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Gottesrede - Vom anderen her

Ein Essay von Isabella Bruckner

In Krisenzeiten zeigt sich auch, ob religiöse Sprachformen noch anschlussfähig und verstehbar sind. 

miteinander 9-10/2021

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Krisenzeiten haben apokalyptischen Charakter – apokalyptisch jedoch nicht im Sinne von katastrophischer Weltuntergangsstimmung, sondern im Sinn von offenbarend. Vieles schwemmt dann an die Oberfläche, was in Zeiten des „Normalbetriebs“ unbemerkt am Grund dahin- dämmert. Was hat diese Krisenzeit an Gottesrede zum Vorschein gebracht? Jedenfalls ein Zweifaches: Während die einen auf apokalyptisches Vokabular im Sinne von Weltuntergangs- stimmung zurückgriffen, blieben die anderen betroffen stumm. Offenbart sich von daher inmitten der pandemischen Krise nicht eine mindestens ebenso große Krise der religiösen Rede? Deutlicher als sonst stellt sich also die Frage: Wie heute von Gott sprechen? Unvermeidlich scheint mir jedenfalls, auf jeden Überheblichkeitsgestus, jede vermeintliche Gewissheit in der Gottesrede zu verzichten.

 

Einen Fingerzeig in diese Richtung gibt der französische Jesuit und Philosoph Michel de Certeau (1925-1986). Er spricht in Bezug auf den Glauben von einer faiblesse. Die faiblesse kennzeichnet den Glauben als eine Position der Schwachheit – im Gegensatz zur starken Position des Wissens – bei einer gleichzeitigen Schwäche für den anderen. Sie versteht es, dem anderen im Eigenen „Platz zu machen“, ohne ihn darin einzuschließen. Die Haltung des Glaubens vermag sich gegen- über der Fremdheit des anderen, seinen Nöten, Zweifeln, Ängsten und Leiden nicht zu immunisieren oder sich mittels des Wissens gegenüber seinen Anfragen abzuschirmen. Die faiblesse kennzeichnet vielmehr eine Verletzbarkeit und Berührbarkeit für die Frage und das Rätsel, die der andere – auch in seiner konkreten Körperlichkeit – für das Denken, das Handeln sowie für das eigene Selbstverständnis darstellt.

 

Wegbegleiter am Rand

 

Aus einer derartig verstandenen Perspektive des Glaubens bieten religiöse Traditionen – Lieder, Gebete und Erzählungen – keinen Fundus an eindeutigen Antworten. Sie stellen eher Zeugnisse von Sehnsüchten und Perspektiven der Hoffnung dar, die für Einzelne – möglicherweise sogar für Gemeinschaften – zu einem lebensverändernden Ereignis werden können. Die Kunst der religiösen oder glaubenden Rede besteht dann darin, den rechten Moment des Schweigens zu erkennen. Es gibt Momente, in denen nur mehr zärtliche oder tatkräftige Gesten angemessen sind, jedes vorschnelle und sichere Wort jedoch gotteslästerlich wäre. Tatsächlich dürften religiöse Texte und Traditionen für viele Menschen heute zu Wegbegleitern am Rande geworden sein. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Vielleicht überdauern sie auf diese Weise mancherorts auch unterschwellig und unbemerkt. Möglicherweise vermögen die Lieder, Gebete und Erzähl- ungen dann gerade dort Unverhofftes anzuregen, zu trösten, durchzutragen, wo es vorher gar nicht erwartet worden wäre.

 

Wendet sich jemand heute aber bewusst religiösen Texten zu, so sieht er bzw. sie sich zunächst mit einer unleugbaren Distanz konfrontiert. Heutige Glaubende – bzw. jene, die glauben „möchten“ (H. Oosterhuis), oder zu „glauben glauben“ (G. Vattimo) – stehen vor Texten, die ihnen den zeitlichen und kulturellen Abstand zu deren Entstehung und zu deren Ursprung (Jesus Christus) deutlich vor Augen führen. Ihre Fremdheit zwingt sie zu einer Geste der Übersetzung.

 

Religiöse Sprache im Fluss

 

Michel de Certeau verdeutlicht dies mit einem Bild. Er stellt zwei Figuren einander gegenüber: den humanistischen Übersetzer der Renaissance und den klösterlichen Kopisten des Mittel-alters. Während sich der kontemplative Klosterbruder noch dem einfachen Abschreiben der sakralen Bücher widmete und Gleiches reproduzierte, kreist der Übersetzer rund um einen unaufhebbaren Unterschied, der ihn von dem fremden Text und seinem Ursprungskontext trennt. Sein Tun speist sich aus einer spannungsvollen Begegnung zweier Sprachen, in der Raum für eine neue, dritte Schrift eröffnet wird. Eine Übersetzung ist von daher nie „fertig“. Wer schon einmal einen Text übersetzt hat, kennt den Kampf mit dem unübersetzbaren Rest, der allen Bemühungen widersteht, weil sich die eine Sprache eben nicht bruchlos in die andere überführen lässt.

 

„Übersetzung“ ist jedoch nicht nur im wörtlichen Sinne gemeint. Es geht um noch Grundsätz- licheres, nämlich um die Frage: Ist religiöse Sprache eine statische Sprachform oder ist sie im Fluss? Für religiöse Traditionen stellt die Übersetzung eine Frage des Überlebens dar. Sie ermöglicht ihren Texten ein Fortdauern in anderen Zeiten, Sprachen und Kulturen, die jenseits ihres geschichtlichen Entstehungskontextes liegen. Dies heißt nicht, dass man sich einer religiös-institutionellen Autorität unterwerfen muss. Die Quellen der jüdisch-christlichen – vielleicht zukünftig auch noch stärker der islamischen – Überlieferung sind längst zu einer Ressource geworden, die allen Menschen offensteht, unabhängig von jeder dezidiert religiösen Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit.

 

Ringen um Übersetzungen

 

Diese freie Verfügbarkeit des religiösen Erbes drückt sich in der totalen Banalisierung der ursprünglich religiösen Gehalte ebenso aus wie in anspruchsvollen künstlerischen oder säkular-philosophischen Versuchen der Anknüpfung an das jüdisch-christliche Erbe. Die großen Begriffe wie Heil, Erlösung, Gnade etc., die die religiösen Traditionen narrativ-poetisch ausbuchstabieren, sind nicht nur für explizit religiös musikalische Menschen verstehbar. Kinofilme, Serien, Romane oder Popsongs, die diese Themen aufgreifen, setzen ihre allgemein menschliche Bedeutung ganz klar in Szene.

 

Weniger als auf das dezidiert (nicht-)religiöse Etikett einer Lektüre kommt es deshalb wohl eher darauf an, mit welcher Haltung Texten aus der Vergangenheit generell begegnet und welches Maß an Vernünftigkeit ihnen zugetraut wird. Sieht man in ihnen allein eine primitive Vorstufe zur Moderne oder traut man ihnen zu, unsere Sprache und unser Empfinden immer noch anregen, umstülpen und wirklich berühren zu können? Die entscheidende Frage, die sich also stellt, ist dann diese: Ist eine Gesellschaft, eine Sprache, auch eine Theologie oder die Sprache der Verk- ündigung dazu bereit, dem vergangenen anderen ebenso wie dem gegenwärtigen anderen im Eigenen Platz zu machen? Und traue ich diesem anderen zu, unserer Zeit und unserer Situation etwas zu sagen zu haben?

 

Gefordert ist also ein Akt der Übersetzung, der nicht im Eigenen verharrt. Er kann nur gelingen, wenn er sich auf die Realität und die Sprache der anderen einlässt. Glauben und übersetzen geht nicht ohne ein wirkliches Hinhören auf das, was die Menschen auf allen Ebenen der Gesellschaft bewegt. Es braucht die faiblesse, diese Schwäche für den anderen, die es erlaubt, einander mit Worten und Gesten wirklich zu erreichen.


Isabella Bruckner

ist Assistentin am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der KU Linz und schreibt ihre Dissertation zu Michel de Certeau.

 

 

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