Donnerstag 19. Juli 2018
Wofür lebst du?
Sr. Dr. Gertraud Harb
Für Gott und dafür, mit ihm, verbunden zu bleiben. Ich möchte den Menschen um mich wahr- und annehmen, ihr Not...
Wofür lebst du?
Sr. Dr. Gertraud Harb

Für Gott und dafür, mit ihm, verbunden zu bleiben. Ich möchte den Menschen um mich wahr- und annehmen, ihr Not lindern und ihnen dadurch Gottes Liebe erfahrbar machen. Sr. Dr. Gertraud Harb, Pastoralassistentin Graz
Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Fremde Heimat

 

Seit 15 Jahren lebe ich nun in Österreich. Und noch immer sind Erdäpfel bei mir Kartoffel und Paradeiser Tomaten. Das Herz schlägt niederrheinisch, Erinnerungen, Freundschaften und Familie lenken meine Gedanken weiterhin häufig weg von hier – und auch mein Blick auf Österreich bleibt wohl immer ein Blick „von außen“. Bin ich damit schon ein Integrationsverweigerer? Nein, ich würde eher sagen: Ich ringe mit Heimat – mit der vergangenen wie mit der gegenwärtigen. Sie ist mir oft mehr Erinnerung, der Geschmack von Kindheit und Sorglosigkeit, vom klar umrissenen Planquadrat jugendlicher Bewegungsfreiheit zu Rad und zu Fuß. Wenn ich heute in Österreich neue Heimat gefunden habe, bedeutet das immer auch, sie ein stückweit für mich zu er-finden. Immer bleibt das Neue ein wenig fremd, nur Näherungswert.

 

Ein weiteres Schlaglicht: Zu den schwierigsten Aufgaben im redaktionellen Alltag zählt es, ein passendes Bild für das Cover einer Zeitschrift – etwa das „miteinander“ – zu finden. Es soll neugierig machen, das Thema bereits verraten und im Idealfall eine kleine Irritation oder Brechung beinhalten. Wenn man dazu in professionellen Bildergalerien nach dem Stichwort „Heimat“ sucht, wird man rasch fündig – und staunt: Seitenweise werden Fotos von Häusern am Land angeboten. Heimat, verkitscht nicht zur Bergidylle, sondern zum Traum vom Eigenheim. Dazwischen lächelnde Zwei-Kind-Familien. Klein ist er geworden, unser zu Bildern geronnener Traum von Heimat. Und wohl auch entsprechend anfällig für den (politischen) Missbrauch.

 

Und zuletzt: Religion. Es gehört zum Standard-Repertoire kirchlicher Sonntagsreden, Religion in den Kontext von Heimat zu stellen. Nicht selten verbandelt mit dem unseligen Begriff einer (von einigen wohl mehr herbeigesehnten denn tatsächlich vorhandenen) „Leitkultur“. Doch bietet Religion Heimat? Taugt sie – konkret: das Christentum in seiner jeweiligen volkskulturellen Ausprägung – als Bollwerk gegen die kalten Zeitläufte, die uns Heimat zwischen den Fingern zerrinnen lassen? Ich zweifle. Denn theologisch ist gerade das Christentum die Religion der Heimatlosigkeit: das Wüstenvolk auf permanenter Wanderschaft – Heimat einzig als Vision vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Rastlos, ständig herausgefordert, Heimat neu zu finden und zu erfinden – dabei jedoch stets im Bewusstsein, dass Heimat nicht von Haben kommt, sondern von einer Vision, die – einem Wort Ernst Blochs zufolge – jedem in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war …

 

 

Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

 

Weiden am Leiden

 

Manchmal frage ich mich, was in jenen Leuten vorgeht, die Hilfseinsätze behindern, um nur möglichst nahe das Leiden oder gar den Tod eines Menschen mitverfolgen zu können. Rettung, Feuerwehr und Polizei sind zunehmend mit dieser Sensationslust konfrontiert, wodurch ihr Arbeitseinsatz oft wesentlich verzögert wird. Um ein Leben zu retten, zählt aber jede Minute.

 

Was treibt die Menschen zu diesem Verhalten an? Ist in der zwischenmenschlichen Beziehung wirklich jedes Mitgefühl, jeder Respekt vor der Privatsphäre verloren gegangen? Manche meinen, der von den Medien geförderte Voyeurismus ist schuld daran. Stimmt sicher, aber gehörte dieses Weiden am Leiden anderer nicht immer schon zu den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur?

 

Unter der Menge, die am Weg hinauf nach Golgotha stand, herrschte sicher nicht nur Mitgefühl. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter arteten zu wahren Volksfesten aus und die unter der Französischen Revolution erfolgten Hinrichtungen wurden auch vom Jubel der Zuschauer begleitet. Und was war vor achtzig Jahren? Als 1938 die Hitler-Schergen die Juden zwangen, auf den Knien die Gehsteige zu säubern, drängten sich auch ihre Mitbürger um die beste Sicht.

 

Das menschliche Verhalten gegenüber dem Leiden anderer scheint sich nicht zu ändern. In einem aber schon: Heute stellt man per Handy das Gesehene ins Netz, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Unlängst fiel mir ein Zitat in die Hände: Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde. Scham? Ist das nicht heute ein Fremdwort?

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Themen & Schwerpunkte

Heimat zwischen Fiktion und Politik

Heimat ist ein fragiler Begriff – stets in Gefahr, politisch instrumentalisiert zu werden. In den vergangenen drei Jahren hat der Begriff nicht zuletzt unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise eine besorgniserregende Konjunktur erlebt.

 

Es scheint, als wäre es ruhiger geworden rund um das Wort „Heimat“. Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 war sicher ein vorläufiger Höhepunkt der Karriere des Heimatbegriffs. Mit dem Slogan „Deine Heimat – dein Präsident“ versuchte der rechtspopulistische Kandidat Norbert Hofer im Zuge seiner Kampagne seinem linksliberalen Gegenüber, Alexander Van der Bellen, ein zentrales Element dessen eigener Kampagne streitig zu machen. Was blieb von dieser Begriffskonjunktur?

 

Politische Akteure glaubten in der Folge, im politischen Diskurs nicht mehr ohne die Aufladung des Wortes „Heimat“ auszukommen. Hier erlebten wir alles: von beliebigen Herleitungen über Verteidigungsreflexe hin zur kruden Heimatverbundenheit eines Landesrates im Zuge des Kärntner Wahlkampfes 2018 – von den parteipolitischen Bierzelten ganz zu schweigen.

 

Dirndl und Tracht zu tragen ist wieder "in", man steht zu seiner Heimat. Nicht alle sind jedoch mit dieser Entwicklung einverstanden und fürchten um das politisch instrumentalisierte, emotional aufgeladene Wort "Heimat".

 

 Bedrohte Gefühlsidylle

 

Die Fluchtbewegung des Jahres 2015 war der Auslöser dieses Heimatreflexes. Doch vorangestellt sei noch einmal zur Erinnerung das beeindruckende soziale Engagement der Zivilgesellschaft, die nicht nach der Herkunft fragte, sondern zutiefst menschlich agierte, während sich die Politik in ihrem nicht nachvollziehbaren Erstaunen erst ein Bild der Lage verschaffen musste. Als sich die politischen Rädchen zu drehen begannen, waren sie sofort da: die Schützer der Heimat. Das Wort „Bedrohung“ wurde dem Wort „Heimat“ vorangestellt und so zum Kapital politischer Argumentation.

 

Aber was wurde und wird da eigentlich bedroht? Es ist die Fiktion einer Kontinuität des Eigenen oder einfach die simple Behauptung, dass wir unsere Werte und Traditionen – eben unsere Identität – bewahrt und so aus einer gedachten, immerwährenden Vergangenheit in die Gegenwart gebracht hätten. Dieser Fiktion ist ein „normierter gesellschaftlicher Gefühlshaushalt“, wie es Joachim Riedl in seiner Betrachtung des Bundespräsidentschaftswahlkampfes in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ genannt hat, zur Seite gestellt. Dieser potenzielle gesellschaftliche Gefühlshaushalt ist der Marktplatz politischer Bewirtschaftung schlechthin. Heimat hat viele Definitionen, aber vor allem ist sie eben ein Gefühl – und Emotionen sind leicht abzuholen und zu manipulieren.

 

Angst als Kapital

 

Die bedrohte Heimat braucht ein bedrohendes Gegenüber. Und denkt man an die zahllosen Flüchtlinge des Jahres 2015, so war dieses Gegenüber schnell gefunden. Das „Fremde und das Eigene“ ist ein Begriff der kritischen Kulturwissenschaften und bezeichnet die Ausschließungspotenziale gesellschaftlicher Diskurse und Aktivitäten: Die „Fremden“ waren nun in großer Zahl da, und es bedurfte nur weniger Schlagworte, um die Ängste um „das Eigene“ zu schüren. Ist diese Stimmung einmal erzeugt, ist es ein Leichtes, jegliches Ereignis dem pauschal „Fremden“ zuzuschreiben. Die Perfidität dieser Dynamik liegt darin, dass jene, die am politischen Marktplatz Angst als Kapital generieren, die politische Heilsversprechung, die in unterschiedlichsten Sprachbildern von Sicherheit daherkommt, gleichzeitig mitliefern.

 

Das heilsame kleine Wort „Heimat“ steht schon längst im Hintergrund und ist nur noch die Folie für ein kollektives Bedrohungsszenario. Diejenigen, die das „Eigene“ dem „Fremden“ gegenüberstellen und mit Ausgrenzungspolitik Stimmen gewinnen, sind die Profiteure einer simplen Gefühlslage. Andere versuchen in deren Sog Produkte abzusetzen. Ein österreichischer Onlineshop wirbt mit dem Slogan „So geht Heimatmode“. Die graumelierten Zipper-Jacken im Promotion-Video sind links auf Brusthöhe mit einem gestickten Emblem ausgestattet – einer Kornblume.

 


 

 

 

 

 

Matthias Beitl

 

 

 

Dr. Matthias Beitl ist seit 2013 Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien.

 

 

 

Webtipp: www.volkskundemuseum.at

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