Sonntag 19. August 2018
Wofür lebst du?
Andrea Ederer
„Ich fühle mich beschenkt mit Kreativität, Fantasie, aber auch Beharrlichkeit und Ausdauer. Damit arbeite ich gerne...
Wofür lebst du?
Andrea Ederer

„Ich fühle mich beschenkt mit Kreativität, Fantasie, aber auch Beharrlichkeit und Ausdauer. Damit arbeite ich gerne an einer besseren, gerechteren und liebevolleren Welt in Familie, in meinem Beruf und Kirche!“ Andrea Ederer, Präsidentin KA Stmk

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Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Fremde Heimat

 

Seit 15 Jahren lebe ich nun in Österreich. Und noch immer sind Erdäpfel bei mir Kartoffel und Paradeiser Tomaten. Das Herz schlägt niederrheinisch, Erinnerungen, Freundschaften und Familie lenken meine Gedanken weiterhin häufig weg von hier – und auch mein Blick auf Österreich bleibt wohl immer ein Blick „von außen“. Bin ich damit schon ein Integrationsverweigerer? Nein, ich würde eher sagen: Ich ringe mit Heimat – mit der vergangenen wie mit der gegenwärtigen. Sie ist mir oft mehr Erinnerung, der Geschmack von Kindheit und Sorglosigkeit, vom klar umrissenen Planquadrat jugendlicher Bewegungsfreiheit zu Rad und zu Fuß. Wenn ich heute in Österreich neue Heimat gefunden habe, bedeutet das immer auch, sie ein stückweit für mich zu er-finden. Immer bleibt das Neue ein wenig fremd, nur Näherungswert.

 

Ein weiteres Schlaglicht: Zu den schwierigsten Aufgaben im redaktionellen Alltag zählt es, ein passendes Bild für das Cover einer Zeitschrift – etwa das „miteinander“ – zu finden. Es soll neugierig machen, das Thema bereits verraten und im Idealfall eine kleine Irritation oder Brechung beinhalten. Wenn man dazu in professionellen Bildergalerien nach dem Stichwort „Heimat“ sucht, wird man rasch fündig – und staunt: Seitenweise werden Fotos von Häusern am Land angeboten. Heimat, verkitscht nicht zur Bergidylle, sondern zum Traum vom Eigenheim. Dazwischen lächelnde Zwei-Kind-Familien. Klein ist er geworden, unser zu Bildern geronnener Traum von Heimat. Und wohl auch entsprechend anfällig für den (politischen) Missbrauch.

 

Und zuletzt: Religion. Es gehört zum Standard-Repertoire kirchlicher Sonntagsreden, Religion in den Kontext von Heimat zu stellen. Nicht selten verbandelt mit dem unseligen Begriff einer (von einigen wohl mehr herbeigesehnten denn tatsächlich vorhandenen) „Leitkultur“. Doch bietet Religion Heimat? Taugt sie – konkret: das Christentum in seiner jeweiligen volkskulturellen Ausprägung – als Bollwerk gegen die kalten Zeitläufte, die uns Heimat zwischen den Fingern zerrinnen lassen? Ich zweifle. Denn theologisch ist gerade das Christentum die Religion der Heimatlosigkeit: das Wüstenvolk auf permanenter Wanderschaft – Heimat einzig als Vision vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Rastlos, ständig herausgefordert, Heimat neu zu finden und zu erfinden – dabei jedoch stets im Bewusstsein, dass Heimat nicht von Haben kommt, sondern von einer Vision, die – einem Wort Ernst Blochs zufolge – jedem in die Kindheit scheint, wo aber noch niemand war …

 

 

Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
Weiden am Leiden
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

 

Weiden am Leiden

 

Manchmal frage ich mich, was in jenen Leuten vorgeht, die Hilfseinsätze behindern, um nur möglichst nahe das Leiden oder gar den Tod eines Menschen mitverfolgen zu können. Rettung, Feuerwehr und Polizei sind zunehmend mit dieser Sensationslust konfrontiert, wodurch ihr Arbeitseinsatz oft wesentlich verzögert wird. Um ein Leben zu retten, zählt aber jede Minute.

 

Was treibt die Menschen zu diesem Verhalten an? Ist in der zwischenmenschlichen Beziehung wirklich jedes Mitgefühl, jeder Respekt vor der Privatsphäre verloren gegangen? Manche meinen, der von den Medien geförderte Voyeurismus ist schuld daran. Stimmt sicher, aber gehörte dieses Weiden am Leiden anderer nicht immer schon zu den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur?

 

Unter der Menge, die am Weg hinauf nach Golgotha stand, herrschte sicher nicht nur Mitgefühl. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter arteten zu wahren Volksfesten aus und die unter der Französischen Revolution erfolgten Hinrichtungen wurden auch vom Jubel der Zuschauer begleitet. Und was war vor achtzig Jahren? Als 1938 die Hitler-Schergen die Juden zwangen, auf den Knien die Gehsteige zu säubern, drängten sich auch ihre Mitbürger um die beste Sicht.

 

Das menschliche Verhalten gegenüber dem Leiden anderer scheint sich nicht zu ändern. In einem aber schon: Heute stellt man per Handy das Gesehene ins Netz, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Unlängst fiel mir ein Zitat in die Hände: Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde. Scham? Ist das nicht heute ein Fremdwort?

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Themen & Schwerpunkte

Keine Angst vor der Angst!

Angst ist eine Signatur der Zeit, die auch Religion und Theologie betrifft und herausfordert. Sie ist zugleich Thema der heurigen „Salzburger Hochschulwoche“.

 

 

 

"Haben wir keine Angst, keine Angst vor der Welt, in der wir leben; keine Angst vor unseren Grundsätzen, nicht vor dem, was wir sind, und verraten wir das nicht. … wir müssen bereit sein, über unseren Schatten zu springen, und dürfen keine Angst davor haben, zu sagen: Ja!"

 

Mitten in Salzburg: Bis 5. August versammelt diese älteste deutschsprachige Sommeruniversität in Salzburg wieder rund 700 Teilnehmer - darunter hochrangige Wissenschaftler, Philosophen und Theologen. Dieses Jahr dreht sich alles um das Thema Angst.

 

 

Was ein wenig wie eine Passage aus einer Predigt klingt, stammt in Wahrheit aus der Dankesrede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2018. Darin formuliert er vier Imperative für die Zukunft Europas und fordert in seinem dritten Gebot: Keine Angst! Gerade in dieser Aufforderung zeigt sich ein zeitdiagnostischer Befund: Angst ist ein Grundproblem unserer Gegenwart, es ist ihr Grundgefühl. Frühere Utopien, die unterschiedlich, aber doch einheitlich versprachen, dass es der nächsten Generation besser als der jetzigen gehen solle, haben ihre Zugkraft verloren – angesichts von Klimawandel, Migrationsfrage oder Digitalisierung werden oftmals Rhetoriken der Defensive bemüht. Es scheint schlicht darum zu gehen, das Schlimmste zu verhindern.

 

Pointiert spricht deshalb etwa der deutsche Soziologe Heinz Bude von einer „Gesellschaft der Angst“, wenn es darum geht, unsere Gesellschaften von einer zentralen Erfahrung aus zu beschreiben: Angst vereint alle gesellschaftlichen Milieus und erscheint wie „das einzige Prinzip, das absolut gilt, wenn alle Prinzipien relativ geworden sind. Über Angst kann die Muslima mit der Säkularistin, der liberale Zyniker mit dem verzweifelten Menschenrechtler reden.“

 

Der Glaube als Ressource

Das verbindende Moment, das Bude hier anspricht, erinnert ein wenig an den berühmten Auftakt von „Gaudium et Spes“, der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils – auch dort wird Angst als eine Erfahrung benannt, die JüngerInnen Christi und Menschen von heute verbindet. Nicht zuletzt deshalb können Glaube und Theologie nicht an diesem Zeichen der Zeit vorbeigehen: In ihm finden sich Herausforderungen für den eigenen Glauben. Liefert der Glaube aber Antworten auf die Ängste, die unsere Zeit umtreiben – oder muss man fürchten, dass er selbst davon erfasst wird?

 

Tatsächlich bietet Glaube Ressourcen, sich nicht von jeder Aufregung oder Ängstlichkeit anstecken zu lassen. Zugleich muss man aber der Versuchung widerstehen, ihn zum Viaticum gegen die Angst zu verkürzen – es würde dem Glauben selbst nicht gerecht. Hans Urs von Balthasar schreibt in seinem 1951 erschienenen Bändchen „Der Christ und die Angst“ gleich am Beginn in aller Nüchternheit, dass Gott offenkundig nicht in die Welt gekommen sei, um dem Menschen „die Angst einfachhin wegzunehmen oder zu ersparen“ – auch der Glaubende ist nicht immun dagegen, nicht einmal Jesus war davon befreit: Die Evangelien verschweigen die Angstnacht am Ölberg nicht. Der Glaube erspart die Angst nicht, aber er relativiert ihre scheinbare Absolutheit.

 

 

Angst – auf ihren Platz verwiesen

Vielleicht kann man sie am besten verstehen, wenn man sie nicht vorschnell als Gegensatz und Widerlager des Glaubens denkt, sondern z.B. in den Sonnengesang des Heiligen Franziskus einreiht: als „Schwester Angst“, die uns immer wieder mit Macht heimsucht, aber selbst in dieser Macht doch nichts anderes ist als eine geschöpfliche Wirklichkeit, die nicht das letzte Wort über uns hat. Das vertreibt nicht alle Angst – aber es weist ihr den Platz zu, der ihr gebührt.


 Bei der Eröffnung der Salzburger Hochschulwochen 2018.

 

Martin Dürnberger

 

Dr. Martin Dürnberger ist Assistenzprofessor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Universität Salzburg. Seit 2015 ist er außerdem Obmann der renommierten „Salzburger Hochschulwochen“, die heuer vom 30. Juli bis 5. August ganz im Zeichen des Themas „Angst?“ stehen. Informationen und Anmeldung unter www.salzburger-hochschulwochen.at

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe Juli/August 2018

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