen ohne das Glück, das die beiden, die sich jetzt auf dem Wege nach Emmaus befinden, getroffen hat. Es war das Glück, einen Menschen getroffen zu haben. Nicht irgendeinen. Vielmehr einen, von dem man später sagen sollte, er sei wahrer Mensch gewesen: vere homo. Mehr kann man von einem Menschen nicht sagen. Und auf ihn zu treffen, muss ein wildes Glück gewesen sein, sofern man sich hat treffen lassen.

 

Will man das Glück dieses Treffens verstehen, muss man das prinzipielle Unglück des Menschen verstanden haben. Natürlich gibt es Schicksalsschläge, die Menschen unglücklich machen. Überflüssig zu sagen. Aber die Frage ist, ob sie Menschen unglücklich machen müssen. Ob es sich nicht eher um zeitlich begrenztes Unglück handelt. Ob es nicht, wie man heute sagt, verarbeitet, „weggesteckt" werden kann. Ob es am Ende gar einen Menschen reifer, gelassener werden lässt. Sich letztlich gar als ungeahntes Glück herausstellt. Unglück dieser Art meine ich nicht. Wovon ich spreche ist das, was man eigentliches Unglück nennen könnte. Also von einem Unglück, das den Menschen in seiner Eigentlichkeit betrifft. In seinem ureigensten Wesen.

 

Angelegt in der eigenen Tiefe

 

Dieses Unglück tritt ein, wenn Menschen daran gehindert werden, sich daran hindern lassen, die Hoffnung aufgegeben haben, die Kraft nicht mehr finden, Schritt für Schritt diejenigen zu werden, die sie im Grunde ihres Herzens sind. Grundaufgabe des Menschen ist es, immer prägnanter derjenige zu werden, der er im Grunde ist. Sich immer deutlicher zu Demjenigen zu entwickeln, was in der je eigenen Tiefe angelegt ist. Den Mut zu sich selbst zu fassen bedarf jedoch der Ermutigung. Nichts aber macht dem Menschen mehr Mut, er selber zu werden, als ein Mensch, der in großer Übereinstimmung mit sich selbst lebt.

 

Große religiöse Gestalten zeichnen sich ganz offensichtlich dadurch aus, dass sie über eine unübertreffliche Authentizität verfügen. Und auch Jesus von Nazareth war ganz offensichtlich ein Mensch, der nicht nur in großer Übereinstimmung mit sich selbst gelebt hat, sondern in völliger. Deshalb hat man von ihm gesagt, was man von durchschnittlichen Menschen nicht sagen kann: vere homo, wahrer Mensch. Diesem Menschen zu begegnen, bedeutet wildes Glück. Denn solche Begegnung bedeutet Befreiung zu sich selbst. Bedeutet frei zu werden, authentisch zu leben. Bedeutet Ermutigung zu sich selbst.

 

Erfüllt von Tätigkeit

 

Natürlich kann man fragen, was im Einzelnen geschieht, wenn Menschen Mut gewinnen, sich selbst immer präziser wahrzunehmen und zu verwirklichen. Um die Frage zu klären, gilt es Folgendes zu erkennen: Der Mensch ist, um mit dem spanischen Philosophen J. Ortega y Gasset zu sprechen, „Tätigkeitspotenzial“; und Leben heißt: diesem Potenzial zur Entfaltung verhelfen, es wirksam werden lassen. Wenn wir das Dasein nach seinem Sinn fragen, so heißt das nichts anderes, als dass wir von ihm etwas verlangen, daran sich unsere gesamte Aktivität restlos entwickeln kann. Würden wir auf dieser Welt etwas entdecken, das den gesamten Raum unserer Lebensenergie zu erfüllen vermöchte, so wären wir glücklich und die Welt schiene uns gerechtfertigt.

 

Wer sich ganz von einer Tätigkeit erfüllt sieht, wird sich niemals unglücklich fühlen können. Dieses Gefühl kommt nur dann auf, wenn der Geist nichts zu tun hat. Melancholie, Traurigkeit, Unzufriedenheit sind uns fremd, solange unser ganzes Wesen tätig ist. Kaum aber ist in unserer Tätigkeit ein Stillstand eingetreten, so steigen auch schon wie Sumpfgase aus einem toten Wasser aus unserem ruhenden Geist diese Empfindungen der Langeweile, Hilflosigkeit und grenzenlosen Leere auf. Dann werden wir des Zwiespalts inne, der sich zwischen unserem möglichen und unserem wirklichen Wesen auftut. Und eben das ist unser Unglück.

 

Was aber geschieht, wenn Menschen ihr wirkliches Wesen entdecken und realisieren? Es ereignet sich eine eminente Verlebendigung ihres Lebens. Jesus von Nazareth war ein eminent lebendiger Mensch, und er hat mit seiner Lebendigkeit Menschen angesteckt; bis auf den heutigen Tag. Und wenn es eine verbindende Aufgabe zwischen Therapie, Beratung und Seelsorge gibt, dann ist es die: so mit Menschen umzugehen, dass sie, die mitten im Leben dem Leben erstorben sind, wieder lebendig werden.


 

aus: Philosophie für helfende Berufe, Institut für Logotherapie

und Existenzanalyse Verlag Lebenskunst.

 

 

 

 

 


Dr. Wolfram Kurz

ist Universitätsprofessor und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse Tübingen/Wien. Seine Spezialgebiete sind Religionspädagogik, Seelsorge und das Grenzgebiet von Seelsorge und Psychotherapie.

www.logotherapie.net

 

 

 

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