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Plädoyer für die Gottesfurcht

Die Bibel kennt viele verschiedene Formen von Furcht- und Angstzuständen – auch die Furcht vor Gott selbst. Dies muss aber nicht einem „falschen“ Gottesbild entspringen, sondern kann auch in einer „richtigen“ Theologie wurzeln. 

 

Von Maria Theresia PLONER  | miteinander 5-6/2020

 

man with suitcase running to the exit of a tunnel illuminated of the sun

 

»Gott darf uns in unserem Glaubensleben auch als fremd, beängstigend und zornig begegnen, nicht nur als gut, liebevoll und fürsorglich.«

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen der Angst als allgemeinem oder posttraumatischem Zustand und der Furcht als einer objektbezogenen Phobie (Angst vor etwas). Weil die Bibel menschliche Erfahrungen literarisch und gläubig bearbeitet, kommen in ihr selbstverständlich auch unterschiedliche Angsterfahrungen zum Ausdruck. Die moderne Unterscheidung zwischen Angst und Furcht kennt die Bibel jedoch nicht. Auch bietet die Bibel keine systematische Betrachtung der Angst. Sie erzählt von angstvollen Menschen, sie bringt in den Psalmen Angstzustände zum Ausdruck, sie fordert eine angstfreie Existenz ein, aber sie schürt auch selbst Ängste. Das hat die reichhaltige Wirkungsgeschichte der Bibel leider ebenso gezeigt und darf daher nicht unerwähnt bleiben.

 

Angst äußert sich auch in der Bibel überwiegend körperlich: Zittern (Ez 26,16), Erbeben (Joël 2,1; Ps 99,1), Erbleichen (Dan 5,6; 7,28), Wanken (Jes 7,2), Erstarrtheit (Jes 13,7), Gänsehaut (Ijob 4,15) und Durchfall und Harndrang (Ijob 18,11) sind körperliche Angstindikatoren. Nicht selten wird die Metaphorik der „Enge“ bemüht, um Angstzustände auszudrücken (Ps 31,10; 1 Sam 28,15). Obwohl nach Jes 19,16 in erster Linie Frauen Angst haben, überwiegen in der Bibel doch die Belege angstvoller Männer. Jedoch geht es in der Bibel kaum um eine existenzielle Grundangst, sondern vielmehr um Angstreaktionen vor konkreten Herausforderungen oder Gefährdungen.

 

Bedrohtes Leben

 

Tausende Amulette belegen, dass im Alten Orient die Angst eine alltägliche Begleiterin war. Man erfuhr das Leben von Geburt an immer auch als etwas Bedrohtes. Dementsprechend können die konkreten Angstsituationen verschieden sein, gleichermaßen die Objekte der Angst: Krieg, Geburt, Naturgewalten, Isolation bzw. Ausgrenzung, Krankheit, Tod, Feinde, wilde Tiere, Dämonen und Ähnliches mehr.

 

Schließlich wird auch Gott als eine Größe wahrgenommen, die Angst macht. So ist gerade die Angst vor dem Zorn Gottes und dem Tag Jahwes groß und vielfach belegt (vgl. Joël 2,6; Dtn 9,19). Hier stellt sich die Frage: Muss das sein? Ich denke: Ja! Weil sich in den verschiedenen Gottesbildern und Gottesreden Erfahrungen von Menschen spiegeln, hat auch die Vorstellung von einem Angst machenden Gott ihren berechtigten Platz in der Bibel.

 

Freilich ist hier vor einer ideologischen und pädagogischen Verzweckung dieses Gottesbildes zu warnen. Doch Gott darf uns in unserem Glaubensleben auch als fremd, beängstigend und zornig begegnen, nicht nur als gut, liebevoll und fürsorglich. Schließlich lehrt uns selbst die Psychologie, Spannung in unserem Gottesbild auszuhalten. Gottesfurcht kann dann bedeuten: die Welt als Begegnungsort mit der göttlichen Wirklichkeit zu begreifen. Und die Widersprüchlichkeit des Lebens bringt damit per se schon ambivalente Gotteserfahrungen mit sich.

 

Im Land des Vertrauens

 

„Fürchte dich nicht!“, „Hab keine Angst!“ Dies sind wohl die stärksten Trostworte, die die Bibel für Menschen bereithält, unabhängig davon, ob sie in einer konkreten Angstsituation stecken oder nicht. Angstlosigkeit darf dann als Folge oder positive Begleiterscheinung einer vertrauensvollen Hingabe an Gott, den Schöpfer, verstanden werden. „Fürchtet auch nicht!“ kennt seine positive Formulierung im Ruf „Habt Vertrauen!“. Vertrauen bedeutet im biblischen Sinn: „sich festmachen“, „sich irgendwo einhängen“. Wer sich bei Gott einhängt, der darf sein „Schneckenhaus“ verlassen und mutig und angstfrei wohnen im Land des Vertrauens:

 

Ausgezogen
aus den Gehäusen der Angst

wohne ich

im Land des Vertrauens

Jeden Tag neu

wohne ich mich mehr ein

Ich bin eine Bürgerin

im Land des Vertrauens

Segen mir!

 

Brigitte Enzner-Probst

Frauengebete im Jahreskreis

 


 

 

Dr. Maria Theresia Ploner ist Professorin für Neues Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und Geistliche Assistentin der Katholischen Frauenbewegung der Diözese Bozen-Brixen.

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