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Im Rausch

Nüchterne Trunkenheit

Die adventliche Haltung des Christen ist keine glühweinselige, sondern eine asketische: Rauschhaftes geht stets einher mit der Klarheit des Gedankens. Damit folgt christliche Spiritualität einem zu vielen neueren Bewegungen konträren Konzept: Statt um Ekstase geht es um Verinnerlichung, statt um Entgrenzung um Konzentration.

Essay von Dr. Albert GERHARDS| miteinander 1-2/2020

 

Des Geistes klare Trunkenheit: Bei christlichen Gottesdiensten spielt Wein seit jeher eine zentrale Rolle.

 

In der kirchlichen Tradition standen Rausch und Ekstase offiziell stets unter Generalverdacht und wurden höchstens in Nischen geduldet. Dies hat unterschiedliche Gründe. In den biblischen Religionen geht es um Gotteserkenntnis. Sie geschieht primär über das Medium Wort. Auch der Gottesdienst ist bezogen auf das Wort und appelliert an die Vernunft. In 1 Kor 14 geht es Paulus um das ekstatische Zungenreden (Glossolalie), dem er die prophetische Rede kontrastierend gegenüberstellt. Nur Letztere bringe Gewinn für den Glauben, da sie auch den Verstand anspricht. Die von Paulus gezogene Trennlinie zwischen privater, emotional bestimmter Religiosität und öffentlicher, rational dominierter Religionsausübung wird sich in der Folgezeit vertiefen. Bei der Schilderung des Pfingstereignisses zu Beginn der Apostelgeschichte (Apg 2,12ff) geht es ebenfalls um ein außergewöhnliches Sprachenphänomen – alle hören die Apostel in ihrer Muttersprache reden – doch die Wahrnehmung bzw. Deutung dieses Phänomens ist höchst unterschiedlich und hier ist ausdrücklich von Rausch die Rede.

 

Die Christen der ersten Generation lebten in der Naherwartung der Wiederkunft Christi, mussten sich aber zunehmend mit der Parusieverzögerung abfinden. Der Reflex davon findet sich in den Evangelien: So schärft Jesus im Markusevangelium seinen Jüngern ein, stets wachsam zu sein, da sie nicht wissen, wann die Zeit da ist (Mk 13,33–37). Die latente oder offene Leibfeindlichkeit in christlichen Traditionen hat ihren Ursprung in dieser eschatologischen Ausrichtung der Frühzeit, die freilich bald in Vergessenheit geriet.

 

Askese statt Glühwein

 

Die adventliche Haltung ist keine glühweinselige, sondern eine asketische. Besonders in der Adventszeit werden im Gottesdienst noch immer viele Texte gelesen, die diese Grundhaltung anmahnen. Dennoch distanzierten sich Judentum und Christentum im Unterschied zum Islam nicht grundsätzlich vom berauschenden Getränk Wein – er spielt bei ihren Gottesdiensten schließlich eine zentrale Rolle. Paulus stellt sich im 1. Korintherbrief ganz bewusst in diese Tradition. Allerdings geht es hier um einen rituellen Vollzug, während er für den Alltagsgebrauch zur Mäßigung mahnt.

 

Worin unterscheidet sich nun christliches Ritual von antiken nichtchristlichen Kulten? Der Titel dieses Beitrags bezieht sich auf eine Zeile aus dem Morgenhymnus Splendor paternae gloriae (Du Abglanz von des Vaters Pracht) des Kirchenvaters Ambrosius von Mailand (337–397). Die betreffende Strophe lautet in der Übertragung des Stundenbuchs:

Und Christus werde unser Brot

und unser Glaube sei uns Trank,

in Freude werde uns zuteil

des Geistes klare Trunkenheit.

Die „nüchterne Trunkenheit“ (sobria ebrietas) kommt hier vom göttlichen Licht, das „tief in unsrer Sinne Grund“ gedrungen ist, ähnlich wie die Feuerzungen am Pfingsttag. Der Erfahrungsraum ist wie an Pfingsten der des Gebetes, bei Ambrosius die Liturgie in ihren Grundgestalten Stundengebet und Eucharistiefeier. Bei diesem Konzept von Gottesdienst geht es also um etwas sehr Existentielles.

 

„Dass Herz und Stimme im Einklang sind“

 

Die Erkenntnis der spirituellen Reichtümer der römischen Liturgie war ein Motor der Liturgischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert führten die furchtbaren Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu einer Suche nach den authentischen Quellen des geistlichen Lebens. Fündig wurde man neben Benediktinerklöstern wie Beuron oder Maria Laach auch in Pfarreien wie denen des Leipziger Oratoriums oder in Zentren der Jugendbewegung wie Haus Altenberg oder Burg Rothenfels. Das Erfolgsgeheimnis der Liturgischen Bewegungen dieser Zeit besteht in der Fruchtbarmachung der Qualität des Symbols im ursprünglichen Sinn von symballein (zusammenwerfen): Liturgie vermittelt als Raum-Zeit-Stelle symbolisch die im Glauben bezeugte Wirklichkeit in die konkrete Erfahrung, ist somit ein intermediärer (Zwischen-)Raum.

 

In diesem Raum sinnlicher Erfahrung kann „nüchterne Trunkenheit“ sich einstellen. Das muss rauschartige Phänomene aufgrund sinnlicher Erfahrungen nicht ausschließen. Aber im Unterschied zur Ekstase im Sinne der Entpersönlichung geht es in der christlichen Liturgie um personale Begegnung, bei der der Verstand nicht dispensiert ist. In der Benediktusregel wird dies auf die Formel „mens concordet voci“ – „dass Herz (Verstand) und Stimme im Einklang sind“ gebracht. Es geht um ganzheitliche Präsenz – im Gottesdienst wie auch im alltäglichen Leben. Paulus bringt dies im Römerbrief auf den Punkt, indem er den Gottesdienst spiritualisiert und ethisiert, wenn er vom geistigen Gottesdienst (logike latreia/ rationabile obsequium) spricht.

 

Die „eschatologische Differenz“ bewahren

 

Wie aber verhält sich dies zu heutigen Phänomenen der Eventisierung mit massenpsychologischen und stimulierenden Effekten, wie sie in evangelikalen Mega Churches gängig sind und zunehmend auch innerhalb der traditionellen Kirchen an Sympathie gewinnen? Hier vermischen sich kulturelle und religiöse Elemente ursprünglich afrikanischer und südamerikanischer Provenienz mit modernem Marketing.

 

Mit „nüchterner Trunkenheit“ hat das wohl nichts mehr zu tun. Es fehlt die eschatologische Differenz, die durch das Symbol aufrechterhalten wird. Christlicher Gottesdienst darf nicht etwas vorgaukeln, was in dieser Welt noch nicht zu haben ist, kann aber wohl einen Horizont begründeter Hoffnung auf die Erfüllung eröffnen und durch die ständige Wiederholung der Feier offenhalten. Im Aushalten der bleibenden Differenz, der Abwesenheit des „nur“ im liturgischen Symbol Anwesenden – ereignet sich personale Begegnung. Die Bewegung klassischer christlicher Spiritualität ist allerdings gegenläufig zu der vieler neuerer Bewegungen: Statt um Ekstase geht es um Verinnerlichung, statt um Entgrenzung um Konzentration.

 

Dass der Anspruch der traditionellen Liturgien es gegenüber den unzähligen Angeboten von Events, Wellness oder freier Spiritualität in heutiger Zeit ungleich schwerer hat, liegt auf der Hand. Ob und wie die gegenläufigen Tendenzen miteinander in Dialog zu bringen sind, ist eine Herausforderung, die einige Anstrengung wert ist.


Autorennotiz:

Dr. Albert Gerhards war bis zu seiner Emeritierung 2017 Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

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