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Leben in abgründiger Freiheit

Angst ist eine Konstante des menschlichen Lebens wie der biblischen Texte. Und doch bietet der Glaube Auswege an, welche die Angst nicht verleugnen. Geistlich Berufenen kommt dabei eine besondere Aufgabe zu.

 

Essay von Andreas TELSER  | miteinander 5-6/2020

 

BOURG-SAINT-MAURICE, FRANCE - APRIL 07: a man walking on a highline in the French Alps, Auvergne-Rhône-Alpes, Bourg-Saint-Maurice, France on April 07, 2017 in Bourg-Saint-Maurice, France.

»»Geistlich berufen zu sein heißt, dem ins Mensch-Sein gelegten Ruf, Endliches mit  Unendlichem in Spannung zu halten, nicht auszuweichen. Dies ist eine  Lebensaufgabe.««

Das Thema des 57. Weltgebetstags für geistliche Berufungen ist von einem Schriftwort aus dem Buch Josua (1,9) begleitet, das sich „verdeutscht“ von Martin Buber und Franz Rosenzweig so liest: „… ängste nimmer, scheue nimmer, denn bei dir ist ER dein Gott überall, wo du gehst.“ Das vielfach aus dem Gebrauch gefallene Adverb nimmer kann laut Duden entweder niemals oder nicht mehr bedeuten. Dem von Gott so angesprochenen Menschen wird zugesagt, dass Angst sein Leben nicht mehr bestimmen wird, ist es doch ein begleitetes Leben. Ängste und Scheu stehen dem Leben nicht mehr im Weg.

 

Diese Zusage, keine Angst (mehr) zu haben, bedeutet allerdings nicht, von ihr nicht mehr berührt zu sein. Dafür ist die Angst zu sehr mit dem verbunden, was den Menschen ausmacht und ihm nie nur hinderlich ist. Zunächst erfüllt – entwicklungsgeschichtlich verstanden – die Angst eine bleibende Schutzfunktion für den Menschen; sie schützt ihn vor allerlei Gefahren wie letztlich auch vor der Selbstüberschätzung. Doch Angst (lateinisch: angustiae) hat auch mit Enge und Verengung zu tun. Die bisweilen körperlich spürbare Enge in der Brust macht nicht nur das Atmen schwer, sondern hemmt auch den freien Fluss des Lebensatems, der Ruach.

 

Abgründigkeit des Lebens

 

Geistlich zu leben fordert jede und jeden heraus, die bzw. der sich mittels Analyse der unvermeidlichen Angst bewusst wird, in welcher existenziellen Lage Menschen ihr Leben zu gestalten haben. Mit einer solchen Analyse verbunden ist und bleibt der Name des dänischen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard (1813-1855). Der sich seiner selbst bewusst werdende Mensch, der sich dafür nicht eigens anstrengen muss – es geschieht ihm! –, kommt in diesem Prozess allerdings in eine missliche Lage. Als Menschen sind wir leiblich-sinnliche Wesen und darin spürbar begrenzt, zugleich erfahren wir das, was klassischerweise Seele genannt wurde, als nicht begrenzt.

 

Stimmt man dieser Beschreibung zu, dann sind wir als Menschen mit der Aufgabe konfrontiert, mit diesem, qua Mensch-Sein erfahrenen, ungeklärten Verhältnis zwischen Endlichem und Unendlichen in uns zu leben. Nun bringt genau diese Verhältniskonstellation, die wir Menschen mittels unseres Geistes zu klären gefordert sind, etwas hervor, das uns modernen Menschen durchaus teuer ist, nämlich die Freiheit. In ihren Genuss kämen wir nicht, wären wir ausschließlich endliche und bis ins Letzte festgelegte Wesen. Kierkegaard macht nun deutlich, dass uns Menschen an dieser Freiheit insofern schwindlig werden kann, als wir an ihr die Unabsicherbarkeit des eigenen Lebens als offenen Abgrund erfahren müssen. Aus diesem Abgrund steigt Angst auf, die uns zutiefst (be-)trifft.

 

Aus der Enge der Endlichkeit

 

Diese Angst ist nicht wirklich zu beseitigen, ist sie doch zugleich „die Entstehungsbedingung der Subjekthaftigkeit“ (E. Drewermann). (Wie) lässt sich mit der Angst leben? Und welche Rolle spielt dabei der Glaube? Zuerst: Angst als Enge führt in die Enge der Endlichkeit: Als Menschen sind wir geneigt, im Endlichen zu verbleiben und darin – vermeintlich – zu suchen, was wir aus uns selbst nicht zu tilgen vermögen: Unendlichkeit (im Sehnen nach Glück, Erfüllung, Leben). Eugen Drewermann sieht folglich in dieser Angstdynamik den Grund für Sünde – nicht als moralische Verfehlung in konkreten Taten, sondern als grundlegenden Fehlgriff: Wir stürzen uns auf Endliches mit unendlichem (Erwartungs-) Appetit statt vom Unendlichen (Gott) her eine Verhältnisstabilisierung zu erhoffen und zu erbitten!

 

Geistliche Hebammen-Tätigkeit

 

Geistlich berufen zu sein heißt, noch vor jeder religiösen Spezifizierung, dem ins Mensch-Sein gelegten „Ruf“, Endliches mit Unendlichem mittels unseres Geistes in Spannung zu halten, nicht auszuweichen. Dies ist eine Lebensaufgabe: lebenslang und der Dynamik des Lebens gemäß. Nicht wenige der biblischen Erzählungen sind Berufungsgeschichten: Ins alltägliche Leben ergeht der Ruf, dass es mit dem Es-sich-eingerichtet-Haben nun vorbei sei. Dieser Ruf trifft zumeist auf Ängste, Widerspruch und Ausflüchte – wäre da nicht auch eine Verheißung, die der Angst ihre Enge nimmt, weil sie Appetit auf ein Leben macht, das „unendlich“ schmeckt und Fülle bedeuten könnte.

 

Geistlich Berufene, deren Leben Kontur gewinnt an unterschiedlichen, historisch gewachsenen Formen gemeinschaftlichen Lebens, können in diesem Sinn quasi als „Hebammen“ den Menschen nahe sein: Sie helfen bei der Geburt im Leben, die dennoch mit der Angst verbunden bleibt, es zu verlieren oder an ihm nicht satt zu werden. Darin zeugen sie gemeinsam mit den Begleiteten einen Glauben (C. Theobald), welcher der Angst zu trotzen vermag.

 

Nicht das letzte Wort

 

Christlicher Glaube nimmt Maß an Jesu Bereitschaft, der Angst nicht auszuweichen – sie im Glauben zu „halten“ durch den Verrat, das Verleugnet-Werden, die Einsamkeit und den sinnentleerten Tod hindurch. Die Angst ist damit im christlichen Glauben aufgehoben: Sie hat Platz, doch behält sie nicht das letzte Wort. Jesu Botschaft vom Gottesreich, das andere, menschen- und schöpfungsgerechte(re) Verhältnisse stiftet und jetzt schon Wirksamkeit beansprucht, drängt auf eine Entscheidung im Glauben. Dies schafft keine zusätzliche Angst, sondern begegnet ihr mit offenem Visier im Entscheid, Gottes Unendlichkeit an unsere Endlichkeit heranreichen zu lassen. Die weltlich-endlichen Verhältnisse – so die Gottesreich-Verheißung – ändern sich, wenn das Endliche vom Unendlichen her in den richtendbarmherzigen Blick genommen werden kann.

 

 

Durch seine lange Geschichte hindurch hat sich der christliche Glaube in gelebten Traditionen „abgelagert“, die einen reichen Fundus an Erfahrungen, Zeugnissen und Sprache bieten. Dabei muss eine in der (post-)säkularen Welt fremdwörterlich gewordene Sprache kein Hindernis sein, kann ihr erläuterndes Fremdsein doch die Menschen mit der Fremdheit ihrer Angst auf eine Art vertraut machen, die nicht zu viel verspricht:

„… ängste nimmer,

scheue nimmer,

denn bei dir ist ER dein Gott überall,

wo du gehst.“

 


 

 

Dr. Andreas Telser ist Assistenz-Professor am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik der  Katholischen Privatuniversität Linz (KU).

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